Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturKursiv: Kollektive Verdrängung05.07.2010

Kursiv: Kollektive Verdrängung

Alexander Mitscherlich/Margarete Mitscherlich: "Die Unfähigkeit zu trauern"

In den 50er- und frühen 60er-Jahren gab es kaum Debatten über die Verbrechen der Nazizeit. Da erschien 1967 ein Buch, das die deutsche Nachkriegsgesellschaft aufrüttelte wie kaum ein anderes: "Die Unfähigkeit zu trauern" des Ehepaars Mitscherlich - es wurde zum Bestseller.

Von Friederike Schulz

Wie können die Deutschen nach den NS-Verbrechen so normal weiterleben, als ob sie nichts damit zu tun gehabt hätten?
Wie können die Deutschen nach den NS-Verbrechen so normal weiterleben, als ob sie nichts damit zu tun gehabt hätten?

Wie können die Deutschen nach diesen Verbrechen so scheinbar normal weiterleben, als ob sie nichts damit zu tun gehabt hätten? Diese Frage ging Alexander Mitscherlich nicht aus dem Kopf. Als Psychoanalytiker hatte er immer wieder mit Patienten zu tun, die in der NS-Zeit als Offiziere oder gar Mitglieder der SS Teil des Hitlerregimes gewesen waren. Doch von Reue oder Scham schien bei ihnen keine Spur – für Alexander Mitscherlich und seine Frau Margarete stehen sie exemplarisch für die gesamte Gesellschaft.

Die Restitution der Wirtschaft war unser Lieblingskind. Statt einer politischen Durcharbeitung der Vergangenheit als dem geringsten Versuch der Wiedergutmachung vollzog sich die explosive Entwicklung der deutschen Industrie.

Alexander und Margarete Mitscherlich berufen sich in ihrer Analyse auf Sigmund Freud. Ihre These: Die Deutschen hatten nach Ende des Ersten Weltkriegs ein massives Problem mit ihrem Selbstwertgefühl. Hitler gab es ihnen zurück, mehr noch, er wurde zum kollektiven "Ich-Ideal", auf das alle Wünsche projiziert werden konnten.

Er war ein Objekt, an das man sich anlehnte, dem man die Verantwortung übertrug, und ein inneres Objekt. Als solches belebte er aufs neue die Allmachtsvorstellungen, die wir aus der frühen Kindheit über uns hegen; sein Tod und seine Entwertung durch die Sieger bedeutete auch den Verlust eines narzisstischen Objekts und damit eine Ich- oder Selbstverarmung und Entwertung.

Es ist die persönliche Fassungslosigkeit, die das Buch "Die Unfähigkeit zu trauern" auszeichnet. Als erste Psychologen überhaupt setzen sich die Mitscherlichs mit dem Phänomen der kollektiven Verdrängung auseinander. 1967, also noch vor den "68ern", veröffentlichen sie ihre Theorie und stoßen damit auf ein gewaltiges Echo. Das Buch beherrscht wochenlang die Bestsellerlisten. Heute spielt es in der Forschung dagegen keine Rolle mehr, zu gewagt und zu allgemein scheinen die Thesen aus heutiger Sicht, erläutert Detlev Fetchenhauer, Sozialpsychologe an der Universität Köln:

"Das war so die Zeit, wo man langsam angefangen hat, das zu machen, was dann als Vergangenheitsbewältigung bezeichnet wurde. Und da war dieses Buch schon ein Meilenstein, weil es eben der Beginn war einer aktiven Auseinandersetzung mit dieser NS-Vergangenheit und sozusagen den Blick wirklich geweitet hat, also nicht nur sich auf die ganz schlimmen Täter zu konzentrieren, sondern sozusagen die Frage zu stellen, welche Verantwortung denn das deutsche Volk insgesamt hat und wie es mit dieser Schuld und dieser Verantwortung umgeht."

Die Thesen sind bewusst provokant formuliert: Angesichts der starken Identifikation mit Hitler hätten die Deutschen nach Kriegsende aufgrund dieses Verlusts allen Grund gehabt, kollektiv der Melancholie zu verfallen oder ernsthafte psychische Erkrankungen zu entwickeln, so die These. Gleiches gilt nach Einschätzung der Autoren für das ungeheure Maß an Schuld, das spätestens 1945 für alle sichtbar wurde. Doch nichts dergleichen geschah, stellen die Mitscherlichs fasziniert und entsetzt zugleich fest. Die Begründung: Die Deutschen hätten sich wie Kinder verhalten, die einen Fehler gemacht haben. Sie verdrängen ihre Schuldgefühle.

Wo Schuld entstanden ist, erwarten wir Reue und das Bedürfnis der Wiedergutmachung. Wo Verlust erlitten wurde, ist Trauer, wo das Ideal verletzt wurde, ist Scham die natürliche Konsequenz. Die Verleugnungsarbeit erstreckte sich gleichermaßen auf die Anlässe für Schuld, Trauer und Scham. Wenn überhaupt Erinnerung, dann als Aufrechnung der eigenen gegen die Schuld der anderen.

Das Motiv sei reiner Selbstschutz gewesen. Doch wer unfähig ist zu trauern, um den Verlust des Führers einerseits und um die Millionen Opfer andererseits, der kann sich auch der Gegenwart und der Zukunft nicht stellen, der verharrt in psychischer Starre, so das gewagte Fazit. Nimmt man das Buch heute zur Hand, überraschen diese Thesen noch immer – schließlich liegt hier das gesamte deutsche Volk wider Willen auf der Couch. Die schonungslosen Erklärungen für die kollektive Verdrängung lesen sich wenig schmeichelhaft und liefern dem heutigen Leser eines von mehreren Erklärungsmustern für die mangelnde Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in der Nachkriegszeit. Eines jedoch ist sicher: Ein Historiker würde eine derart monokausale Begründung schon lange nicht mehr so stehen lassen.

Das war Friederike Schulz über Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern - Grundlagen kollektiven Verhaltens. 1967 in der Originalausgabe bei Piper erschienen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk