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StartseiteBüchermarktLebensgeschichte des Traumdeuters04.02.2007

Lebensgeschichte des Traumdeuters

Annette Meyhöfer beschreibt Sigmund Freud und seine Zeit

"Die Biographen aber sollen sich plagen" - das schrieb der junge Freud und verbrannte kurzerhand Briefe und private Aufzeichnungen. Die Biografen haben inzwischen ganze Regalreihen über Begründer der Psychoanalyse geliefert. Wagemutig hat sich auch die Literaturwissenschaftlerin Annette Meyhöfer an eine Lebensgeschichte gemacht: "Eine Wissenschaft des Träumens" heißt ihr Band, der mit Verspätung zu den wichtigen Neuerscheinungen des Freud-Jahres gehört.

Von Maike Albath

Sigmund Freud, 1939 (AP / Sigmund Freud Museum)
Sigmund Freud, 1939 (AP / Sigmund Freud Museum)

Die Geschichte beginnt in einem kleinen Ort irgendwo im nordöstlichen Mähren, wo der Tuchhändler Jacob Freud zu Hause ist. Friedberg heißt das Städtchen. Dort bringt Amalia Freud, gerade einundzwanzig Jahre alt, zwei Jahrzehnte jünger als ihr Mann und vermutlich dessen zweite Frau, am 6. Mai 1856 einen kleinen Jungen zur Welt.

Er wurde mit einer Glückshaube geboren, wie der Lieblingsheld seiner Jugend, David Copperfield. Der Legende nach waren jene Kinder, deren Kopf bei der Geburt noch von den Überresten der Eihaut bedeckt war, zu Höherem bestimmt, manchmal sogar mit übernatürlichen Fähigkeiten gesegnet, jedenfalls begabt zu besonderem Glück. Nach der Freudschen Familiensaga hatte eine alte Frau der jungen Mutter dies bekräftigt und dem Kleinen eine große Zukunft vorausgesagt. Sicherlich kamen solche Prophezeiungen häufig vor, "es gibt", schrieb er später, "so viel erwartungsfrohe Mütter und so viel alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, deren Macht auf Erden vergangen ist, und die sich darum der Zukunft zugewendet haben". Und die Freuds schienen des Glücks noch viel bedürftiger, als es die meisten ohnehin sind.

Schon in den ersten Zeilen ihrer Biographie über Sigmund Freud, für die Annette Meyhöfer den schönen Titel Eine Wissenschaft des Träumens gewählt hat, macht die Literaturwissenschaftlerin und Publizistin deutlich, wie sie das Leben des großen Wiener Seelenarztes aufrollen möchte: eine stärker literarisch geprägte Gestaltung schwebt ihr vor, gehalten in einem ruhigen, unaufdringlichen Erzählton, ergänzt durch Zitate Freuds, mit vielen Bezügen auf die historischen und sozialen Umstände. Die Autorin hat sich mit den Standardbiographien von dem berühmten Freud-Schüler Ernest Jones, über Peter Gay, Siegfried Bernfeld und Kurt Eissler bis hin zu Max Schur und den Zeugnissen etlicher Schüler gründlich auseinander gesetzt. Sie kennt die Erfahrungsberichte seiner Analysanden, ist mit Freuds Werken vertraut und ohne anbiedernd zu sein, bringt sie der Psychoanalyse als Behandlungsmethode großen Respekt entgegen. Mit dramaturgischem Geschick reiht Meyhöfer die verschiedenen Stationen der frühen Jahre aneinander und verknüpft, ganz so, wie es auch in psychoanalytischen Behandlungsprozessen immer wieder geschieht, die äußere Biographie Freuds mit seiner inneren: familiäre Grundkonstellationen, wie die große Beanspruchung der Mutter durch fortwährende Schwangerschaften, der unübersichtliche Clan aus Halbbrüdern und Cousins in Friedberg und die Erinnerungen an seine wegen Diebstahl entlassene Kinderfrau kommen ebenso zur Darstellung wie der Alltag in Wien, wohin die Familie aus wirtschaftlichen Gründen 1860 übergesiedelt war, oder erste Freundschaften. Dabei gelingt der Verfasserin das Kunststück, trotz des erheblichen Umfangs ihres Buches von achthundert Seiten einen Spannungsbogen aufzubauen. Bei ihr liest sich die Entdeckung der Psychoanalyse wie eine Abenteuergeschichte. Das ist umso bemerkenswerter als Freuds Werdegang eigentlich arm an äußeren Ereignissen war: nach einer typischen Wiener Jugend mit Gymnasialzeit und Medizinstudium ging er zwar eine Zeitlang nach Triest und später nach Paris, um an der berühmten Salpetrière, dem Krankenhaus des fortschrittlichen Psychiaters Charcot zu forschen und sich mit dem Phänomen der Hysterie zu beschäftigen, aber sonst verlief alles nach einem typisch bürgerlichen Muster. Die Studienjahre sind äußerst entbehrungsreich, denn die Familie war immer knapp bei Kasse. Als Sigmund Freud die hübsche Martha Bernay kennen lernt, sich Hals über Kopf in die höhere, aber ebenfalls mittellose Tochter verliebt, kann er sie zu seinem großen Kummer nicht gleich heiraten - ein ordentliches Auskommen wäre dafür von Nöten. Plastisch schildert Annette Meyhöfer die zerrüttende Verlobungszeit. Marthas Mutter intrigiert gegen die Verbindung, zieht mit ihren Töchtern kurzerhand wieder in ihre alte Heimatstadt Hamburg zurück und bemüht sich, Martha den armen jungen Arzt wieder auszureden. Freud tobt in seinen Briefen, fordert die Verlobte auf, sich auf seine Seite zu stellen, aber Martha nimmt eine vermittelnde Position ein. Anders als viele Freud-Biographen entwirft Meyhöfer ein sympathisches Bild der jungen Frau, die man sich als unbeirrbare, eigenständige Person vorstellt und die sie auch später gegen die oft erhobenen Vorwürfe, sie sei eine farblose Matrone im Schatten ihres genialen Mannes gewesen, in Schutz nimmt. Der Bräutigam litt jedenfalls furchtbar unter der langen Verlobungszeit und der Zwangsabstinenz und stimmt wortreiche Klagen an: wir sparen an unserer Erregung und Genussfähigkeit, schreibt er Martha, und wissen gar nicht wofür. Zum Teil kann man Freuds revolutionären Ansichten über die Bedeutung der Sexualität, die er später entwickeln sollte, auch auf die Erfahrungen mit der viktorianischen Moral zurückführen. Vier quälende Jahre dauert es, bis Freud seine Verlobte heiraten, mit ihr einen Hausstand gründen und eine eigene Praxis eröffnen kann. Rasch werden nacheinander drei Söhne und drei Töchter geboren. Seine Patienten, die er nicht nur mit den üblichen Therapien wie Hypnose und Elektroschocks behandelt, sondern auf eine Couch bettet und ermutigt, ungeordnet ihre Gedanken Preis zu geben, eröffnen ihm plötzlich neue Ansätze. Das berühmte Setting der Redekur, so wie wir es bis heute kennen, war entstanden: während der Patient liegend seinen Assoziationen folgt, nimmt der Arzt auf einem Stuhl hinter der Couch Platz, um auf diese Weise den Analysanden im Blick zu haben, ohne selbst gesehen werden zu können. Freud entdeckt, dass häufig verschüttete Erinnerungen die Ursache für Störungen sind und ahnt einen Zusammenhang zwischen Sexualität und Neurose. Gleichzeitig intensivierte Freud seine wissenschaftlichen Studien von Neurasthenie und Hysterie und schloss mit dem charmanten Berliner Hals-Nasen-Ohren-Arzt Wilhelm Fließ Bekanntschaft. Es ist der Auftakt einer schwärmerischen Männerfreundschaft, die für Freud ein Jahrzehnt lang eine ungeheure Inspiration bedeutet. In den ersten Jahren seiner Tätigkeit ist Freud permanent knapp bei Kasse und wird von Förderern auch finanziell unterstützt. Durch die tägliche Behandlung seiner Patienten bemerkt er, wie sich die Urkonflikte häufig in Träumen formulieren und beginnt mit der Niederschrift einer bahn brechenden Studie: 1899 erscheint die Traumdeutung. Dabei macht er auch sich selbst zum Forschungsgegenstand.

Ja, es erforderte wirklich "schwere Selbstüberwindung", die eigenen Träume zu deuten und mitzuteilen: "Man muss sich selbst als den einzigen Bösewicht enthüllen unter all den Edlen, mit denen man das Leben teilt". Es kostete Freud die Freundschaft mit Sophie Paneth, dass er ihren verstorbenen Mann, den großzügigen Freund und Helfer, im "Non-vixit"-Traum nicht minder schonungslos, wenn nicht gar boshaft darstellte. Vielleicht zerbrach an seiner Freimütigkeit, noch bevor es zum Konflikt und öffentlichen Streit kam, letztendlich auch die Beziehung zu dem "einzigen anderen", zu Fließ. Aber er fühlte sich als Forscher, der mit seinen Bekenntnissen für den Wahrheitsanspruch seiner Theorien haftete, verpflichtet, noch weiter hinab zu steigen in die inneren Kreise der Hölle. Schließlich war er der Mann, der den "Augiasstall der Irrtümer und Vorurteile in der Neurosenlehre" auszumisten hatte, ein neuer Herkules - als solcher erscheint er sich selbst im "Ekeltraum". Da findet er sich auf einer Anhöhe wieder, vor einer sehr langen Bank, an deren Ende sich ein großes Abortloch auftut, "mit Häufchen Kot von allen Größen und Stufen der Frische". Er uriniert auf die Bank, ein langer Harnstrahl spült alles weg. Im Traum war ihm nichts davon eklig.

Körperliche Vorgänge und die Genitalien derartig in den Mittelpunkt zu stellen und dafür auch noch Erklärungen zu finden - was für eine Anzüglichkeit im plüschigen Wien der Jahrhundertwende. Freud wurde beschimpft, verlacht, geächtet. Man kann sich das Ausmaß seiner Provokation heute nur schwer vorstellen, denn seine Entdeckungen, die vom Unbewussten, der Verdrängung, dem Ödipuskomplex bis hin zum verräterischen Lapsus und zur zentralen Rolle der Sexualität reichen, um nur die populärsten zu nennen, sind längst Teil unserer Alltagskultur. Annette Meyhöfer schildert immer wieder die Wiener Verhältnisse und Freuds Außenseitertum als Jude, was seine Errungenschaften und seinen Mut noch deutlicher hervor treten lässt. Gerade weil die Autorin selbst keine Psychoanalytikerin ist und ohne Fachjargon auskommt, sind ihre Zusammenfassungen von Sigmund Freuds Theorien, Werken und den berühmten Fallgeschichten zugänglich und informativ. Sie bringt die Grundlagen oft auf den Punkt und schildert eindringlich die damals verfemte Arbeit der Pioniere. Das betrifft nicht nur die äußeren Wegmarken, wie die Gründung der Mittwochsgesellschaft 1902, als Freud regelmäßig Zusammenkünfte für mehrere interessierte Kollegen einrichtete, aus denen dann die Wiener Psychoanalytische Vereinigung hervor ging, oder wie die daran anknüpfenden Kongresse, die Einführung der Lehranalyse und die allmähliche Internationalisierung der Bewegung. Gerade weil Freud bereit war, sich seinen Patienten immer neu zu stellen und Erklärungsmodelle wieder zu verwerfen, konnte er eine so große Radikalität entfalten. Meyhöfers größte Qualität besteht aber nicht in den hilfreichen Bündelungen und ihren erzählerischen Fähigkeiten, sondern vor allem in ihrer unbefangenen Haltung der Hauptperson gegenüber. Sie gehört weder zu den Hagiographen Freuds, die keinen Kratzer an ihrem Heiligtum zulassen und sämtliche Schattenseiten zu beschönigen suchen, noch zu den ebenso leidenschaftlichen Vatermördern, die dem Wiener Seelenforscher Techtelmechtel mit Patienten oder der Schwägerin nachsagen oder in hämischem Tonfall nach Ausrutschern fahnden. Von dem Begründer der Psychoanalyse entsteht dabei ein facettenreiches Bild: Meyhöfers Freud wirkt sehr menschlich, ungeheuer neugierig, ausgestattet mit einer großen Wärme und Liebesfähigkeit und mit einem spitzfindigen Humor, jemand, der sorgfältig mit anderen umgeht und viel Wert auf seine Familie legt. Aber die Autorin benennt auch Freuds Schwächen: seine Empfindlichkeit, die Neigung, vieles auszuplaudern, die große Bedürftigkeit, was die Zuwendung seiner Freunde angeht und die zwiespältige Lehranalyse seiner eigenen Tochter Anna, die er eifersüchtig an sich zu binden versteht. Diese in der Freud-Biographik ambivalent behandelten Phasen seines Lebens stellt sie sachlich und ohne Skandallust dar. Dazu zählt zum Beispiel die so genannte Kokain-Episode: Freud hatte während seiner Studienzeit als einer der ersten Ärzte die narkotisierende Wirkung des Stoffes entdeckt und damit experimentiert. Dazu zählen die zahlreichen Grenzüberschreitungen der Beziehungen zwischen Analytikern und Patienten, die vor allem seinen Schülern unterliefen: Jung, Ernest Jones, Ferenczi und Groddek verwickelten sich mehrfach in haarsträubende Liebesbeziehungen mit ihren Forschungsobjekten. Und dazu zählen schließlich Freuds spektakuläre Entzweiungen von einst geliebten Freunden und Schülern. Zuerst wendet er sich enttäuscht von Fließ, dem "einzigen" ab. Es kommt zum Bruch mit Adler. Später wird der schillernde Schweizer Carl Friedrich Jung, einer der wenigen nicht-jüdischen Wissenschaftler, als Nachfolger für die Bewegung auserkoren und mit allen Mitteln umworben, bis auch er vom Thron stürzt. Und auch innerhalb des engsten Kreises kommt es mehrfach zu starken Spannungen. Von den exzentrischen Jüngern Freuds, der legendären Mittwochsgesellschaft, dem selbstgefälligen Jung, dem gemütvoll-schlitzohrigen Ungarn Ferenczi, dem musterschülerhaften Karl Abraham und den ersten Psychoanalytikerinnen, wie der betörenden Lou Andreas Salomé und der exaltierten Prinzessin Marie Bonaparte, die allesamt das Personal eines großen Romans sein könnten, liefert Annette Meyhöfer schöne Porträts. Ein für die Lektüre sehr unterhaltsamer Aspekt in der frühen Zeit besteht natürlich ganz einfach darin, dass die Pioniere der Bewegung kaum unterschieden zwischen Privatleben und beruflichen Aktivitäten, was unter Psychoanalytikern heute undenkbar wäre. Patienten nahmen mitunter ganz selbstverständlich am Familienleben teil und saßen am Kaffeetisch und unterm Weihnachtsbaum. Ein großer Teil der ersten Schüler ging schließlich in die Lehranalyse bei Freud. Jeder Konflikt und jede Uneinigkeit auch in praktischen Fragen, wenn es um die Organisation der Kongresse ging, um Reaktionen auf Vorträge, um die Statuten der Bewegung, wurde gedeutet, erklärt, analysiert und interpretiert. Kein Wunder, dass es bei derartig aufgeladenen Beziehungen auch zu Trennungen kommen musste. 1909 trat Freud gemeinsam mit Jung, der damals noch als sein Kronprinz galt und der Vorsitzende der Internationalen Vereinigung war, eine Vortragsreise in die USA an. Hier zeichneten sich erste Unstimmigkeiten ab.

Und Jung soff während der Schiffsreise wacker mit, derweil man debattierte und lachte, den ganzen Tag lang, aber das war "gar nicht so anstrengend und sehr wohltuend". Man fühlte sich auf der George Washington, wo alles so unbeschreibbar elegant war, wie bei einem sehr vornehmen Herrn auf einem Schloss. Ein Steward hatte sogar das Alltagsleben gelesen, vielleicht war Freud nun doch berühmt. Sie nahmen auch an einem Ball teil; ganz entzückend war es, doch das wichtigste blieb die geistige Arbeit. Dabei soll es zu jenem Vorfall gekommen sein, der Jung zufolge seine Beziehung zu dem Älteren, Reiferen und Erfahreneren einen schweren Stoß versetzte: Freud hatte einen Traum, über dessen Problem zu berichten Jung, der sonst zu allem Klatsch Bereite, mehr als einmal an verbaler Inkontinenz krankend, sich nicht befugt fühlte. Jedenfalls habe er, Jung, versucht, den Traum zu deuten, und darum Freud um ein paar Details aus seinem Privatleben gebeten. Darauf habe dieser ihn merkwürdig und voll Misstrauen angesehen und gesagt: "Ich kann doch meine Autorität nicht riskieren!" Für Jung hatte er sie in diesem Augenblick verloren: In jenem Satz lag für ihn "das Ende unserer Beziehung bereits beschlossen. Freud stellte persönliche Autorität über Wahrheit". Dieser bemerkte nur, dass sie sich glänzend unterhielten, um Stoff zur Unterhaltung nie verlegen und gelegentlich fast übermächtig gut gestimmt waren. Natürlich war er neugierig, ob das so bleiben sollte: "Ca va bien pourvu que ca dure, sagte der Dachdecker, als er abzustürzen begann.". Das geht gut, so lange es währt.

Und in der Tat: es kommt zu einer dramatischen Entzweiung. Aber trotz aller Rückschläge und öffentlichen Anfeindungen gewinnt die Psychoanalyse auch in Fachkreisen an Reputation. Ausgerechnet der Erste Weltkrieg, der Freuds Hypothese von der elementaren Kulturunfähigkeit des Menschen bestätigen sollte, hat mit seinen zahllosen traumatisierten Soldaten daran großen Anteil: eine effektive Behandlungsmethode wird dringend notwendig. In Berlin wird 1920 sogar eine psychoanalytische Poliklinik gegründet, in den USA ist die talking cure längst durchgesetzt und sogar Moskau wird für kurze Zeit ein Zentrum der Psychoanalyse. Die Nachkriegszeit in Wien ist wegen der schlechten Versorgungslage auch für Freud und seine Familie dramatisch. Erneut nimmt Annette Meyhöfer auf die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen Bezug und lässt ein lebendiges Bild jener Phase entstehen. Noch einmal holt Freud zu großen theoretischen Neuerungen aus. 1923 wird bei dem mittlerweile 66jährigen, der sein Leben lang ein leidenschaftlicher Zigarrenraucher war, Gaumenkrebs diagnostiziert, und es beginnt eine lange Leidensperiode mit schmerzhaften Operationen, bei denen große Teile des Kiefers entfernt werden müssen. Ausgerechnet das Sprechen wird ihm schwer. Aber Freud empfängt in der Berggasse 19 weiterhin täglich Patienten, forscht und veröffentlicht. Nach dem Anschluss Österreichs und ersten Repressalien durch die SA lässt sich Sigmund Freud von seinen Freunden überzeugen: in Wien wird er sein Leben nicht in Ruhe beschließen können. Sein geliebtes England, wo Teile der Familie schließlich seit sieben Jahrzehnten beheimatet sind, soll ihm Exil bieten. Ernest Jones setzt alle Hebel in Bewegung, um für Sigmund Freud und für seine Karawane - Frau, Schwägerin, Kinder, Bedienstete -, die immerhin aus sechzehn Personen bestand, Pässe und Aufenthaltsgenehmigungen zu erhalten. Noch glaubte im Ausland kaum jemand, dass die Juden ernsthaft in Gefahr seien. Nach mühseligem Hin und Her gelingt die Ausreise.

Der Garten der provisorischen Wohnung, die sie bezogen hatten, war wieder so schön, mit einem weiten Blick über Park und Stadt. Bei seinem ersten Gang durch seine kleine neue Welt, erzählte Jones, warf Freud die Arme hoch und sagte: "Ich bin fast versucht, Heil Hitler auszurufen." Ja, es war so wunderschön wie in seiner Erinnerung und noch mehr, dies England, "ein gesegnetes, ein glückliches Land, von wohlwollenden, gastfreundlichen Menschen bewohnt". Dennoch empfand er tief drinnen den Schmerz des Emigranten, er litt unter dem "Verlust der Sprache, in der man gelebt und gedacht hat und die man bei aller Mühe zur Einfühlung durch eine andere nie wird ersetzen können". Der Mann, der perfekt im Englischen war, der über Jahre seine Analysen in dieser Sprache durchgeführt hatte, glaubte sogar, dass ihm sonst vertraute Mittel des Ausdrucks versagten; und sein "Es" wollte sich dagegen sträuben, die gewohnte gotische Schrift aufzugeben. Dabei hatte er oft genug gehört, dass er kein Deutscher sei. Dabei war er selbst ja froh, dass er kein Deutscher mehr zu sein brauchte. Doch niemals verließen ihn seine Sorgen.

Noch ein gutes Jahr sollte Freud bleiben. So lange er Kraft hat, arbeitet er weiter. Am 23. September 1939 stirbt Sigmund Freud, an Yom Kippur, wie Annette Meyhöfer feststellt. Im Genre des erzählenden Sachbuchs gilt es eine schwierige Balance zu halten: einerseits nicht hinter den wissenschaftlichen Standards zurück zu bleiben und andererseits eine breite Leserschaft zu bedienen. Der Autorin gelingt beides. Für Fachleute und Kenner der Materie mag Meyhöfers umfangreiche Biographie kaum Überraschungen bieten, aber für jeden anderen liefert ihre Wissenschaft des Träumens nicht nur eine mitreißende Darstellung der Lebensgeschichte des großen Arztes, sondern auch eine spannende Einführung in die Psychoanalyse. Den Erforscher des inneren Afrikas, wie Sigmund Freud die Tiefenschichten des Unbewussten nannte, kann man nicht oft genug wieder entdecken.

Annette Meyhöfer, Eine Wissenschaft des Träumens. Sigmund Freud und seine Zeit. Knaus Verlag, München 2006. 798 Seiten. 24, 95 Euro

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