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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturKursiv: Mikrokredite in Misskredit28.06.2010

Kursiv: Mikrokredite in Misskredit

Farooque Chowdhury: "Microcredits - Myth Manufactured". Verlag Shrabon Prokashani

Bangladesch ist die Heimat des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus. Yunus ist der Gründer der Grameen Bank. Eine Bank, die Kredite an Kleinstgewerbetreibende vergibt, die nirgendwo sonst ein Darlehen bekommen würden. Nun ist - ausgerechnet in Bangladesch - ein Buch erschienen, das die Vergabe von Mikrokrediten kritisiert.

Von Gerhard Klas

Erhierlt den Friedensnobelpreis 2006: Muhammed Yunus. (AP)
Erhierlt den Friedensnobelpreis 2006: Muhammed Yunus. (AP)

Gruppenbild mit Frauen, gekleidet in bunte Saris, glücklich lächelnd: Bilder wie diese schmücken die Werbeprospekte für Mikrokredite unzähliger Nichtregierungsorganisationen und Investmentfonds in aller Welt. 30 Millionen Kreditnehmerinnen gibt es allein in Bangladesch. Das ist ein Fünftel der Bevölkerung dieses von Armut, Analphabetentum und Naturkatastrophen geplagten Landes. Nirgends auf der Welt sind Mikrokredite so verbreitet. Angeblich helfen sie den Frauen, der Armut zu entkommen. Aber das stimmt nicht, meint Farooque Chowdhury, Herausgeber des Buches "Mikrokredite – ein konstruierter Mythos".

"Die wahren Fakten über die Mikrokredite werden normalerweise nicht berichtet. Das sollten sie aber."

Im Buch kommen Politologen, Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler, Feministinnen und Entwicklungsexperten zu Wort; die meisten von ihnen aus Bangladesch. Eines der Probleme, das sie skizzieren, ist die Überschuldung. Das bestätigt auch die nationale Regulierungsbehörde für Mikrokredite, die 2006 in Dhaka eingerichtet wurde: Mehr als 70 Prozent der Kreditnehmerinnen sind mittlerweile bei mehr als einer Institution verschuldet. Farooque Chowdhury beschreibt zahlreiche Fälle, in denen die kleinen, mit den Mikrokrediten errichteten Dienstleistungsunternehmen nicht den erwarteten Erlös abwerfen. Oder unvorhergesehene Ereignisse – zum Beispiel Unfälle, Krankheiten, Naturkatastrophen oder Todesfälle - hindern die Kreditnehmerinnen daran, ihre wöchentlichen Raten abzuzahlen.

"Die Last der Mikrokredite wird dann für die Kreditnehmer immer größer und größer, sie landen in der Mikrokredit-Falle. Sie fangen an mit einem Kredit. Doch dann nehmen sie weitere Kredite auf, bei anderen Organisationen. Mit den neuen Krediten versuchen sie jeweils, die alten Schulden abzubezahlen. So funktioniert der Kreislauf."

Die Schuldnerinnen verkaufen schließlich ihr Hab und Gut, beleihen oder veräußern ihre kleinen Ländereien. Die Macht der Geldverleiher sei nicht zu unterschätzen, so Farooqee Chowdhury.

"Das bedeutet nicht nur eine finanzielle Falle, sondern es gibt dabei auch eine psychologische Komponente. Ein Schuldner ist dem Gläubiger gegenüber unterwürfig. Das Buch beschreibt anhand von Beispielen, wie die Schuldner regelrecht von den Kreditgebern bevormundet werden. Die Gläubiger kontrollieren das Leben der Schuldner, deren Alltag sich völlig um den Kredit dreht."

Die Folgen sind verheerend: Verschuldete Eltern schicken ihre Kinder statt in die Schule zur Feldarbeit, ganze Familien fliehen wegen des Schuldendrucks aus ihren Dörfern - also genau das Gegenteil jeder sogenannten entwicklungspolitischen Zielsetzung. Einige Schuldner, so heißt es, bringen sich aus Verzweiflung um. Natürlich ist es schwer, die Gründe für einen Selbstmord zweifellos festzustellen, wenn kein Abschiedsbrief vorliegt. Das ist in Bangladesch so gut wie nie der Fall, weil die meisten gar nicht lesen und schreiben können. Die im Buch recherchierten Fälle orientieren sich folglich an den Aussagen von Angehörigen, Nachbarn und Freunden. Was vielen zur Last wird, ist für andere ein Geschäft, so der Politologe Farooquee Chowdhury:

"In diesem Buch geht es auch darum, wie Mikrokredite einen neuen Kapitalmarkt eröffnet haben. Seit langer Zeit fällt die Profitrate, und das Kapital sucht neue, lukrative Märkte. Mikrokredite sind ein solcher, verheißungsvoller Markt: Mit geringer Beteiligung, aber sicheren Gewinnen. Auch die großen Banken kalkulieren, wie sie diesen Markt erobern können. Die Mikrokredite haben viele Aspekte. Auch den sozialen sollte man nicht ignorieren: Mit ihrer Hilfe werden die Armen ruhig gehalten und der gesellschaftliche Status Quo abgesichert. Gleichzeitig erzeugt dieser vielversprechende Markt einen Mehrwert auf ihrem Rücken und breitet sich überall auf der Welt aus."

Farooque Chowdhury hat mit "Mikrokredite – ein konstruierter Mythos” ein Buch vorgelegt, das die Zweifel all derjenigen bestätigt, die dem Mantra von den Mikrokrediten als Mittel gegen die Armut schon immer misstraut haben. Eine längst überfällige Debatte – auch hierzulande, wo Bilder von glücklich lächelnden Südasiatinnen in bunten Saris und ein Nobelpreistitel ausreichen, Mikrokredite als geeignetes Mittel der Armutsbekämpfung zu betrachten.

Farooque Chowdhury: "Microcredits – Myth Manufactured". Das Buch ist im Verlag Shrabon Prokashani erschienen, hat 266 Seiten und kostet ca. 25 Euro, ISBN: 984-70088-0003-1.

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