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StartseiteSprechstundeWeniger Computer, mehr frische Luft06.10.2015

Kurzsichtigkeit bei KindernWeniger Computer, mehr frische Luft

Eltern, deren Kind einen Computer oder ein Smartphone besitzen, haben fast täglich Ärger: Immer wieder muss diskutiert werden, wie lange der Nachwuchs noch spielen, chatten oder im Internet surfen darf. Nun erhalten die Eltern Rückendeckung von den Augenärzten. Sie fordern: weniger Smartphone, dafür mehr spielen an der frischen Luft. Das sei besser für die Augen.

Von Christina Sartori

Ein Junge sitzt mit seinem Schulranzen auf einer Tischtennisplatte auf einem Spielplatz in Berlin und spielt auf einem Smartphone (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Smartphones verstärken Kurzsichtigkeit bei Kindern. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
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Wenn ein Kind beim Lesen die Nase auf das Papier drückt – dann kann das ein Hinweis für Kurzsichtigkeit sein. Und die scheint immer häufiger aufzutreten, sagt Professor Wolf Lagrèze vom Uni-Klinikum Freiburg. Zwar gibt es keine genauen Zahlen zur Kurzsichtigkeit bei Kindern, doch andere Daten lassen darauf schließen, erläutert der Augenarzt, der unter anderem auf Kinder-Augenkunde spezialisiert ist:

"Sowohl in Deutschland, als auch in Europa, als auch weltweit, ist ziemlich eindeutig zu beobachten, dass die Rate der Kurzsichtigkeit ansteigt. Junge Menschen haben heutzutage wesentlich häufiger Kurzsichtigkeit, als die älteren Menschen."

Das könnte möglicherweise an genetischen Faktoren liegen, doch dagegen spricht, dass zum Beispiel in Asien innerhalb von 70 Jahren die Zahl der jungen Menschen mit Kurzsichtigkeit von 20 auf über 80 Prozent gestiegen ist. Deswegen sehen Augenärzte eher Verhaltensweisen und Umweltfaktoren als Ursachen für die Zunahme. Ein Hauptverdächtiger: das Smartphone. Aber ganz so einfach ist es nicht, sagt Prof. Wolf Lagrèze:

"Die Smartphones haben nur indirekt einen Einfluss auf diese Zunahme. Es ist nicht das Smartphone selber, was die Kurzsichtigkeit bedingt, sondern es ist mehr das, was man damit macht. Nämlich in der Nähe schauen. Und das macht man lieber in geschlossenen Räumen, als das man damit rausgeht."

Licht spielt eine entscheidende Rolle

"Es gibt sehr überzeugende Daten, dass Menschen, die viel draußen sind und viel Tageslicht abbekommen, weniger kurzsichtig werden und bei denen auch die Kurzsichtigkeit weniger rasch fortschreitet im Vergleich zu Menschen, die den ganzen Tag drinnen sitzen."

Das zeigt auch eine Studie, bei der untersucht wurde, wie schnell die Kurzsichtigkeit – von Ärzten auch Myopie genannt – voranschreitet. Professorin Anja Eckstein vom Uniklinikum Essen:
"Eine große dänische Myopiestudie konnte zeigen, dass die Myopie-Progression in der dunklen Jahreszeit stärker ist, als in der hellen Jahreszeit. Das ist ja auch eine ganz starke Evidenz, dass das Tageslicht Einfluss hat."

Eine schwere Kurzsichtigkeit ist nicht nur lästig, sondern erhöht auch das Risiko für andere Augenerkrankungen, betont Professorin Anja Eckstein:

"Dann hat man ein deutlich, ein signifikant erhöhtes Risiko, dass man durch eine periphere Netzhautdegeneration später einen Schaden erleidet. Stichwörter dafür sind zum Beispiel Netzhautablösungen und die Folgeerkrankungen."

Atropin-Augentropfen verzögern Sehschwäche

Für Kinder, die schon an einer Kurzsichtigkeit leiden, kann die regelmäßige Gabe von hochverdünnten Atropin-Augentropfen das Fortschreiten verlangsamen, beschreibt Professor Lagrèze aus Freiburg.

"Das hat einen eindeutigen Effekt. Man kann erwarten, dass man ungefähr 0,3 Dioptrin pro Jahr weniger kurzsichtig wird, wenn man diese Maßnahme wählt."

Allerdings muss diese Behandlung jahrelang durchgeführt werden. Eine andere Behandlungsmöglichkeit sind spezielle Kontaktlinsen:

"Es gibt eine Reihe von Studien die gezeigt haben, dass wenn man multifokale Kontaktlinsen, die sowohl für die Ferne, als für die Nähe korrigieren - also das, was normalerweise der Alterssichtige brauchen würde. Dass, wenn man die bei Kindern, die kurzsichtig sind, aufsetzt, dass dann die Kurzsichtigkeit etwas weniger rasch fortschreitet. Die Effekte sind etwas geringer als beim Atropin, aber sie sind durchaus messbar."

In jedem Falle empfiehlt Wolf Lagrèze aber den Eltern:
"Die Kinder zum Spielen ausreichend lange nach draußen zu schicken und ihnen interessante Alternativangebote zu offerieren. Sodass sie freiwillig das Smartphone beiseitelegen und Dinge tun die in einer höheren Umfeldhelligkeit stattfinden: Fußballspielen, auf Bäume klettern, draußen spielen anstatt zu Hause vor dem Computer Zeit verstreichen zu lassen und Computerspiele zu spielen."

Ein Rat, den Kinderärzte schon lange predigen. Aber manche Dinge kann man einfach nicht oft genug sagen.

 

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