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StartseiteForschung aktuellKonkurrenzkampf unter Invasoren01.09.2010

Konkurrenzkampf unter Invasoren

Fremde Minimuschel verdrängt verwandten Ex-Einwanderer aus deutschen Hauptflüssen

Auf der 40. Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie berichten Forscher von einer eingewanderten Muschel, die sich besonders rasch in unseren Flüssen verbreitet. Dieser neue biologische Invasor verdrängt einen früheren Einwanderer und könnte größere Schäden als er anrichten.

Von Volker Mrasek

Rhein-Main-Donau-Kanal: Hier breitet sich immer mehr die Quaggamuschel aus. (DRadio)
Rhein-Main-Donau-Kanal: Hier breitet sich immer mehr die Quaggamuschel aus. (DRadio)

Ein Arbeitsraum im IFZ, im Interdisziplinären Umwelt-Forschungszentrum der Universität Gießen. Die Biologin Katharina Heiler öffnet ein Probenglas - heraus purzeln Dutzende Muschelschalen:

"Also, das sind ziemlich kleine Muscheln, ungefähr bis zwei Zentimeter."

Aber! Auffällig gestreift:

"Wir haben hier zwei verschiedene Arten. Die Zebramuschel, mit einem relativ typischen Zebramuster. Und dann haben wir die Quaggamuschel. Die hat auch eine Art Zebramuster. Allerdings ist dieses nicht so stark ausgeprägt."


Der blasseren Quaggamuschel gilt im Moment das ganze Interesse der Gießener Biologin. Wie sie jetzt herausfand, breiten sich die Schalentiere massiv in deutschen Flüssen aus. Es ist die neueste Invasion einer gebietsfremden Art. Denn eigentlich stammt die Quaggamuschel aus der Region um das Schwarze Meer herum und zählt nicht zur hiesigen Fauna:

"Vor drei Jahren etwa tauchten die ersten Muscheln auf. Es waren im Prinzip Einzelfunde, und man hat das Ganze nicht für so bedrohlich gehalten. Ich habe jetzt in meiner Doktorarbeit ein Sampling, sagt man bei uns, also eine Sammelarbeit durchgeführt. Und habe festgestellt, dass sich die Muscheln in einem rasanten Tempo ausgebreitet haben. Und jetzt fast überall in allen Hauptflüssen sitzen. Also, am Rhein. In der Donau, am Main und am verbindenden Main-Donau-Kanal. Und jetzt sogar auch im Mittelland-Kanal."

Vermutlich ist die Quaggamuschel die Donau hinaufgewandert. Obwohl erst kurz im Land, fällt der ungebetene Gast schon unangenehm auf. Die Muscheln lassen sich auf festen Oberflächen nieder, gleich welcher Art. Katharina Heiler erlebt:

"Dass mich häufig auch in kleineren Häfen Sportbootinhaber oder Hafeninhaber ansprechen. Und die sagen, dass es wirklich ein großes Problem ist, dass die Muscheln regelrecht die Boote verkrusten oder auch direkt auf den Schiffsschrauben sitzen. In unseren Flüssen haben wir hauptsächlich sandiges Material und wenig Steinschüttungen. Und wenn alle Steinschüttungen besetzt sind, dann setzen die sich überall dran, also auch auf Boote."

Breitet sich die Quaggamuschel weiter so stark aus, kann sich Thomas Wilke noch größere Probleme vorstellen. Der Zoologe ist Professor für Biodiversitätsforschung an der Gießener Uni:

"Natürlich auch für die Binnenschifferei spielt das eine große Rolle, weil die Reibung damit erhöht wird, das heißt, regelmäßig müssen die Rümpfe dann entsprechend von den Muscheln befreit werden. Und natürlich: Die Großmuscheln sind ja in Deutschland generell gefährdet, einige Arten vom Aussterben bedroht. Und die werden regelrecht von diesen Zebramuscheln beziehungsweise von der Quaggamuschel zugewachsen."


Also leiden auch einheimische Arten bereits unter dem neuen Eindringling.

Wenn man so will, handelt es sich bei der aktuellen Invasion schon um die zweite Einwanderungswelle. Denn auch die gerade noch einmal erwähnte Zebramuschel hat sich als fremde Art in deutschen Flüssen festgesetzt. Allerdings schon vor rund 200 Jahren. Jetzt taucht plötzlich die eng verwandte Quaggamuschel auf. Beide Arten gehören zur Gattung der Dreikantmuscheln, und es kommt womöglich zum großen Showdown, wie die Biologen vermuten:

"Das interessante Phänomen ist, dass die neue Art, die Quaggamuschel, die alte invasive Art, die Zebramuschel, verdrängt, und zwar ganz massiv verdrängt. Es ist ein einmaliger Forschungsgegenstand, dass wir hier zwei invasive Arten haben, die hier aufeinandertreffen."

Vermutlich hat die Quaggamuschel die besseren Karten. In Nordamerika, wo sie schon in den 80er-Jahren aufkreuzte, setzte sie sich jedenfalls durch.

Doch es gibt noch viele unbeantwortete Fragen:

"Warum ist die Quaggamuschel der Zebramuschel überlegen?"

Was bedeutet es für die Flussökosysteme, wenn ein Einwanderer den anderen ersetzt? Die Quaggamuschel scheint schneller dichtere Bestände auszubilden:

"Wobei noch gar nicht klar ist, in welchem Umfang hier einheimische Arten beeinflusst werden."

Die Gießener Biologen hoffen aber, dass sie diese Rätsel im Laufe ihrer Untersuchungen noch lösen. Und dann sagen können, welche Bedrohung wirklich von der Muschel ausgeht. Für die Ökosysteme. Und für die Schifffahrt.

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