Interview / Archiv /

 

Kunz: Flucht des syrischen Premiers ändert nichts an Machtstrukturen

Österreichische Botschafterin nennt Lage in Syrien "verfahren"

Maria Kunz im Gespräch mit Bettina Klein

Die syrische Hauptstadt Damaskus aus der Vogelperspektive
Die syrische Hauptstadt Damaskus aus der Vogelperspektive (Muzaffar Salman/AP/dapd)

Das Regime Assad sei in Damaskus "Herr der Lage", sagt Maria Kunz. Dass sich Premier Riad Hidschab der Opposition angeschlossen habe, wirke sich nicht aus, denn die Regierung sei nicht mit "wirklicher Macht" ausgestattet worden, ergänzt die Botschafterin Österreichs in Syrien.

Bettina Klein: Und um 6:52 Uhr freuen wir uns sehr, dass es uns gelungen ist, eine Telefonverbindung in die syrische Hauptstadt Damaskus herzustellen, wo ich die österreichische Botschafterin begrüße. Guten Morgen, Maria Kunz!

Maria Kunz: Guten Morgen!

Klein: Frau Kunz, schön, dass wir Sie erreichen konnten. Die deutsche Botschaft ist bereits geschlossen in Damaskus. Weshalb haben Sie sich dafür entschieden, dort weiterzumachen?

Kunz: Ja, die deutsche Botschaft ist schon seit einiger Zeit geschlossen, sie haben aus politischen Überlegungen seinerzeit diese Botschaft geschlossen. Bei uns sind die Überlegungen so, wir schließen nur dann, wenn es die Sicherheitssituation nicht mehr zulässt, dass wir die Botschaft offen halten. Wir sind aber, das muss ich gleich dazu sagen, sämtliche Mitarbeiter sind in Beirut, und wir fahren je nach Sicherheitssituation zwei bis drei Tage nach Damaskus. Unser lokales Personal hält die Botschaft offen.

Klein: Was im Augenblick können Sie noch tun direkt in Damaskus?

Kunz: Ja, ja, also innerhalb von Damaskus kann ich von der Botschaft zu meinem Haus und wieder zurück. Man sollte sich nicht zu sehr in der Stadt bewegen, die Stadt ist ja sehr groß, in den gewissen Außenbezirken ist es nach wie vor unruhig. Aber dort, wo wir sind, ist es im Moment ruhig, und man hat auch das Gefühl, das Leben geht normal weiter.

Klein: Sie haben sich dafür entschieden, zumindest tageweise Ihre Präsenz dort aufrechtzuerhalten. Was genau können Sie in Ihrer Arbeit als Diplomatin noch tun direkt in Damaskus?

Kunz: Ja, es sind ja noch insgesamt sieben weitere EU-Botschaften vor Ort, also manche überhaupt ständig, und dann zwei, so wie wir, die von Beirut aus nach Damaskus kommen. Wir haben einmal in der Woche eine Sitzung unter den noch verbliebenen Botschaften, und da gibt es natürlich Informationen, an die ich in Beirut sonst nicht herankomme.

Klein: Welche Informationen zum Beispiel – welche können Sie teilen?

Kunz: Außerdem ist natürlich ein bisschen auch … wie bitte?

Klein: Welche Informationen bekommen Sie dort, die Sie auch teilen können mit der Öffentlichkeit?

Kunz: Ja, wir bekommen halt Situationen, wie es in diversen Landesteilen aussieht. Manche andere Botschafter haben dort noch Landsleute sitzen, mit denen sie, so es funktioniert, in telefonischen Kontakt treten, die uns dann halt versuchen ein Lagebild zu geben.Aber es ist immer nur ein Lagebild von genau diesem Stadtteil, in dem sie sind, also zum Beispiel in Aleppo. Wir haben dort auch eine Mitarbeiterin unseres dortigen Honorarkonsulats, die wohnt einem relativ ruhigen Stadtteil, nicht? Die kann nichts über die Kämpfe sagen, die dort vor sich gehen.

Klein: Ja. Frau Kunz, wir sagen immer mit dazu, es ist so schwierig, die Informationen, die uns aus Syrien erreichen, zu verifizieren, von unabhängiger Seite bestätigt zu bekommen. Wie würden Sie denn im Augenblick das Kräfteverhältnis in Syrien beschreiben, nach den Informationen, die Ihnen zugänglich sind vor Ort?

Kunz: Also, das kann ich hundertprozentig unterschreiben, es ist auch für uns sehr, sehr schwierig, Informationen zu verifizieren, beziehungsweise wir erhalten eine Information und in kurzer Zeit darauf genau das Gegenteil. Es ist wahnsinnig schwierig zu sagen, wie schaut es jetzt wirklich aus. Es ist – ich kann nur Damaskus sprechen, nicht für den Rest des Landes sprechen –, hier hat man das Gefühl, als wäre das Regime Herr der Lage.

Klein: Wir haben ja gestern die Meldungen gehört, und darüber heute Morgen auch noch mal berichtet, dass der Regierungschef Syriens sich den Rebellen angeschlossen hat, der Opposition. Haben Sie eine Ahnung davon bekommen, inwieweit das Regime weiter destabilisiert hat, bekommen Sie davon etwas mit?

Kunz: Ja, ich meine, die Regierung und die Minister waren den ganzen Machtaufbau ja nie so mit wirklicher Macht ausgestattet ist. Es ist sicherlich ein Schlag für das Regime, dass der Premierminister sich der Opposition anschließt, das ist überhaupt keine Frage. Aber an der Machtstruktur als solcher ändert das, glaube ich, wenig.

Klein: Haben Sie denn noch Kontakte direkt in die syrische Regierung hinein oder läuft das alles auch über Mittelsmänner?

Kunz: Das habe ich im Moment nicht, nein.

Klein: Und welche Prognose würden Sie im Augenblick abgeben? Ist die Lage eher verfahren aus Ihrer Sicht, können Sie eine Tendenz abgeben darüber, wie sich das entwickeln wird in den kommenden Wochen?

Kunz: Also meiner Meinung nach ist die Lage total verfahren. Und wie es weitergehen wird, da kann ich Ihnen leider überhaupt keine Auskunft geben, das ist eine Elferfrage, das wüsste ich selber gern. Aber jetzt von mir eine Prognose zu erwarten – ich könnte genauso gut A und B sagen und alles ist richtig und alles ist falsch. Das ist absolut ausgeschlossen, irgendwie vorauszusehen, wie das in Zukunft weitergehen wird.

Klein: Der UNO-Sonderbeauftragte Annan hatte kürzlich sein Amt aufgegeben. Sein Plan galt bereits als gescheitert. Welche Rolle spielt die Weltgemeinschaft noch nach Ihrem Eindruck?

Kunz: Ja, das war sicherlich auch ein eher heftiger Schlag, das Aufgeben des Annan, aber er wurde von keiner Seite unterstützt. Er wurde nicht vom syrischen Regime unterstützt, er wurde nicht von der syrischen Opposition unterstützt, und er wurde nicht von der internationalen Staatengemeinschaft unterstützt. Und irgendwann mal kommt dann der Moment, wo man sagt, bitte, wenn ich keinerlei Unterstützung habe, dann kann ich nicht weitermachen.

Klein: Maria Kunz, die österreichische Botschafterin. Die Botschaft Österreichs in Syrien ist noch geöffnet. Wir haben sie direkt in Damaskus erreicht, wo sie sich zumindest noch einige Tage aufhält. Frau Kunz, herzlichen Dank für das Gespräch und Ihnen weiterhin alles Gute in Syrien!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Juncker-Kommission"Das wird eine spannende Sache"

Jean-Claude Juncker bei der Vorstellung der neuen EU-Kommission

Mit der Wahl von Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident sei die europäische Integration auf einem guten Weg, sagte der Politikwissenschaftler Wichard Woyke im DLF. Auch die umstrittenen Kandidaten der Kommission hätten einen Vertrauensvorschuss verdient.

Georgiens Aussenministerin"Russland will wieder Sowjetunion herstellen"

Die georgische Außenministerin Maia Panjikidze

Mit Sorge beobachtet Georgiens Außenministerin die Ereignisse in der Ukraine. Russland verfolge den Plan, "möglichst viele Länder unter seinen Einfluss zu bringen", sagte Maia Panjikidze im DLF. Ihr Land arbeite daran, fit für EU und Nato zu werden.

Ebola-Edpidemie"Helfer nicht stigmatisieren"

Der wiedergewählte Präsident des Deutschen Roten Kreuzes DRK, Rudolf Seiters.

Deutschland will helfen, aber schafft es kaum? Geeignete Kandidaten für den Kampf gegen die Ebola-Epidemie zu finden, sei schwierig, sagte der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Rudolf Seiters, im DLF. Die Helfer, die in die betroffenen Regionen reisten, dürften bei ihrer Rückkehr nicht unter Generalverdacht gestellt werden.

 

Interview der Woche

Maria KrautzbergerAuf Fracking sollte verzichtet werden

Die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, hat sich gegen das umstrittene Fracking ausgesprochen. Die Erdgas-Fördermethode berge insbesondere für das Grundwasser Risiken, die man nicht wirklich in den Griff bekommen könne, sagte sie im DLF. Deshalb sollte man am besten ganz darauf verzichten.

Interview der Woche"Wir sind reich, wir müssen auch geben"

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Deutschen Bundestag

Syrien, Irak, Westafrika, Ukraine: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat angesichts der "Krisen um uns herum" mehr Solidarität mit den Flüchtlingen und Notleidenden angemahnt. Müller sagte im Deutschlandfunk, nicht nur der Staat, jeder Einzelne müsse "in einer solchen Notlage auch ein Stück geben".

Katja Kipping"Türkei muss Kooperation mit dem IS beenden"

Linke-Parteichefin Katja Kipping spricht im Rahmen der Haushaltsdebatte im Bundestag in Berlin.

Katja Kipping hält das geplante militärische Vorgehen der Türkei gegen die Terrormiliz IS für vorgetäuscht. "Die Türkei hatte eine jahrelange Zusammenarbeit mit dem IS," sagte die Vorsitzende der Linken im Interview der Woche im DLF. Ankara gehe es nicht darum, den IS zu bekämpfen, sondern kurdische Autonomiebestrebungen zu verhindern.