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StartseiteKultur heuteKlaus-Maria Brandauer brilliert als Ödipus27.07.2010

Klaus-Maria Brandauer brilliert als Ödipus

Peter Steins Sophokles bei den Salzburger Festspielen

Nichts an dieser Inszenierung deutet darauf hin, dass sie im Jahr 2010 entstanden ist. Man kann sie sich allerdings umstandslos als Hörspiel vorstellen, am besten: auf Platte gepresst, Titel: edles Sprechtheater, Untertitel: Die alten Griechen.

Von Karin Fischer

 Klaus Maria Brandauer und Katharina Susewind  (AP)
Klaus Maria Brandauer und Katharina Susewind (AP)
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Salzburger Festspiele

Denn was wir zu sehen bekommen, optisch, ist bestes Handwerk auf allen Ebenen - und gerade deshalb eher zu vernachlässigen. Die Kostüme leicht antikisierte bodenlange Roben, der böse Herrscher in rot, der gute in weiß. Ödipus' abgetragener Mantel hat die Farbe von Stein angenommen, ist in Wirklichkeit ist aber auch sehr, sehr edel. Die Bühne: ein kleiner Olivenhain hinter niedrigen Mauern, davor freie Spielfläche, nichts sonst; später wird es noch sehr edel blitzen und donnern. Der Chor: ältere Männer, die Hut und Gehstock tragen wie verstädterte griechische Bauern. Er wird später immer wieder in choreografischen Mustern angeordnet, summen, raunen. Durch ihn bildet Peter Stein die Starrheit, das Regel- und Ritualhafte des Systems ab: Der Chor umspielt kommentierend, was die Menschen zwischen irdischen Gesetzen und göttlicher Ordnung zu melden haben.

Ödipus kommt als blinder Bettler, geführt von seiner Tochter Antigone, zum Hain der Eumeniden, auf Kolonos bei Athen. Das Orakel hat geweissagt, dass sein Leben hier enden wird. Und dass, wo sein Leichnam liegt, dem Land nur Gutes geschieht. Doch die Götter haben noch ein paar hohe Hürden ersonnen: Zuerst ist Ödipus nicht willkommen wegen des Fluchs, der auf ihm lastet. Als König Theseus aus Athen ihm schließlich Schutz gewährt, kommt Kreon und will ihn zur Rückkehr nach Theben zwingen.

Wir erfahren vom Bruderzwist um Theben; die Söhne von Ödipus streiten um die Macht, auch Polyneikes kommt und fordert vom Vater Unterstützung. Ödipus verweigert sie auch ihm, verflucht den Sohn, verflucht Kreon, geht sterben – das Orakel erfüllt sich.

Man kann sich vorstellen, wie schwierig es war, aus dem extrovertierten Klaus-Maria Brandauer einen blinden und deshalb vor allem statisch agierenden Ödipus zu machen. Und hier beginnt, was an dieser Inszenierung mehr ist als perfektes Handwerk. Denn die letzte Reise des gedemütigten Helden umfasst Riesenräume und ganze geistige Epochen; Klaus-Maria Brandauer durchwandert sie alle und sitzt dabei nur auf einem Stuhl. Nur äußerlich und am Anfang sehen wir einen gebrochenen Mann. Mit seinen Zottelhaaren sieht er eher aus wie ein Zwischenwesen. Oft ist er stumm, wie ein Stein, ein Fels. Mit seinen Töchtern, vor allem mit Katharina Susewind als Antigone, stellt er eindrückliche Bilder des Schmerzes, des Abschieds dar, wie eine Pietá. Wenn er spricht, erklärend, aufbrausend, zornig, krächzt er, nuschelt und singt, krümmt sich, legt seine Hände wie Spangen um seinen Kopf, um die Marter auszudrücken, die die Erinnerung ihm beschert.

Doch Peter Stein stellt das Stück nicht nur in den Dienst seines Großschauspielers Klaus-Maria Brandauer, sondern – und das ist das eigentlich Spannende - diskutiert wichtige philosophische Fragen. Mit dem glatzköpfigen Jürgen Holtz als Kreon im Rollstuhl und dem schönen Christian Nickel als Theseus hat er die weltlichen Herrscher in ein Gegensatzpaar gefasst, den hybriden Machtmenschen und den gesetzestreuen Herrscher. Die Fragen lauten: Was ist Gerechtigkeit? Wie weit reicht sie? Wie wird weltliche Macht von der der Götter abgegrenzt? Was wirkt schwerer, die Herkunft oder die Taten? Wie ein Mantra erzählt Ödipus mehrmals seine Geschichte vom unschuldig schuldig werden. Die Götter hatten es bestimmt, bevor er geboren wurde. Die Menschen haben ihn dafür bestraft.

Am Ende darf Ödipus loslassen, darf ein wunderlicher Greis sein. Wie jemand, der eine Prozession anführt, geht er ohne fremde Hilfe in den heiligen Hain. Ein großer Moment, der viele biedere, schlimmer: furchtbar theatralische Momente, die die Inszenierung auch hat, aufwiegt.

Peter Stein hat sich ein Monument der Theatergeschichte vorgenommen, hat es durch die eigene Übertragung lesbar gemacht, und viel verständlicher als die neue Übersetzung von Peter Handke etwa. Das allein ist ein großes Verdienst. Er hat das Stück in präzise, fast schachbrettartige Konstellationen überführt und ein Denkspiel daraus gemacht, das trotzdem große Emotionen birgt. Die uns naturgemäß fremd erscheinen müssen. Was uns nicht ganz so fremd erscheint: Peter Stein hat den Menschen in einer Zwischenzeit porträtiert, eine Gesellschaft auf der Schwelle, die große Fragen an das "System" hat. Das ist zwar nur sehr indirekt auf heute übertragbar. Wer es aber tut, wird mehr erkennen als edles Sprechtheater.

Info:
Salzburger Festspiele

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