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Kraftvoll veräußerlichend

Kornél Mundruczó inszeniert J.M. Coetzees "Schande" bei den Wiener Festwochen

Von Hartmut Krug

Der südafrikanische Literatur-Nobelpreisträger John Maxwell Coetzee
Der südafrikanische Literatur-Nobelpreisträger John Maxwell Coetzee (AP Photo/Viking Press)

In den Büchern des südafrikanischen Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee weiß man selten, wo Erlebtes aufhört und Erdachtes anfängt. Sein Roman "Schande" stellt einen Meilenstein dieser Verwirrtechnik dar - kein hinreichender Grund, den Text auf die Bühne bringen zu müssen.

Coetzee lieferte in seinem Roman "Schande" eine analytisch kühle Bestandsaufnahme der Postapartheid-Situation in Südafrika. Die illusionslose Nüchternheit, mit der Coetzee die gewalttätigen Ereignisse auf einer einsamen Farm beschreibt, die Ausweglosigkeit, die er vermittelt, sie gehen unter die Haut. Der ungarische Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó dagegen hat sich mit sehr direkter, scheinrealistischer Darstellung von gesellschaftlichen und individuellen Gewaltverhältnissen hervorgetan. Seine Bühnenversion von Coetzees Roman beginnt deshalb auch mit der Ausstellung einer Orgie von Gewalt: die junge weiße Lucie wird von schwarzen Männern auf ihrer Farm vergewaltigt. Kein Wort fällt, nur Knurren und Fauchen ertönt, während die Männer die Frau schänden und auf vielerlei Weise in sie eindringen, sie mit Blut aus einem Hundeschädel markieren und die nackt in einen Hundekäfig Gesperrte dort auch noch hündisch erneut penetrieren.

Wenn alles vorbei ist, die Darstellerin sich notdürftig bekleidet und erholt hat, ruft sie ihre Kollegen wieder herein, - denn es war bei aller nackten Drastik ja doch nur Theater. Und alle singen "We are dogs". Der Hund als Metapher für die allgemeine Verrohung in Südafrika bedeutet: in dieser Inszenierung wird unentwegt gebellt und geknurrt. Alle Menschen sind hier auch mal Hunde, greifen an oder zerren an der Leine. Später erkennt Lucy, dass die Männer, die sie vergewaltigt und geschwängert haben, sie als die neuen Besitzer des Landes in ihrem Territorium wie ein Hunderudel angegriffen haben, um sie zeichnen und zu unterwerfen. Und Lucys Vater David, ein Literaturprofessor, der nach einem Verhältnis mit einer Studentin in einem Verfahren wegen sexueller Belästigung seine Stelle aufgeben musste, ist zu Lucy gezogen und hilft Beth, einer älteren Freundin von ihr, bei der Behandlung und Tötung von Straßenhunden.

Mundruczós Inszenierung emotionalisiert und brutalisiert Coetzees Roman. In drei schäbigen, ineinander übergehenden niedrigen Räumen tobt sich bei ihm ein auftrumpfendes Fingerzeig-Theater aus, das mit viel Nacktheit und derb klamaukigem Scheinrealismus auf Wirkung setzt. Dabei geht es vor allem um Sexualitätsbrutalität. Die Studenten von Davids Seminar diskutieren über Sex und Schwarze, über Blut- oder Fleischschwanz, und Davids Kollegen sind bei der Verhandlung gegen ihn von Lüsternheit bestimmt. All dies grölende Spießertum ist, obwohl klischeehaft, doch sehr bühnenwirksam inszeniert. Dabei sind alle Darsteller weiß, nur wenn sie deutlich Schwarze sein sollen, ziehen sie sich dunkel-krause Afrolook-Perücken über. Und sie sprechen oft das Publikum an, das Verantwortung übernehmen, das helfen, das Hunde kaufen soll. Aber das sind nur spielerische Effekte, wie die Filmpassagen, die im zweiten Teil etwas für Auflockerung sorgen. Gelegentlich spielt die Inszenierung auf ungarische Befindlichkeiten in einer sich verändernden Gesellschaft an. So wird von einem Verwandten als 72-jährigem ungarischen Dissidenten berichtet. Oder die berühmte Filmschauspielerin Lili Monori, die mit ihren Rollen im kulturellen Gedächtnis Ungarns als der unangepasste, vitale und tröstende Typ gilt, kommt auch bei Mundruczó so daher, - in der Rolle von Beth, die sich illusionslos um die Hunde kümmert.

Mundruczós kraftvoll veräußerlichende Inszenierung verwendet am Schluss, anders als Coetzee, einige Hoffnungssymbole, auch wenn diese teils ironisch gebrochen wirken. Da schenkt die nackte Beth Lucys Vater unterm Weihnachtsbaum Gnadensex, lagernd auf einem Meer von weißen Rosen als Blumen der Hoffnung, die Lucy und ihr Nachbar gemeinsam eingepflanzt haben. Die Verbindung zwischen letzteren ist auf beiden Seiten von Nützlichkeitserwägungen bestimmt: Weil er endlich die Farm überschrieben bekommen wird und dafür sie, die die Frucht ihrer Vergewaltigung austrägt, in Zukunft schützen wird. Alles mündet in die nüchterne Erkenntnis: dies ist ein Anfang, aber ohne alles, auch ohne Würde.
Kornél Mundrouczós Inszenierung ist da, wo Coetzee kühl ist, heftig. Und da, wo dieser illusionslos bleibt, setzt Mundruczó gegen den gesprochenen Text kleine Hoffnungsbilder. Spannend aber ist der Abend nie, - nur deutlich.



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