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StartseiteNachrichten vertieftIslamische Extremisten und ihre Angst vor Homosexualität14.05.2015

KulturgeschichteIslamische Extremisten und ihre Angst vor Homosexualität

"Islam und Homosexualität schließen sich komplett aus." So würden vermutlich viele sagen. Aber so sehr islamische Hardliner gleichgeschlechtliche Liebe verteufeln, so sehr ist sie doch Teil der islamischen Geschichte. Experten bringen es auf diesen Punkt: "ISIS ist kein Rückfall ins Mittelalter, sondern eine Modernisierung."

Von Thorsten Gerald Schneiders

Irakische sunnitische Muslime mit Gebetsketten vor dem Freitagsgebet in der Umm Al-Qura Moschee in Bagdad, (picture-alliance/ dpa / dpaweb / epa Ali Haider)
"Durch homosexuelle Kontakte werden die gesellschaftlichen Umgangsformen zerstört." (picture-alliance/ dpa / dpaweb / epa Ali Haider)

"Wenn ein Mann mit einem anderen Mann geschlechtlich verkehrt, ist das ein äußerst übler Akt der Unzüchtigkeit und ein abscheuliches Verbrechen."

So wird Muhammad Ibn Uthaymîn zitiert. Bis zu seinem Tod im Jahr 2001 war er Mufti in Saudi-Arabien und einer der zentralen fundamentalistischen Vordenker im Islam:

"Durch homosexuelle Kontakte werden die gesellschaftlichen Umgangsformen zerstört und die Männlichkeit wird ausgelöscht. Die Gesellschaft wird verdorben und die Moral getötet."

Die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Liebesbeziehungen ist fester Bestandteil islamisch-fundamentalistischer Strömungen. Etwa im Salafismus. Salafisten geben vor, sich am Koranverständnis der ersten drei Generationen von Muslimen zu orientieren.

Im Salafismus wird ein traditionelles Familienbild vertreten – und zwar deutlich konsequenter als in nicht-fundamentalistischen, konservativen Strömungen. Es gibt eine klare Rollenunterscheidung: Der Mann sorgt für den Unterhalt der Familie und trägt nach außen die Verantwortung für Sitte, Anstand und religiös korrektes Verhalten seiner Angehörigen. Die bis zu vier möglichen Ehefrauen kümmern sich um die Kinder und den jeweiligen Haushalt. Homosexuelle Verbindungen werfen dieses Familienbild durcheinander. Sie stellen die gesellschaftliche Ordnung der Salafisten infrage - insbesondere die Rolle des Mannes als Familienoberhaupt.

Im Salafismus wird nicht hinterfragt, sondern gehorcht.

Salafistische Gruppen zeichnet zudem ein starkes Gemeinschaftsgefühl aus. Es wird nicht diskutiert, es wird nicht hinterfragt. Es wird gehorcht. Bekennende Homosexuelle gefährden diese Konformität schon allein dadurch, dass sie anders sind.

Unter gewaltbereiten und politisch aktiven Salafisten kommt ferner die Kategorie des Kampfes hinzu. Und Homosexualität gilt hier als Schwächung der Manneskraft.

Auch die wohl bekannteste Figur des deutschen Salafismus, der Konvertit Pierre Vogel, hat sich der Frage gewidmet: "Wie gehen wir mit homosexuellen Menschen um?". In einem der unzähligen YouTube-Videos, mit denen er und seine Anhänger das Internet fluten, erklärt er:

"Im Islam ist ganz klar, dass homosexueller Geschlechtsverkehr verboten ist, harâm, das ist eine Sache, die nach Konsens der Gelehrten verboten ist."

Vogel ist 2011 mit dem kanadischen Konvertiten Bilal Philips in Frankfurt am Main aufgetreten: vor etwa 1.500 Zuschauern, obwohl gegen Philips in mehreren Ländern Einreiseverbote verhängt worden waren. Die deutschen Behörden forderten ihn nach der Frankfurter Veranstaltung auf, das Land innerhalb von drei Tagen zu verlassen. Zur Begründung hieß es, Philips plädiere für die Todesstrafe für Homosexuelle.

Yusuf al-Qaradawi übernimmt so etwas wie eine Brückenfunktion

Der Ägypter Yusuf al-Qaradawi war einst Mitglied der islamistischen Muslimbruderschaft. In den 60er Jahren emigrierte er nach Katar. Später stieg er zu einem der populärsten Gelehrten der arabisch-islamischen Welt auf. Vor allem über den TV-Sender al-Jazeera, wo er bis ins vergangene Jahr in einer eigenen Fernsehsendung zu sehen war, erreicht er Araber weltweit.

Der heute 88-Jährige stellte in seiner Sendung fest: „Die zentrale Frage ist, ob wir homosexuelle Praxis als illegal bewerten. Und ja, wir müssen sie in jedem Fall zu einem Verbrechen erklären."

al-Qaradawi ist für die einen ein Hardliner - so legitimierte er Selbstmordanschläge im Nahostkonflikt. Dennoch halten ihn viele für moderat, weil er sich beispielsweise gegen weibliche Genitalverstümmelung ausgesprochen und die Anschläge vom 11. September 2001 verurteilt hat. al-Qaradawi übernimmt so etwas wie eine Brückenfunktion zwischen fundamentalistischen und konservativen Positionen. Über Leute wie ihn gelangt radikales Gedankengut in die Mitte der muslimischen Gesellschaft. Aber ist dieses Gedankengut deshalb auch wirklich dort verbreitet?

Die vorherrschende Lehre im Islam ist eindeutig: Das Ausleben von Homosexualität ist verboten. Es gibt vier Rechtsschulen im sunnitischen Islam: die hanafitische, die malikitische, die schafiitische und die hanbalitische. Alle vier sehen es so.

Argumentiert wird mit der Lot-Geschichte aus dem Koran

Argumentiert wird primär mit der Geschichte des Propheten Lot, die auch aus der Bibel bekannt ist: Lot wird nach Sodom geschickt, um dort gegen das vermeintlich schändliche Verhalten der Bewohner einzutreten. Doch diese weisen den Gesandten zurück. Daraufhin werden sie von Gott vernichtet. In Koransure 7 heißt es: "Und wir haben den Lot als unseren Boten gesandt. Damals, als er zu seinen Leuten sagte: 'Wollt ihr denn etwas Abscheuliches begehen, wie es noch keiner von den Menschen in aller Welt vor euch begangen hat? Ihr gebt euch in eurer Sinnenlust wahrhaftig mit Männern ab, statt mit Frauen. Nein, ihr seid ein Volk, das nicht maßhält.'".

Letztlich ist aus klassisch-islamrechtlicher Perspektive nur eines beim Thema Homosexualität strittig: Die Frage, welche Strafe zu verhängen ist. Die wichtigsten Vertreter der meisten Rechtsschulen sehen es als todeswürdiges Verbrechen an, wenn Homosexualität ausgelebt wird. Die absoluten Hardliner leiten aus den islamischen Quellen die Steinigung ab.

Aber es gab immer schon Stimmen, die die Authentizität der herangezogenen Quellen angezweifelt haben. Und Steinigungen in klassisch-islamischer Zeit, also vor dem Jahr 1800, sind kaum dokumentiert, sagt der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer:

"Es gibt auch aus der gesamten Geschichte, also aus über 1.000 Jahren, allenfalls zwei, drei, vier bezeugte Fälle, in denen tatsächlich wegen Ehebruchs gesteinigt worden ist. Irgendein Fall wegen gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen, der bestraft worden ist, ist mir überhaupt kein einziger Fall bekannt, wenn dann handelt es sich immer um Vergewaltigungstatbestände etc."

Drakonische Strafen im Koran sind eher drastische Warnungen

Den Grund dafür, dass die Steinigung von Homosexuellen nie umgesetzt wurde, sieht Bauer darin, "dass die Hindernisse, die man davor gesetzt hat, diese Strafen auch umzusetzen, so groß sind, dass bei einer strengen Handhabung des islamischen Rechts die Verhängung solcher Strafen eigentlich unmöglich ist."

Das islamische Recht verlangt vier männliche Zeugen, um Unzucht zu beweisen. Die Zeugen müssen den widerrechtlichen Geschlechtsverkehr in allen Einzelheiten unzweifelhaft gesehen haben. An diese vier männlichen Zeugen werden hohe Ansprüche gestellt, unter anderem was ihren Leumund betrifft. Und für den Fall, dass sie lügen, droht ihnen eine harte Strafe.

Es ist nahezu unmöglich, all diese Bedingungen zu erfüllen. Das legt nahe, dass es sich bei den drakonischen Strafen im Koran vor allem um drastische Warnungen an die Menschen handelt - und nicht um tatsächlich zu vollstreckende Strafen.

Lesbianismus spielt kaum eine Rolle

Anders als homosexuelle Handlungen von Männern spielen lesbische Verbindungen im islamischen Recht eine geringe Rolle, so Thomas Bauer: „Das ganze islamische Recht hat sich in patriarchalischen Gesellschaften entwickelt. Und in patriarchalischen Gesellschaften ist wichtig, was der Mann macht. Es hat die Männer nicht so sehr interessiert, was die Frauen miteinander machen."

Die klassisch-islamische Theologie ist sich weitgehend einig, was das Verbot von Homosexualität betrifft. Das heißt, aber nicht, dass alle Muslime diesen Vorgaben folgen. Im Gegenteil: Es gibt wohl kaum eine Kultur, in der die homoerotische Liebe so inbrünstig vorgetragen wurde wie in der arabisch-islamischen. Eine ganze Gedichtform ist geprägt von Liebe, Wein und Homoerotik: die Ghaselen.

Homoerotik als Schlüssel zum Erfolg in der islamischen Dichtung

Kurz und provokativ gesagt: Der Islam war kein Hindernis dafür, dass ein Mann mit Versen über homoerotisches Verlangen zu einem der größten Poeten der islamischen Geschichte werden konnte: Hâfiz - jener Dichter aus dem heutigen Iran, der im 14. Jahrhundert gelebt und der später unter anderem Johann Wolfgang von Goethe inspiriert hat - etwa zu dessen West-Östlichen Diwan.

"Als Du heimlich Blicke mir nachsandtest,
deine Liebe auf meinen Wangen strahlte, erinnere dich.
Als mit Zürnen dein Aug mich entseelte,
von deinen Zuckerlippen Heilkraft strömte, erinnere dich.
Als des Morgens beim Wein im trauten Kreise
nur du und ich und Gott mit uns war, erinnere dich.
Als wir trunken in Schänken saßen,
und was wir in keiner Moschee erflehen besaßen, erinnere dich!
Als der Verse Hafizens undurchbohrte Perlen
schöner glänzten, durch Deine Pfleg verbessert, erinnere Dich."

Viele große Gestalten der islamischen Geschichte verstanden sich als Freigeister, waren dem Libertinismus und Hedonismus zugetan. Und das nicht erst seit Hafiz.

Schon 500 Jahre zuvor, im Umfeld des legendären Kalifen Harun al-Raschid an der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert, wird Abu Nuwas zu einem der berühmtesten Dichter der arabischen Welt. Und Abu Nuwas lässt kaum einen Zweifel daran, was ihn erregt:

"Im Bade wird dir das sonst durch die Hosen Verborgene sichtbar.
Auf zum Betrachten!
Gucke mit nicht abgelenkten Augen!
Du siehst einen Hintern, der (durch seine Fülle) einen Rücken von äußerster Schlankheit in den Schatten stellt.
Sie flüstern sich gegenseitig: „Gott ist groß" und „Es gibt keinen Gott außer Allah" zu.
Auf! Wie trefflich ist das Bad unter den Orten, die alles deutlich zeigen.
Auch wenn die Leute einem mit Handtüchern einen Teil der Annehmlichkeiten vergällen."

Ähnlich wie Hafiz scheut sich auch Abu Nuwas nicht, die Frömmler seiner Zeit zu brüskieren. Bewusst spielt seine Lyrik mit dem Moralkodex des Islams – und das durchaus mit einer Prise Humor.

Derartige Gedichte sind keine Ausnahmen. Im 9. Jahrhundert beendet der nicht weniger berühmte Dichter Abu Tammam eine Affäre mit einem Geliebten so:

„Also sei Wohlbehalten!
Das heißt, wohlbehalten bist Du ja ohne nicht mehr!
Aber das ist kein Wunder: Eine Perle entkommt eben der Durchbohrung nicht."

Männer gehen in der Öffentlichkeit Hand in Hand, Arm in Arm

Homosexuelle Kontakte zu finden war und ist nicht sonderlich schwer. Die arabische Öffentlichkeit ist männlich: Männer gehen Hand in Hand, Arm in Arm spazieren. Der Anthropologe Malek Chebel spricht von Homosensualität. Solche Körperkontakte müssen nicht, können aber verführerisch wirken – vor allem weil junge Männer in konservativen Gesellschaften kaum Möglichkeiten haben, vor der Ehe sexuelle Erfahrungen mit Frauen zu machen.
So bieten damals wie heute auch Männer anderen Männern käufliche Liebe an. Angesehen war und ist das freilich nicht. Abu Tamman dichtet vor mehr als 1000 Jahren mit spöttischem, vielleicht vorwurfsvollem Unterton:

"Am Tag, da bist Du jetzt ein Schreiber, und während der ganzen Nacht, da bist Du ein Kaufmann!
Deine Oberschenkel haben gelernt, besser mit dem Stift umzugehen als deine Hände."

Auch islamische Rechtsgelehrte waren von Homoerotik angetan

Nicht nur Berufspoeten griffen Homosexualität auf. Der angesehene hanbalitische Jurist Ibn al-Dschauzi zeigte sich im 12. Jahrhundert überzeugt: „Derjenige, der behauptet, dass er keine Begierde empfindet, wenn er einen schönen Jungen betrachtet, ist ein Lügner; und wenn wir ihm glauben könnten, wäre er ein Tier, nicht ein menschliches Wesen."
Selbst im Koran finden sich homoerotische Gedanken

Selbst im Koran lassen sich homoerotische Gedanken finden. In Sure 52 wird beschrieben, was Gläubige im Paradies erwartet: „Ein Kreis von Jünglingen, so schön wie Perlen in ihren Muscheln verborgen, wird ihnen aufwarten."

Vorurteile schon im Mittelalter in Europäer verbreitet

Schon früh trieb das Thema ‚Homosexualität und Islam' auch die Menschen in Europa um. Es entwickelten sich rasch Vorurteile - allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Muslimen wurde nicht Homophobie unterstellt, sondern dass Homosexualität bei muslimischen Männern verbreitet sei.

Die Stiftsdame Roswitha von Gandersheim etwa überliefert diese Geschichte: Im einstigen islamischen Andalusien gerät der christliche Held und Märtyrer Pelagius von Cordoba in Gefangenschaft. Ihm habe sich der erste Kalif von Cordoba, Abd al-Rahman der Dritte, anzunähern versucht.

"Unverzüglich befahl er, Pelagius zum Throne zu bringen,
leidenschaftlich verlangt' ihn, des Knaben Nähe zu fühlen.
Sich ihm neigend bedeckt' er mit Küssen
ihn und umschlang den Hals des Begehrten.
Solche Beweise der widernatürlichen Neigung
wies entschieden zurück der Streiter für Christus."

Ab dem 20. Jahrhundert ist den Arabern ihre Geschichte selbst unangenehm

Einst homoerotische Texte – nunmehr homophobe Tendenzen: In der islamischen Welt muss es offenbar einen massiven Umbruch gegeben haben. Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer markiert diesen Zeitpunkt so:

"Homoerotische Gedichte waren über tausend Jahre lang mit die verbreitetsten literarischen Erzeugnisse in arabischer Sprache. Das reicht von Berufsdichtern wie Abu Tammam und Abu Nuwas im 8./9. Jahrhundert bis hin zu hoch angesehenen Religionsgelehrten, die eben nebenbei auch dichteten, denn das gehörte dazu. Das ist dann allerdings ab dem 20. Jahrhundert den Arabern selber eher unangenehm gewesen. Schuld daran sind in erster Linie Übernahme europäischer Moralvorstellungen. Es hat sich eine Elite herausgebildet, die ganz stark auf europäische Werte, auf europäische Normen zurückgriff. Und das waren damals ja nun Normen der viktorianischen Moral. Also, es waren europäische Normen, die auf einmal das in einem ganz anderen Licht sahen. Und deshalb hören so ab den 1850er Jahren homoerotische Gedichte in der arabischen Literatur auf."

Statt Verurteilung Worte der Vergebung – selbst auf der Pilgerfahrt nach Mekka

Dass es auch um das Jahr 1800 herum in der arabisch-islamischen Welt tolerant zugehen konnte, wie Thomas Bauer meint, zeigt der Fall des sudanesischen Sufi-Scheichs Muhammad Ibn Qamar ad-Din. Er beobachtete, wie ein türkischer Mekka-Pilger das Grab des Propheten Muhammad besuchte und dort bitterlich weinte. Der Scheich fragte den Pilger, warum er weint. Nachdem dieser anfangs vehement ablehnt, darüber zu sprechen, sagte er letztlich: „Gestern Nacht hatte ich Geschlechtsverkehr mit zwei Jungen." Doch statt den jungen Pilger zu verurteilen, entgegnete der Scheich: „Dir sei vergeben. Nur, tue so etwas nicht noch einmal." Von diesem Religionsgelehrten wird Homosexualität also - selbst auf der Pilgerfahrt am Grab des Propheten - wenn auch nicht akzeptiert, so doch zumindest toleriert und nicht mit drakonischen Strafen bedacht.

Inzwischen gibt es auch Ansätze, Islam und Homosexualität theologisch in Einklang zu bringen: Sie verweisen darauf, dass jene Quellentexte, die zur Ablehnung von Homosexualität angeführt werden, nicht eindeutig seien. Auch ihre Historizität sei nicht belegbar.

Vom Salafisten zum bekennenden homosexuellen Muslim

Und es gibt praktische Ansätze, Islam und Homosexualität auch praktisch zu versöhnen: In Paris gründete Ludovic-Mohamed Zahed 2012 eine Moschee für Lesben und Schwule. Zahed war früher Mitglied einer salafistischen Gruppe in Algerien.

In seinem Buch Le Coran et la chair schreibt er angesichts der Ächtung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen in seinem familiären Umfeld: "Der Salafismus gab mir damals die Möglichkeit, meine sexuellen Neigungen ganz tief ins Unterbewusstsein zu verschieben."

Ähnliche Moscheeprojekte wie das von Zahed gibt es in den USA. Auch in Deutschland gibt es Gemeinden, die offen sind für Schwule - zum Beispiel unter dem Dach des Liberal-Islamischen Bund.

In der islamischen Welt sind das aber Minderheitenpositionen. Die akzeptierende Theologie in Bezug auf Homosexualität entwickelt sich vor allem in westlichen Staaten. Dagegen droht etwa im Iran und in manchen arabischen Staaten - darunter Saudi-Arabien - die Todesstrafe für homosexuelle Handlungen. Zur Abschreckung werden Homosexuelle bisweilen öffentlich exekutiert, etwa indem sie wie im Iran an einem Baukran erhängt werden - oder von Terroristen des sogenannten „Islamischen Staates" von einem Gebäude hinabgestürzt werden.

"ISIS ist kein Rückfall ins Mittelalter, sondern eine Modernisierung"

Der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer verweist auf die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Handhabung in der arabisch-islamischen Geschichte und den geschriebenen Gesetzen:

"Wir haben hier eine Rechtsnorm, die zwar einerseits gilt, aber andererseits nicht anwendbar ist. Was es in vormodernen Gesellschaften sehr oft gibt, was aber der modernen Denkweise, wonach, wenn ein Recht gilt, dann muss es auch angewandt werden, widerspricht. Das heißt, wenn jetzt die Terroristen vom Islamischen Staat das anwenden, dann ist das nicht ein Rückfall ins Mittelalter, denn in dieser Zeit hat man es ja nicht angewandt, sondern eine Modernisierung, indem man sagt, wir haben hier ein Gesetz und das wenden wir jetzt auch an."

Wenn also einige islamische Staaten Homosexuelle drakonisch bestrafen und fundamentalistische Terroristen eine Hexen- oder Schwulenjagd abhalten, dann ist das eine modernistische Variante und Verfremdung dessen, was den Islam in der Realität über Jahrhunderte ausgemacht hat.

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