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StartseiteBüchermarktKunst der Umdeutung09.02.2004

Kunst der Umdeutung

Adolf Muschg kann alleine gehen

Der Titel des neuen Erzählungsbandes von Adolf Muschg klingt wie eine trotzige, aber auch lapidare Feststellung: <em> Gehen kann ich allein</em> . Diese Formulierung wird umgangssprachlich gerade dann gebraucht, wenn es mit dem Gehen nicht so recht klappen will - Kinder und Rekonvaleszenten werden nicht müde zu behaupten, sie würden allein gehen können, während Eltern und Angehörige ängstlich jeden Schritt genauestens beobachten, immer auf dem Sprung, den eventuell im nächsten Moment Stürzenden zur Hilfe zu eilen. Die sich darin zeigende Sorge, ist auch ein Zeichen für Zuneigung und um die scheint es Adolf Muschg in erster Linie zu gehen, weshalb es im Untertitel heißt: <em> und andere Liebesgeschichten </em> . Aber die Erzählungen, die zwischen 1992 und 2002 entstanden sind, haben darüber hinaus etwas Gemeinsames:

Michael Opitz

Adolf Muschg, "Gehen kann ich allein und andere Liebesgeschichten", Coverausschnitt (Suhrkamp)
Adolf Muschg, "Gehen kann ich allein und andere Liebesgeschichten", Coverausschnitt (Suhrkamp)

Sie haben etwas ganz Äußerliches gemeinsam. Sie haben alle etwas mit dem Monte Verita im Tessin zu tun. In den letzten 20 Jahren oder 25 meiner Tätigkeit an der eidgenössischen technischen Hochschule bin ich mit meinem Schreibkurs, den ich da geführt habe, immer gegen Semesterende in dieses ehemalige Zentrum für Lebensreformen […] gezogen, und wir haben uns da ein Thema gegeben. Und wir haben dann versucht, zu diesen Themen etwas zu erarbeiten. Ich hab einfach gedacht, ich kann jetzt nicht spazieren gehen während die arbeiten und hab halt auch etwas gemacht. Und das ist die Herkunft dieser Geschichten, mit Ausnahme der Sutter-Geschichte.

Die Sutter-Geschichte heißt eigentlich "Ash and Carry", allerdings hat sich Adolf Muschg der beiden zentralen Figuren, Ruth und Emil Sutter, bereits in seinem Roman Sutters Glück angenommen. Doch erst durch die Erzählung erfahren wir etwas, was vielleicht in den Roman gehört hätte, aber an der Stelle, wo die "Ash and Carry"-Geschichte gut aufgehoben gewesen wäre, findet sich in dem 2001 erschienenen Roman eine Lücke. Eine Episode hat Adolf Muschg in Sutters Glück nicht erzählt: er hat verschwiegen, was geschehen ist, als Ruth erfährt, dass sie Krebs hat. Warum Ruth einem operativen Eingriff nicht zustimmt, teilt der Autor erst in dieser Fortsetzungsgeschichte mit. Die Meerjungfrau Ruth, die einst im Wasser beheimatet war, aber es verlassen musste, weil sie gehen lernen wollte, ließ sich deshalb die Schwanzflosse teilen - es war der einzige Schnitt, den sie gestattete. Mit Ash und Carry schließt Muschg eine im Roman vorhandene Leerstelle.

Ich habe aus diesem Buch, aus Sutters Glück, immer wieder vorgelesen, gesagt hat es mir niemand, aber ich bemerkte beim Lesen, dass ich etwas unterschlagen hatte: Diesen Tag. Normalerweise finde ich Lücken in Ordnung. Es gibt richtige Lücken wie Pausen in der Musik - und andere, die stimmen nicht. Und vielleicht hätte die gestimmt, aber seltsamerweise wurde es eine Art Probe auf die Ehrlichkeit. Ich wollte mich nicht darum herummogeln und dachte, vielleicht, wenn ich es schaffen würde, genau an dieser kritischen Stelle Ruth zu zeigen, wie ich sie jetzt inzwischen kennengelernt oder erlebt habe, dann wäre es gut fürs Buch. […] Normalerweise ist es so, dass ich ein Buch als vollkommen abgelegte Haut behandle, ich werde vollkommen treulos, wenn ein Buch abgelegt ist.

Adolf Muschg hat in Sutters Glück dem Wort Glück eine unerwartete Bedeutungskomponente unterlegt. Sutters krebskranke Frau geht zurück ins Wasser, aus dem sie gekommen ist, in das er ihr folgt, weil ihm ein Leben ohne sie sinnlos erscheint. Der Roman kann als eine Variante auf das Märchen von Hans im Glück gelesen werden, Muschg bietet die Lesart an, in Hans im Glück einen glücklichen Menschen zu sehen, der Glück in dem Moment empfindet, als er nichts mehr hat, als er befreit ist von allem, was Besitz bedeutet. Um Liebe und Glück dreht sich aber nicht nur das Romangeschehen, sondern dies sind auch die zentralen Themen, denen Muschg in dem neuen Erzählungsband nachgeht. Allerdings unterläuft er – so auch in "Abschiedsbrief an einen Lebensretter" – die damit verbundenen Vorstellungen, lässt er Liebe und Glück nicht dauern, sondern siedelt sie in unmittelbarer Nähe zum Tod an.

Es deckt sich nicht mit der Glückserwartung, die die "Bunte" oder die "Bild Zeitung" oder die Medien verbreiten. Ich gebe mir Mühe, diese Hauptwörter nicht mehr so einfach zu behandeln und das hat auch mit dem Alter zu tun, denn wenn man dann sein Glück nicht in einer anderen, bescheideneren Form, nicht reduzierteren Form findet, dann hat man es nie gefunden. Ich glaube auch, dass das für die Vergangenheit gilt. Wir entscheiden eigentlich jetzt, immer wieder, über die Bedeutung, die die Vergangenheit für uns hat. Und rückblickend entdecke ich wie wahnsinnig unglücklich ich oft gewesen bin, wo ich um Teufelsgewalt glücklich sein sollte. Ich erinnere mich an die so rhetorische Formel bei uns, wenn man eine Schulreise machte, Klassenfahrt heißt das in Deutschland, dann musste man einen Aufsatz schreiben. Und da war der letzte Satz immer derselbe, der war eigentlich vorgeschrieben, der hieß: Müde doch glücklich sanken wir in die Federn.

Wir wussten nichts von rhetorischen Formeln, aber es war eine. Und diese Glücksbehauptung, ich glaube da kommt die Allergie her, womit ich alles glücklich und zufrieden sein musste, während sich alles in mir zusammenzog, als Kind, und ich fand, dass ich ganz ungeheuer beschissen werde, das begleitet mich jetzt in Form einer gewissen Umkehrung, dass ich manchmal finde, dort, wo ich jetzt meine eigene Beschissenheit erfahre, muss eigentlich ein Glück liegen. […] Aber so weise wie ich rede bin ich noch nicht.


Adolf Muschg lässt sich in Gehen kann ich allein auf eine schwierige Gratwanderung ein, denn er muss bei den großen Themen Liebe, Glück und Tod aufpassen, dass er nicht ins Triviale abrutscht. Er widersteht dem Sentimentalen, weil er Umdeutungen vornimmt. Wenn er vom Tod erzählt, geht es um Liebe, handeln seine Geschichten von Krankheit, ist man geneigt, nicht an Leid, sondern an Glück zu denken und geht es vordergründig um Abschied, wird bei Muschg Ankommen assoziiert. Die vermeintlich gültigen Wertvorstellungen, werden in Adolf Muschgs Erzählungen einer Neubestimmung unterzogen, er bürstet sie gegen den Strich und lädt dazu ein, sich auf einen Weg zu begeben, der im Gegenwärtigen verstellt zu sein scheint. Ihn dennoch zu gehen, begreift er als eine Herausforderung. Darin besteht das Ungewöhnliche, das die Erzählungen von Muschg auszeichnet, er setzt seine Figuren Grenzerfahrungen aus, konfrontiert sie mit dem Tod und eröffnet ihnen dabei Lebensmöglichkeiten.

Adolf Muschg
Gehen kann ich allein und andere Liebesgeschichten
Suhrkamp, 148 S., EUR 17,90

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