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StartseiteForschung aktuellStammzell-Burger statt Massentierhaltung31.01.2017

Künstliches FleischStammzell-Burger statt Massentierhaltung

Tolle Idee! Was wurde daraus?

Um von der Massentierhaltung wegzukommen, forschen Wissenschaftler schon länger daran, Fleisch künstlich zu züchten. Vor vier Jahren stellte ein niederländischer Forscher eine Fleischbulette aus der Retorte vor. Den Geschmackstest bestand sie damals nicht. Doch mittlerweile hat sich viel getan.

Von Volker Mrasek

In der Küche des Biohofes Medewege am Rande von Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) werden am 02.10.2013 Bratklopse für das Schulessen der Waldorfschule gebraten.  (dpa / picture-alliance / Jens Büttne)
In etwa drei Jahren könnten die künstlichen Fleischbuletten auf unserem Teller landen. (dpa / picture-alliance / Jens Büttne)
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"I press this button for the light. As soon as the light turns green, it's safe to work."

Maastricht in den Niederlanden. Ein Versuchslabor an der Universitätsklinik. Aber kein gewöhnliches:

"The name of this lab is the Hamburger Lab"

Ruud Theunissen ist Biologisch-Technischer Assistent. Und dies hier das Hamburger-Labor, wie er sagt. Das Labor, in dem die ersten künstlichen Hamburger gezüchtet wurden. Hackfleisch aus der Retorte - vor vier Jahren präsentierte es Mark Post erstmals der Weltöffentlichkeit, bei einem Auftritt in London. Der Medizin-Professor aus Maastricht ist einer der Köpfe hinter dem delikaten kulinarischen Projekt. Das Medienecho damals war gewaltig, der Geschmack des Labor-Burgers eher bescheiden:

"Ich hab' ihn natürlich auch probiert. Die Tester hatten recht: Er war ziemlich trocken. Dem Fleisch fehlte es erkennbar an Fett."

Teuerste Bulette aller Zeiten

Dabei war das zweifellos die teuerste Bulette aller Zeiten.

"Das ist alles, was von dem Fleischstück aus London noch übrig ist. Nicht viel mehr als eine Fingerkuppe! Ich denke, dieser Fitzel ist um die 70.000 Euro wert. Verrückt, nicht wahr? Ich tue ihn lieber zurück in den Eisschrank, bevor er uns noch verdirbt!"

"Eine Viertelmillion Dollar. So viel war der Bratling wert. Denn Forscher schufen ihn im Universitätslabor. Mit teuren Verfahren aus der Wissenschaft und Medizin. Inzwischen sind wir aber weiter und könnten Hamburger produzieren, die nur noch zehn bis elf Dollar kosten."

Produkt in etwa drei Jahren marktreif

Tatsächlich treibt Mark Post das Projekt weiter emsig voran. Neuerdings sogar als Chef-Wissenschaftler einer Start-up-Firma. Unter den Geldgebern ist auch ein sehr prominenter Zeitgenosse: Sergey Brin, Mitbegründer der Internet-Suchmaschine Google und zigfacher Milliardär.

"Ich denke, in drei bis vier Jahren werden wir unser Produkt auf den Markt bringen. Vermutlich in den Niederlanden und in Großbritannien."

Post und seine Mitstreiter erzeugen ihre Fleischkulturen aus den Muskel-Stammzellen von Rindern. Die vermehren sie in Bio-Reaktoren. Unter idealen Wachstumsbedingungen teilen sich die Zellen und tun das, was ihre Bestimmung ist: Sie entwickeln sich zu Muskelgewebe.

"Es dauert mindestens 24 Stunden, bis sich Muskelzellen geteilt haben. Aber ihr Wachstum ist exponentiell! Schon nach 50 Tagen hat man Aberbillionen Zellen. Das entspricht 10.000 Kilogramm Fleisch."

Zehn, elf Dollar pro Burger

Das sind allerdings weiterhin nur Zahlenspiele. Noch immer gibt es lediglich ein paar Klumpen Retortenfleisch aus Uni-Produktion. Doch die Forscher wollen ihre Versuchsreaktoren kräftig hochskalieren, sobald ihre Start-up-Firma die Investorengelder dafür zusammen hat.

"Wir experimentieren immer noch im Labor. Aber wir wissen längst, wie wir die Technologie im größeren Maßstab umsetzen können. Und dass sie auch in Reaktoren mit - sagen wir - 25.000 Litern funktioniert. Nach unseren Kalkulationen kommen wir dann auch auf die zehn bis elf Dollar für den Hamburger."

Auch die Rezeptur macht offenbar Fortschritte. Damit die Hamburger nicht mehr so trocken sind, züchten die Entwickler inzwischen auch Fettgewebe aus den Stammzellen von Rindern und mischen es mit der Muskelmasse aus dem Bioreaktor. Peter Verstrate, Lebensmittel-Technologe und Geschäftsführer des neuen Start-up-Unternehmens:

"Der Hamburger von 2013 bestand nur aus Muskelfasern. Er enthielt kein Fett und kein Bindegewebe. Seither haben wir viel unternommen, um kompletteres Fleisch zu komponieren, wenn Sie so wollen. Unter bestimmten Bedingungen produzieren unsere Muskelzellen zum Beispiel auch Myoglobin. Das ist der Stoff, der Muskeln rot färbt und sie nach Fleisch schmecken lässt - leicht blutig und metallisch. Auch daran arbeiten wir gerade. Wir wissen immer mehr darüber, wie Zellen ticken. Und wie wir sie dazu bringen können, das zu tun, was sie auch im Tier machen."

Auch Firmen in Kalifornien und Israel wollen Fleischzellen züchten

Inzwischen sind die Niederländer nicht mehr allein. Auch in Kalifornien und Israel wurden kürzlich Firmen gegründet, die Fleisch in Zellkulturen züchten und vermarkten wollen. Das werde die ganze Sache noch beschleunigen, sind Mark Post und Peter Verstrate überzeugt:

"Für mich ist das der Start eines neuen Industriezweigs. Es werden noch mehr Firmen auftauchen. Das bedeutet: Kultiviertes Fleisch wird noch schneller auf den Markt kommen, als wenn wir die Einzigen wären."

"Fleisch ist ein Billionenmarkt! Es wäre lächerlich, wenn wir ihn für uns allein reklamierten. Mehr Konkurrenz ist auch gut für das, was wir wirklich erreichen wollen: die Bekämpfung des Klimawandels und eine größere Sicherheit bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln."

Statt ganzen Tieren nur noch Zellen züchten und daraus Fleisch formen - es wird noch etwas dauern, bis wir wissen, ob aus dieser Vision demnächst Wirklichkeit wird. Ob das Ganze auch im Fabrik-Maßstab klappt. Und ob genügend Verbraucher Geschmack an Buletten aus dem Bioreaktor finden.

"Ich tu' die Zellen jetzt wieder zurück in den Wärmeschrank. Bei Raumtemperatur überleben sie nicht."

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