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StartseiteForschung aktuellKühlung mit allen Mitteln16.03.2011

Kühlung mit allen Mitteln

Verzweifelter Kampf in Fukushima

Die Situation am japanischen Atomreaktor Fukushima 1 gerät zunehmend außer Kontrolle. Zwar scheint ein Leck an der Schutzhülle von Reaktor 3 weniger schlimm als befürchtet, Sorgen bereiten aber abgelagerte Brennstäbe an Reaktor 4, bei denen eine unkontrollierte Kettenreaktion droht.

Arndt Reuning im Gespräch mit Monika Seynsche

Der beschädigte Reaktorblock 4 im Kraftwerk Fukushima 1. Weißer Rauch steigt aus Block 3. (Bild vom 15.3.2011) (AP/Kyodo/Tepco)
Der beschädigte Reaktorblock 4 im Kraftwerk Fukushima 1. Weißer Rauch steigt aus Block 3. (Bild vom 15.3.2011) (AP/Kyodo/Tepco)
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Monika Seynsche: Fünf Tage ist es her, dass kurz vor der Küste Japans die Erde bebte und die Probleme im Atomkraftwerk Fukushima kurz danach begannen. Mein Kollege Arndt Reuning beobachtet seit Tagen das Geschehen in Japan für den Deutschlandfunk. Herr Reuning, wie ist die aktuelle Lage?

Arndt Reuning: Heute hat der Reaktor 3 Anlass zur Sorge geboten. Gestern hatte der noch verhältnismäßig stabil ausgesehen.

Heute ist dort Rauch oder auch Wasserdampf aufgestiegen. Die Betreiberfirma hat gesagt, es sei ein Feuer ausgebrochen. Es hieß zunächst auch, die innere Schutzhülle ein habe ein Leck, aber das ist offenbar weniger schlimm als befürchtet.

Der Reaktorkern ist trotzdem immer noch sehr heiß. Man musste dort wieder Wasserdampf ablassen. Und jedes Mal bei solch einer Aktion gerät natürlich Radioaktivität in die Umgebung.

Das ist besonders fatal bei diesem Reaktor Nummer 3, weil der nicht nur Uran als Kernbrennstoff enthält, sondern auch Plutonium, und Plutonium ist ein starker Alpha-Strahler und daher besonders krebserregend, wenn er in den Körper kommt. Aber auch schon alleine durch seine Eigenschaften als Schwermetall ist es sehr giftig.


Seynsche: Es werden auch Schäden vom Reaktorblock 4 gemeldet. Wie sieht es denn da aus?

Reuning: Es ist dort wahrscheinlich wieder einmal Wasserstoffgas entstanden, wie auch schon in den Tagen zuvor. Das hat sich entzündet, und daraufhin ist ein Feuer im Block 4 ausgebrochen, aber dann nach einer halben Stunde wieder von alleine zum Erliegen gekommen.

Aber auch dort macht die Kühlung weiterhin Probleme. Dort stehen die Brennstäbe in einem Abklingbecken. Das befindet sich direkt unterhalb des Reaktordaches. Das Dach ist beschädigt eben durch diesen Brand, also hat man dort die Möglichkeit, Wasser zum Kühlen in das Becken zu kippen.

Daher hatte man die Idee: Man könnte mit Helikoptern das Wasser zum Abklingbecken transportieren und dann ablassen. Das hat man wieder verworfen, weil man gesagt hat: Das ist einfach zu gefährlich ist. Eine andere Idee war es nun, Wasserwerfer zu verwenden.

Man muss auf alle Fälle verhindern, dass die Brennstäbe trocken fallen. Atmoenergieexperten haben nun aber schon die Befürchtung geäußert, dass es in diesem Abklingbecken zu einer unkontrollierten, nuklearen Kettenreaktion gekommen sein könnte, die wieder aufgeflammt ist.


Seynsche: Das hört sich gar nicht gut an. Wie muss man sich das vorstellen?

Reuning: Es würde damit beginnen, dass die Brennstäbe nicht mehr ausreichend gekühlt werden können. Sie erhitzen sich immer stärker, schmelzen ganz oder vielleicht auch nur teilweise und die Schmelze sammelt sich ab Beckenboden.

In diesen geschmolzenen Brennstäben wimmelt es nur so von Neutronen. Neutronen sind die Teilchen, die einerseits bei der Kernspaltung frei werden und andererseits neue Zerfallsreaktionen anfeuern. Genau das ist ja das Prinzip hinter einer Kettenreaktion.

Die Kettenreaktion könnte anspringen und unglaubliche Mengen an Wärme freisetzen. Das restliche Wasser würde dadurch verdampfen, und das geschmolzene Metall aus den Brennstäben könnte dann mit dem Luftsauerstoff reagieren, es könnte schlicht und einfach verbrennen. Und dann steigen feine Oxidpartikel hoch in die Luft und werden vom Wind weggetragen.

Und weil das alte abgebrannte Brennstäbe sind, ist da eine wilde Mischung von allen möglichen Radionukliden drin, unter anderem auch wieder Plutonium.

Insgesamt befinden sich dort im Abklingbecken rund 800 Brennstäbe mit einer Gesamtmasse von 135 Tonnen.


Seynsche: Und dieses Szenario droht also im Reaktorblock 4?

Reuning: Mittlerweile nicht nur dort. Abklingbecken gibt es an jedem der sechs Reaktoren, und die sind überall gefüllt. Im bereits erwähnten Block 3 sind es sind 500 Brennstäbe, die dort lagern. Und auch dort sinkt mittlerweile der Wasserstand, auch dort müsste man dringend Wasser nachfüllen.

In den Reaktoren 5 und 6 steigen ebenfalls die Temperaturen in den Abklingbecken. Das ist nicht ganz so kritisch, weil die Gebäude dort noch intakt sind. In Reaktor 3 und 4 ist das eben nicht mehr der Fall.


Seynsche: Gibt es denn noch irgendeine Chance, das Allerschlimmste, also einen GAU zu verhindern?

Reuning: Für mich sieht es so aus, als sei man dazu übergegangen zu improvisieren. Ich denke nicht, dass die Verwendung von Wasserwerfern in irgendeinem Notfallplan vorgesehen ist. Mich erinnert diese ganze Situation sehr an die Ölpest im Golf von Mexico - man hat einfach die Kontrolle verloren, man weiß nicht weiter.


Seynsche: Das heißt, die Leute wissen auch nicht mehr, was sie wirklich tun können?

Reuning: Man hat Ideen, aber die sehen sehr verzweifelt aus.

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