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StartseiteUmwelt und VerbraucherGegen Wegwerf-Trend von Sachgütern16.02.2016

Kölner UnternehmerinGegen Wegwerf-Trend von Sachgütern

Kosmetikartikel, Geschirr und andere Gebrauchsgüter werden tonnenweise entsorgt, wenn sie winzige Fehler haben. Denn Spenden kann teurer werden als entsorgen. Eine Kölner Unternehmerin engagiert sicht gegen die Verschwendung von Sachgütern und sorgt mit ihrem Unternehmen dafür, dass Sachgüter lieber gespendet statt entsorgt werden.

Von Theresa Hübner

Blaue Mülltonnen mit gelben Säcken (deutschlandradio.de / Daniela Kurz)
Für Unternehmen wird Spenden oft durch die Umsatzsteuer teurer als verbrennen. (deutschlandradio.de / Daniela Kurz)
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Deos, Windeln, Shampoo, Bratpfannen – ja sogar Toaster. Eine riesige Lagerhalle in Troisdorf bei Köln. Bis unters Dach stapeln sich die Boxen.

Mittendrin: Juliane Kronen. Sie ist Geschäftsführerin von "Innatura", Deutschlands erstem gemeinnützigen Unternehmen für die Vermittlung von Sachgüterspenden.

"Ja, alles, was Sie hier sehen, sind Waren, die aus verschiedensten Gründen nicht mehr in den Handel gelangen und entsorgt worden wären."

Tatsächlich entsorgt. All die Güter in Juliane Kronens Lager wären eigentlich in Müllverbrennungsanlagen gelandet – sie stammen aus Überproduktionen, sind beim Sortimentswechsel übrig geblieben oder wurden aussortiert, weil zum Beispiel das Etikett fehlerhaft war oder im Deo ein paar Milliliter Inhalt zu wenig gelandet sind. Soziale Einrichtungen könnten die Sachen gut gebrauchen - doch gespendet wird eher selten, denn: Das ist oft teurer, als verbrennen.

"Es ist leider so, dass Unternehmen eine Sachspende wie einen Umsatz bewerten müssen, das heißt, sie müssen auf den Wert der Ware Umsatzsteuer abführen, das heißt, ein Unternehmen wird dafür bestraft, wenn es spendet, statt es zu entsorgen."

Das stimmt. Das deutsche Umsatzsteuerrecht ist der ausschlaggebende Grund dafür, dass viele produzierende Unternehmen ihre Fehlware entsorgen, statt sie an gemeinnützige Einrichtungen zu spenden. Jedes Jahr werden daher Güter im Wert von mindestens zwei Milliarden Euro vernichtet. Eine echte Umweltsünde - denn die Produktion hat ja schließlich Ressourcen verbraucht. Die Unternehmen vernichten ihre Ware nicht etwa gerne, sagt Harald Elster, Präsident des deutschen Steuerberaterverbandes.

"Das ist eine ganz einfache betriebswirtschaftliche Rechnung, was zahl ich an Umsatzsteuer und was kostet mich die Vernichtung im Ofen."

Umsatzsteuerproblem im Lebensmittelbereich behoben

Dass es durchaus anders ginge, zeigt ein Blick in den Lebensmittelbereich. Dort gab es das Umsatzsteuerproblem auch - bis 2012. Da wehrte sich ein Bäcker dagegen, dass er Umsatzsteuer für gespendete Brötchen nachzahlen sollte – und bekam recht. Seitdem sind Lebensmittelspenden, zum Beispiel an die Tafeln, von der Umsatzsteuer ausgenommen. Doch um das auch auf den Sachgüterbereich zu übertragen, bräuchte es politische Impulse. Harald Elster:

"Der Gesetzgeber müsste ein gesetzgeberisches Verfahren einleiten mit dem Ziel, dass die Übernahme solcher Artikel im sozialen Bereich ohne Umsatzsteuer möglich wäre."

Sehr leicht wird sich das Umsatzsteuerrecht zwar nicht ändern lassen, erklärt Steuerexperte Harald Elster, denn es handelt sich um europäisches Recht. Aber unmöglich ist eine Anpassung nicht. Dass es eine grundsätzliche Bereitschaft gibt, Fehlchargen zu spenden- davon ist er überzeugt.

"Ich glaube, dass die Unternehmen eine große Bereitschaft haben Überproduktionen zu spenden und in den Flüchtlingsbereich, in den sozialen Bereich zu bringen, aber der gesetzliche Rahmen muss das zulassen, dass es nicht zu zusätzlichen Belastungen für die Unternehmen kommt."

Gegen den Verschwendungswahn von Sachgütern

Zurück nach Troisdorf, in das Lager von Juliane Kronen. 2011 hatte die Kölnerin die Idee ein Unternehmen zu gründen, das sich dem Verschwendungswahnsinn im Sachgüterbereich entgegenstellt. Zwar kann auch Juliane Kronen die Umsatzsteuer nicht wegzaubern, aber sie nimmt den Firmen die Suche nach geeigneten, gemeinnützigen Einrichtungen und die Logistik ab. Und: Innatura stellt sicher, dass gespendete Ware nicht etwa auf dem Schwarzmarkt landet. Die Empfänger sparen, sie zahlen nur noch eine Vermittlungsgebühr für die Waren. Noch ist Juliane Kronen mit ihrem Unternehmen eine Art Pionierin, aber:

"Das Bewusstsein was die Verschwendung von Lebensmitteln angeht ist ja in den letzten Jahren sehr stark gestiegen. Ich glaube, bei Produkten, oder bei nicht-verderblichen Produkten sind wir gerade erst am Anfang insofern hat die Lebensmitteldiskussion uns vielleicht auch ein bisschen den Weg bereitet und wir haben die Möglichkeit dasselbe jetzt für Nicht-Lebensmittel zu tun."

Im Idealfall, so hofft Juliane Kronen, wird die Arbeit von Innatura eines Tages sogar ganz überflüssig sein. Doch bis dahin wird es wohl noch etwas dauern.

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