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StartseiteBüchermarktKleine schwäbische Literaturgeschichte19.08.2013

Kleine schwäbische Literaturgeschichte

Jan Bürger: "Der Neckar – eine literarische Reise". C.H. Beck

Der Literaturwissenschaftler und Mitarbeiter des Literaturarchivs Marbach, Jan Bürger, ist den Neckar entlang gereist und beschreibt zwölf Orte und ihre Bedeutung für die Kulturgeschichte. Die zentrale Rolle spielen die schwäbischen Dichter des 19. und 20. Jahrhunderts von Friedrich Schiller über Friedrich Hölderlin bis Hermann Lenz.

Von Christian Gampert

Der Neckar bei Heidelberg - Schauplatz einer Fehde zwischen den Anhängern des Lyrikers Stefan George und des Sozialwissenschaftlers Max Weber. (picture alliance / dpa Foto: Uwe Gerig)
Der Neckar bei Heidelberg - Schauplatz einer Fehde zwischen den Anhängern des Lyrikers Stefan George und des Sozialwissenschaftlers Max Weber. (picture alliance / dpa Foto: Uwe Gerig)
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Warum schreibt einer, der in Marbach hauptberuflich das Suhrkamp-Archiv betreut, ein Buch über den Neckar? Jan Bürger sagt, er habe einfach aus dem Fenster geschaut. Und sei dann einen Stock tiefer gegangen, in den Keller. Dort liegen sie alle, die schwäbischen Dichter. Oder jedenfalls ihre Manuskripte, die erforscht werden wollen.

"Mir ging es nun so, dass ich einerseits das Archiv im Rücken hatte mit dieser Fülle von literarischer, kultureller Tradition aus diesem Neckarraum, aus dieser Region. Und zum anderen den Blick auf den Fluss selbst. Und manchmal kam mir der Gedanke, und das ist auch ein Teil des Konzeptes des Buches, dass es gar nicht so einen großen Unterschied macht, zum Beispiel eine Handschrift von Hauff oder von Hölderlin zu betrachten und zu interpretieren oder dieses Stück gestaltete Landschaft, das dort unten als Fluss vor mir liegt."

Nun bringt eine Landschaft ja nicht zwangsläufig eine bestimmte Literatur hervor. Aber es gibt Zusammenhänge. Im Falle der schwäbischen Dichter vor allem des 19. Jahrhunderts stellt sich sehr bald heraus, dass es – natürlich - die Außenseiter sind, die den Neckar bedeutsam gemacht haben. Also gerade jene, die sich dort nicht (oder nur sehr ambivalent) heimisch fühlten. Die Fremdlinge im eigenen Haus.

Das Tübingen-Kapitel ist Hölderlin gewidmet

Der Schriftsteller Christan Friedrich Hölderlin (picture alliance / dpa)Der Schriftsteller Christan Friedrich Hölderlin (picture alliance / dpa)Obgleich Jan Bürgers Reiseroute entlang des Flusses das nahelegen könnte, ist dies also nur sehr bedingt ein Heimatbuch. Es ist eher eine Annäherung von außen: Der Autor ist zwar schon länger da, aber er ist ein zugewanderter Norddeutscher. Und es ist eine Parteinahme für die heimatliebenden inneren Emigranten, also für die, die der Enge des schwäbischen Pietismus entfliehen wollten – und die oft genug im Leben scheiterten, aber in der Schrift ein Zuhause fanden. Das programmatische, großartige Tübingen-Kapitel etwa ist vor allem Hölderlin gewidmet, und der wird hier gesehen mit den Augen des frühen Psychotherapeuten Wilhelm Waiblinger.

Andererseits ist da die Landschaft, der heute weitgehend gezähmte und begradigte Neckar, der vor 200 Jahren noch etwas reißender war, Wasserstraße für die Flößer.

"Vielleicht hat es tatsächlich auch mit der Landschaft zu tun und mit der Unwägbarkeit dieser Landschaft, die auf der einen Seite zu diesen enormen Phantasieräumen geführt hat und auf der anderen Seite auch zu ganz wichtigen industriellen Impulsen. Also dass man einfach versucht hat, voranzukommen. Am Anfang hat man versucht, auf dem Fluss voranzukommen. Dann hat man die Eisenbahn an den Fluss gebaut, und dann hat man, wahrscheinlich nicht zufällig, an zwei Orten hier am Neckar, das Automobil erfunden."

Bürger führt uns zum Prolog in eine der 27 Schleusen des Neckars, die zwischen Plochingen und Mannheim ein Gefälle von der Höhe des Ulmer Münsters überwinden. Und dann schiffen wir uns am Tübinger Hölderlinturm, wo der Neckar noch ganz flach ist, ein zu einer Fahrt über Mörikes und Härtlings Nürtingen und das Stuttgart von Gustav Schwab und Hermann Lenz nach Heidelberg, wo eine Begegnung zwischen Max Weber und Stefan George inszeniert wird.

Schiller flüchtete nach Mannheim

Den großen deutschen Dichter Friedrich Schiller zeigt eine undatierte Grafik (AP)Der großer deutscher Dichter Friedrich Schiller. (AP)Und weiter nach Mannheim, wohin Schiller flüchtete und wo Kotzebue erstochen wurde. Dann geht es zurück zur Neckarquelle im Schwenninger Moos und wieder nach Tübingen, wo sich Uhland, Hegel, Hölderlin, Lenau und Hesse unter der Wurmlinger Kapelle versammeln.

Es sind insgesamt zwölf Stationen, die sich zu einem Jahr runden – denn jeden Monat hat Bürger einen anderen Ort bereist. Und er hat nicht nur das Archivmaterial studiert und zu einer liebevollen, detailreichen Erzählung verarbeitet. Er hat auch geschaut, was an all diesen Orten heute passiert. Diese aktuellen Impressionen sind manchmal ein bizarrer Gegensatz zur Geistesgeschichte, weil auf einmal Kickboardfahrer und tätowierte Sozialhilfeempfänger an historischer Stätte spuken. Kondome und Bierflaschen liegen herum, aber so ist es nun mal: Der Genius loci wird überwuchert von der Banalität der Gegenwart.

Andererseits sind es gerade diese Vignetten, die heutigen Szenen und die leise poetischen Landschaftsschilderungen, die das Buch aus der bloßen Gelehrsamkeit herausheben: Der jetzige Zustand der Orte wird geschildert, um von dort in die Geschichte vorzudringen.
Aber auch da schaltet Jan Bürger gern vor und zurück: von dem Volksliedprofessor Ludwig Uhland, dem trinkfesten Mediziner-Dichter Justinus Kerner oder dem Altphilologen Gustav Schwab geht es flugs zu Carl Benz und Gottlieb Daimler, zur Esslinger oder Stuttgarter Verlagsgeschichte, zu Paul Celans Nachkriegs-Lesungen oder Rudolf Schlichters Anfälligkeit für den Faschismus.

Manche Kapitel wirken ein wenig überladen: Symptomatischerweise geht gerade in Stuttgart, wo der Autor lebt, die Lockerheit anderer Kapitel flöten zugunsten einer Stoffsammlung für Größeres. Natürlich spielt Schiller eine Hauptrolle, auch in Mannheim, aber unterwegs werden der Okkultismus des Justinus Kerner und der romantische Ansatz des Nikolaus Lenau ausführlich besprochen.

Bürgers Grundthese geht in dieser detailreichen Erzählung manchmal fast unter: dass der schwäbische Mittelstand des 18. und 19.Jahrhunderts - all die frommen Pfarrer, Beamten, Lehrer und Mediziner - ihren Söhnen per Bildung einen Schlüssel zum Ausbruch aushändigte, und dass diese Bildungswut bis heute nachwirkt. Die Stuttgarter Karlsschule und das Tübinger Evangelische Stift stellten das Handwerkszeug zu ihrer eigenen Überwindung zur Verfügung.

"Wenn man sich Schillers Flucht anschaut, aus Württemberg nach Mannheim im Umfeld der Uraufführung der "Räuber", dann hat das vielleicht auch etwas Typisches. Man wächst in einer gewissen Enge auf, man genießt eine exzellente Erziehung, und diese Erziehung wird gleichzeitig zum Instrument, sich entweder intellektuell – so wie Mörike – oder auch tatsächlich da herauszubegeben – und dann möglicherweise, wie Hegel oder Kepler oder Schiller, weltweite Wirkung zu entfalten."

Stefan George und Max Weber in Heidelberg

Stefan GeorgeDer Lyriker Stefan George.Wer will, kann diese Essays auch als Reiseführer benutzen: Das Ludwigsburger Schloß, die Landschaft bei Weinsberg, das Hohenasperger Gefängnis oder die Heidelberger Universität werden durch die Zeiten begleitet. Gerade Heidelberg wird bei Bürger zum Schauplatz einer intellektuellen Fehde: zwischen den sich genialisch dünkenden Homoerotikern um den Lyriker Stefan George und den nüchtern-analytischen Sozialwissenschaftlern um Max Weber.

Bürger sucht in Heidelberg die damaligen Wohnorte der Protagonisten auf, zeigt die Verflechtungen unter den George-Jüngern, geht aber auch der fortschreitenden Faschisierung der Heidelberger Universität in den 1930er-Jahren nach. Da taucht dann die Studentin der Volkswirtschaft Hilde Loewenstein auf, die mit ihrem Mann, dem George-Verehrer Erwin Walter Palm, nach Italien, England und in die Dominikanische Republik floh – und später unter dem Namen Hilde Domin in der Bundesrepublik eine wichtige Lyrikerin (und Kritikerin) wurde.

"Am Abend ging ich am Neckar entlang und über die alte Brücke, und versöhnte mich auf eine halbe Stunde mit Heidelberg", schreibt Domin vor ihrer Emigration. Wenigstens der Fluss und die Brücke bleiben unbefleckt vom Nazitum, zumindest als Bild und Erinnerung.

Auch in Stuttgart begibt sich Bürger auf Spurensuche – und findet das heute heruntergekommene Wohnhaus des mit seiner Heimatstadt stark verbundenen Hermann Lenz, der erst in den 1970er-Jahren von Peter Handke entdeckt wurde. In einem Gebäude des Süddeutschen Rundfunks, der Villa Berg, begegnen wir den Nachkriegs-Intellektuellen Alfred Andersch, Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser und Helmut Heißenbüttel; im Juni 2011, als Jan Bürger da vorbeikommt, ist das Haus vernagelt und zugewachsen, es gehört einem insolventen Investor.

Dann wieder geht es zur schwäbisch-alemannischen Fasnet nach Nordstetten und zum dort 1812 geborenen Verklärer des Schwarzwälder Dorf- und Bauernlebens, Berthold Auerbach, der als Moses Baruch Auerbacher zur Welt kam. Das württembergische Judentum spielt ansonsten keine große Rolle, dafür viele Zugereiste, die am Neckar Station machten und dort Impulse bekamen, von Hans Werner Richter bis Siegfried Unseld.

Und so ist dieses Buch vieles auf einmal: ein Reisebericht, der sich zu einer kleinen schwäbischen Literaturgeschichte weitet; ein Spiegelkabinett, in dem sich Gestern und Heute gegenseitig beleuchten; eine Industrie- und Mentalitätsgeschichte.

"Eigentlich ist es ja so, dass wir hier in der Region ein Phänomen beobachten können, dass sich auf diesem Flusslauf von 367 Kilometern etwas entwickelt hat, was man sonst nur in einer ganz großen Stadt finden würde. Es ist so ein merkwürdiger enggefügter Kulturraum. Und das wollte ich darstellen." (16 sec)

Nein, eine Großstadt ist das hier nicht. Es ist eine Flusslandschaft, und hinter Jan Bürgers sorgfältiger Schilderung wird mehr als einmal das Vorbild solch kulturgeschichtlichen Erzählens sichtbar: Es handelt sich um "Die Donau" von Claudio Magris. Während bei dem Triestiner Schriftsteller aber das Multikulturelle eine Hauptrolle spielt, geht es bei Jan Bürgers Neckar-Fahrt mehr um eine Art wehmütiger Auflehnung, die die Hölderlins von damals heraustrieb ins Offene. Und wer es von den weinbergumkränzten Hügeln Schwabens nicht schaffte bis in die Hitze Griechenlands, der reiste halt im Geiste. Der Interrail-Jüngling von heute hat es da besser; aber er schreibt dann meistens keine Poesie.

Jan Bürger: "Der Neckar – eine literarische Reise"
Verlag C.H.Beck, München. 288 Seiten, 19,95 Euro

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