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StartseiteKultur heuteIm Strom der Zeit07.02.2015

Kurzopern am Theater HeidelbergIm Strom der Zeit

Besser geht's nicht: Die Uraufführungen von Johannes Harneits Kurzopern "Abends am Fluss" und "Hochwasser" am Theater Heidelberg sind sinnlich, verstörend, amüsant, betörend, unterhaltsam und provokant. Das Operndoppel funktioniert, wenn man sich einfach nur dem Strom von Musik und Bildern aussetzt.

Von Jörn Florian Fuchs

"Abends am Fluss" am Theater Heidelberg (picture alliance / dpa / Uli Deck)
"Abends am Fluss" am Theater Heidelberg (picture alliance / dpa / Uli Deck)

Mit veritablem Kopfsausen verlässt man nach dieser Premiere das Theater Heidelberg. Was war geschehen? Vor gut dreieinhalb Stunden saß man im schönen neuen Saal des Stadttheaters und tauchte ab in eine Flut aus Bildern, Klängen, Ideen. Rosa Luxemburg war auf der Bühne, als Figur, als Porträtfoto, als Ideengeberin. Revolutionäre Chormassen erschienen, individualisierten sich, fügten sich wieder zur großen, mal hilflosen, mal entschieden kampfbereiten Ansammlung. Dann gab es eine gigantische DDR-Flagge, die zuvor in Einzelteilen schon erkennbar wurde, durch Ähren oder einen Hammer. Die Sichel freilich fehlte noch. Ein grauenvoll deklamierender alter Mann - der gestisch wie vokal brillante Tomas Möwes - irrte umher, eine Wasserleiche wurde geborgen, wobei die tote Dame sehr lebendig sang. Auf einmal erschien ein Kaufhaus, kurze Zeit später stürmten Attentäter das Theater und verübten vom Zuschauerraum aus einen Brandanschlag auf den Konsumtempel. Und dann sah man wieder die Worte "Ich war, ich bin, ich werde sein!".

Später lesen wir im Programmheft nach, Rosa Luxemburg habe sie kurz vor ihrer Ermordung 1919 geschrieben. Dass wir dies vorher nicht wussten, ist jedoch egal, weil das Musiktheater des Trios Johannes Harneit, Peter Konwitschny und Gero Troike auch funktioniert, wenn man sich einfach nur dem Strom von Musik und Bildern aussetzt - ohne ständig nachzudenken, ohne dauernd interpretieren zu wollen.

"Abends am Fluss" zeigt eine Gesellschaft in Bewegung, einen suchenden Chor (fabelhaft einstudiert von Anna Töller), eine immer wieder momenthaft Sinn und Situationen findende Masse. Mal derb, mal sanft ironisch webt Peter Konwitschny einen sinnlichen Ideenteppich aus den sprachlich eher simplen Texten Gero Troikes. Ausstatter Helmut Brade erfindet fantastische visuelle Landschaften, Hubpodien halten das große, bis in die kleinsten Partien stimmig besetzte Ensemble ständig in Bewegung. Es gibt fließende Übergänge zwischen sehr rätselhaften und dann wieder völlig konkreten Szenen, als Klammer dienen zwei elegant expressiv singende Herren in Grenzhäuschen (Winfrid Mikus und Nico Wouterse), die auf ihren Laptops offenbar das Geschehen festzuhalten suchen. Irgendwann begegnet man dann der "Geldwerdung Gottes", über dem irdischen Tohuwabohu schwebt eine Geldscheine abwerfende Entität. Eher verstörend ist die Séance mit Sigmund Freud im Käfig, neben ihm räkeln sich zwei Damen.

Harneit hat als Dirigent alles perfekt im Griff

Johannes Harneit liefert zu alldem abwechslungsreiche, recht komplexe Klangräume. Es gibt viel Choralhaftes, oft mechanisch-hämmernde Begleittöne, monumentale orchestrale Bögen, aber auch ernsthaft oder 'witzig' gebrochene Gesangslinien mit großen Intervallsprüngen. Besonderen Eindruck macht ein Koloraturen versessener Hund (Namwon Huh).

Zeitweise überrollen einen die Klänge, aus dem Rang klappert das Schlagwerk, von vorne raunt und stöhnt der Chor, aus dem Graben flirrt und donnert es. Harneit hat als Dirigent seiner Partitur alles perfekt im Griff.

Nach 105 Minuten folgt eine kurze Pause, dann geht es in den alten Saal des Theaters. Direkt vor einem sind nun ein gutes Dutzend Musiker positioniert - und zwei Koffer. "Hochwasser" spielt im Keller, von der Decke bröckelt der Putz. Dieser fällt uns tatsächlich immer wieder beinahe auf den Kopf. Ansonsten halten uns die beiden Reisebehältnisse auf Trab. Sie singen nämlich und sind traurig ob ihrer Einsamkeit. Sie hoffen auf eine Überflutung ihrer Heimstätte, um dieser entfliehen zu können. Wilfried Staber und Ipča Ramanović singen wunderbar von Sehnsucht und Erinnerung und Angst. Einmal greift eine Bratschistin (Marianne Venzago) kurz ins Bühnengeschehen ein. Oft hört man zwei im Vierteltonabstand gestimmte Klaviere. Zum Finale folgt eine - musikalische - Überflutung, doch diese zerstört nur den älteren, ohnedies ramponierten Koffer. Der jüngere, kleinere bleibt zurück. Die Musik vertröpfelt, eine ferngesteuerte Ratte jagt über die mittlerweile arg verschmutzte Bühne...

Auf den Punkt gebracht: Dieses Operndoppel ist sinnlich, verstörend, amüsant, betörend, unterhaltsam, provokant. Besser geht's nicht!

 

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