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StartseiteCorsoDenken und Shoppen im Trüben10.11.2015

Künstliche IntelligenzDenken und Shoppen im Trüben

Können Computer selbständig shoppen? Und was passiert, wenn sie sich illegal Waffen oder Drogen besorgen? Mit diesen und ähnlichen Themen befassen sich eine Ausstellung und ein Kongress des Dortmunder Hartware MedienkunstVereins. Es geht um Künstliche Intelligenz, digitale Demenz - und letztlich um die Frage, ob die Maschinen schon die Macht übernommen haben.

Von Peter Backof

Ein Serviceroboter wird am 3.6.2014 auf der Messe Automatica in München präsentiert. (picture-alliance / dpa / Peter Kneffel)
Was passiert, wenn sich Maschinen verselbstständigen und sogar juristisch zu Subjekten werden? (picture-alliance / dpa / Peter Kneffel)

Ein Satz Generalschlüssel, wie ihn britische Feuerwehrleute nutzen, zollfreie Zigaretten aus Rumänien und Mode von Louis Vuitton. Auf drei Reklame-Screens leuchten die Waren auf: Einmal pro Woche geht der Random Darknet Shopper, eine Software, die einen Kunden simuliert, für den Wert von hundert US-Dollar einkaufen. Mit Bitcoins, einer Währung, die es erlaubt, wirklich völlig anonym zu bezahlen – und anonym zu bleiben.

"Das hat sich der Random Darknet Shopper alles in den Ausstellungsraum in St. Gallen liefern lassen", erläutert Hartware-Leiterin Inke Arns, die der Bestellung entsprechend auch die – echten – Waren auf Euro-Paletten neben der Reklame postiert hat.

"Das Darknet ist eben der Teil des Netzes, der nicht über Google suchbar ist. Einerseits ist das ein wunderbarer Bereich des Internets, in dem man anonym ist und gleichzeitig werden da auch solche Geschäfte gemacht.

Der Zugang ist recht einfach und man kann sich ein bisschen wie ein Hacker fühlen. Die Gerüchteküche sagt, dass man dort, an diesem künstlichen Ort, sogar Waffen und Auftragskiller anheuern kann. Anfang dieses Jahres geriet die Schweize "!Mediengruppe Bitnik" in die Schlagzeilen. Ihr Random Shopper hatte im Darknet Drogen geordert und die wurden aus einer Ausstellung weg beschlagnahmt.

"Die interessante Frage – und das hatte der Staatsanwalt in St. Gallen auch versucht zu lösen, mehrere Monate lang: Wer ist hier das juristische Subjekt? Die Software kauft wirklich komplett autonom ein."

Kriminelle Computer?

Der Computer, nicht nur im juristischen Sinn, sondern überhaupt: Als ein Gegenüber auf Augenhöhe, sprachbegabt, selbstdenkend, möglicherweise sogar mit so etwas wie einer Seele ausgestattet, das ist Thema der Ausstellung "(Artificial Intelligence) Digitale Demenz": Prototyp ist der Rechner HAL 9000  aus Stanley Kubricks "2001 – A Space Odyssey". Ihn sieht und hört man in der einstündigen Dokumentation "The Girl Who Never Was" von Erik Bünger: eine Geschichte der Sprachbegabung von Computern.

In "2001" kommuniziert der Astronaut Dave mit dem Rechner HAL – auf Augenhöhe - und hat einige Mühe, ihn zu deaktivieren, nachdem er zur Bedrohung geworden ist. Er ist recht smart. Spaßig ist es, sich – daneben – an den "Dialector" zu setzen, den der Programmierer Chris Marker von 1985 bis 87 entwickelt hat, um an einem alten "Apple II" mit seinen charakteristischen grünen Buchstaben mit der Software zu chatten. "Was ist Liebe?", steht da als Beispielfrage: "Ein leeres Haus" antwortet der "Dialector" orakelhaft.

"Ich denke, da ist gar nichts Hochtechnologisches dahinter: Es suggeriert halt ein Gegenüber."

Die Software passt auf eine Floppy Diskette und spricht wohl eher die menschliche Fähigkeit an, in Zufälle etwas Poetisches hinein interpretieren zu wollen. Ein eigenes Bewusstsein wie beim HAL 9000 ist hier nicht programmiert.

Mensch gegen Maschine gegen Mensch

Die Anfänge des autonomen elektronischen Shoppings reichen übrigens zurück bis zum 4. Dezember 1974, als an der Michigan State University zum ersten Mal der Versuch unternommen wurde, einen Computer eine Pizza bestellen zu lassen. Das blieb zunächst erfolglos, der Pizzabäcker verstand die Stimme nicht. Aber war das Prinzip dahinter bereits smart? Künstlich intelligent? Schlau scheint der Rechner "Deep Blue" gewesen zu sein, der 1996 den Schachweltmeister Garri Kasparow schlug. Der Künstler Julien Prévieux portraitiert "Deep Blue", so minimalistisch, als wolle er sagen: Der kann aber nur Schach, sonst nichts. Und: Ist das nun bereits intelligent? Die Ausstellung ist sehr sinnlich aufgemacht: Bequeme Kinosessel laden ein, sich das umfangreiche Filmprogramm anzusehen. Darum herum gondeln autonome Staubsaug-Roboter.

"Was passiert eigentlich, wenn Computer oder wenn künstliche Intelligenzen auf einmal intelligent in Anführungsstrichen werden? Was ist, wenn sich Entscheidungen gegen uns richten."

Die Science Fiction-Filmgeschichte kennt eine ganze Reihe von renitenten und sprachbegabten Intelligenzen. Parallel zur Ausstellung läuft ab Donnerstag ein Kongress: Inke Arns will untersuchen, inwieweit sich "Digitale Demenz", also autonom und im menschlichen Sinn irregewordene Computer, bereits im Alltag breitgemacht haben. Dass die smarte Heizung sich via Fernkommunikation entschuldigt: "Es tut mir leid, heute bleibt die Küche kalt"? - Kaum vorstellbar, Ansätze zu so etwas sind jedoch vorhanden, meint Inke Arns. Der Kongress nimmt die erste Zeile eines alten Police Songs im Titel auf:

"Every step you take, every move you make. I´ll be watching you - selbst das beginnt man ja schon in Maschinen oder in Computer einzubauen, so einen gewissen ethischen Faktor. Bei selbstfahrenden Autos, das ist ja in der Diskussion: Für was stoppt so ein Auto eher? Für einen Senioren oder für ein Kleinkind? Diese Arten von maschinischen Strukturen, die kennen uns inzwischen schon besser als wir uns selber kennen. Ist diese Intelligenz menschlich?

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