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Lebenslanges Verarbeiten

Marcel Reich-Ranicki: "Mein Leben". Deutsche Verlags-Anstalt

Der in der vergangenen Woche verstorbene Marcel Reich-Ranicki griff immer wieder in politische und gesellschaftliche Debatten ein. Legitimiert nicht zuletzt durch seinen eigenen Lebenslauf. Seine 1999 erschienene Autobiografie ist deshalb auch eine immanent politische.

Von Mirko Smiljanic

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki während der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität in Berlin (AP)
Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki während der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität in Berlin (AP)

Marcel Reich-Ranicki ist tot. Er starb am 18. September 2013 im Alter von 93 Jahren. Wen haben wir verloren? Einen wortgewaltigen Literaturkritiker? Einen, der Bücher entweder in höchste Höhen lobte oder in Grund und Boden stampfte? Einen ichbezogenen Exzentriker, der 2008 den Deutschen Fernsehpreis ablehnte, weil er in den nominierten Serien und Shows nichts als Blödsinn sah? Oder haben wir mit Marcel Reich-Ranicki einen ganz anderen Menschen verloren, einen, der zeitlebens mit den Erfahrungen seiner Biografie rang?

"Ich soll heute hier die Rede halten zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Doch nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Ghettos. 1938 war ich aus Berlin nach Polen deportiert worden. Bis 1940 machten die Nationalsozialisten aus einem Warschauer Stadtteil den von ihnen später sogenannten 'jüdischen Wohnbezirk'. Dort lebten meine Eltern, mein Bruder und schließlich ich selber. Dort habe ich meine Frau kennengelernt."

Am 27. Januar 2012 sprach Marcel Reich-Ranicki im Deutschen Bundestag. Leise, teilweise mit brüchiger Stimme, legte er Zeugnis ab von der Zeit im Warschauer Ghetto. Geschichten, die er auch in seiner Autobiografie "Mein Leben" schildert.

Geboren wurde Marceli Reich am 2. Juni 1920 in Włocławek an der Weichsel als drittes Kind des Polen David Reich und der Deutschen Helene Auerbach. Ranicki nannte er sich erst nach dem Krieg, um den Namen polnisch klingen zu lassen. Seine Eltern waren Juden, die unter den Folgen der Wirtschaftskrise litten. Allerdings hatte der Vater auch kein geschäftliches Geschick. "Charakterschwäche und Passivität" – schreibt Reich-Ranicki – führten schließlich zum Bankrott seiner kleinen Firma. In ihrer Not schickte die Familie den jungen Marcel 1929 zu einem wohlhabenden Onkel nach Berlin. Etwas später kam seine Mutter nach.

"Mein Sohn ist Jude und Pole. Wie wird er in Ihrer Schule behandelt werden? – fragte meine Mutter den Direktor des Fichte-Gymnasiums in Berlin-Wilmersdorf. Es war im Winter 1935. Übrigens hatte sie ein wenig übertrieben, denn ich hielt mich keineswegs für einen Polen, eher schon für einen Berliner."

So klingt die Stimme des fast 80-Jährigen; das Hörbuch seiner Autobiografie hat Marcel Reich-Ranicki selbst gesprochen: jung, witzig, ironisch, überrascht. Überrascht über seine verschlungenen Lebenswege, die ihn von Włocławek nach Berlin, von Berlin nach Warschau, von Warschau nach Frankfurt am Main geführt hatten. Lebenswege und Situationen voller Entbehrungen und Grausamkeiten, die er erstaunlich nüchtern und ohne jedes Pathos beschreibt. Wie der Sohn etwa Zeuge war, als seine Eltern ins KZ Treblinka deportiert wurden.

"Meine Eltern hatten schon ihres Alters wegen – meine Mutter war 58 Jahre alt, mein Vater 62 – keine Chance eine 'Lebensnummer' zu bekommen, und es fehlte ihnen Kraft und Lust, sich irgendwo zu verbergen. Ich sagte ihnen, wo sie sich anstellen mussten. Mein Vater blickte mich ratlos an, meine Mutter erstaunlich ruhig. Sie war sorgfältig gekleidet. Sie trug einen hellen Regenmantel, den sie aus Berlin mitgebracht hatte. Ich wusste, dass ich sie zum letzten Mal sah."

"Mein Leben" von Marcel Reich-Ranicki erzählt auf knapp 570 Seiten Geschichten und Geschichte aus fast acht Jahrzehnten: die Berliner Zeit, das Warschauer Ghetto, seine Arbeit beim polnischen Geheimdienst, die Übersiedlung in die BRD, ins Land der Täter, wie es damals hieß, seine Hamburger Jahre, der Umzug nach Frankfurt am Main, seine Arbeit bei der FAZ und beim Literarischen Quartett. Und natürlich erzählt Marcel Reich-Ranicki die Geschichte seiner großen Liebe zu Teofila, seiner 2011 verstorbenen Frau. Dass er den Entschluss, in Deutschland zu bleiben, nie bereut hat, ist übrigens auch ein Verdienst Willy Brandts.

"Ich weiß sehr wohl, was ich mir dachte, als ich 1970 das Foto des knienden deutschen Bundeskanzlers sah, da dachte ich mir, dass meine Entscheidung 1958 nach Deutschland zurückzukehren und mich in der Bundesrepublik niederzulassen, doch nicht falsch, doch richtig war."

Marcel Reich-Ranicki ist tot. Was wird von ihm bleiben? Ohne Frage war er ein wortgewaltiger Literaturkritiker, ein Star des Fernsehens, geliebt und gefürchtet. All das aber verblasst mit den Jahren: die vielen Tausend Rezensionen, seine krassen Urteile, die legendären Konflikte mit Grass und Walser. Aber es gibt noch den anderen Marcel Reich-Ranicki: den jungen Juden, der das Grauen des Warschauer Ghettos erlebt, der aber trotzdem in Deutschland gelebt und Zeugnis von dieser dunklen Zeit abgelegt hat in seiner Autobiographie "Mein leben". Dieses Buch wird bleiben. Für uns Nachgeborene ist es ein Weg in die dunkelste Phase deutscher Geschichte. Wir können ihn gehen ohne permanente Schuldzuweisung. "Mein Leben" ist ein Versöhnungsangebot eines der letzten Überlebenden des Warschauer Ghettos. Wir sollten es annehmen.

Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben.
Deutsche Verlags-Anstalt DVA, 568 Seiten, 25,00 Euro
ISBN: 978-3-421-05149-3

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