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StartseiteBüchermarktLeichen im Paradies04.06.2004

Leichen im Paradies

Alicia Giménez-Bartlett: "Piranhas im Paradies"

Die Idylle schien perfekt. Alles stimmte. Zumindest auf den ersten Blick. In dieser eleganten Vorstadtsiedlung von Barcelona gab es keine Probleme. Dies jedenfalls hätte ein Außenstehender vermuten können. Der Name allein symbolisierte schon Sorglosigkeit und Glück: "El Paradis" hieß dieses exklusiv für gutsituierte Pärchen konstruierte Viertel, in dem die Häuser nach Blumen benannt waren: Lilien, Veilchen, Geranien hießen sie. Gärtner pflegten Beete und mähten Rasen, philippinische Kindermädchen hüteten den Nachwuchs. Wie gesagt, die Idylle schien perfekt.

Von Ingrid Müller-Münch

Alicia Giménez-Bartlett, „Piranhas im Paradies“,  Coverausschnitt (edition Lübbe)
Alicia Giménez-Bartlett, „Piranhas im Paradies“, Coverausschnitt (edition Lübbe)

Es ist die Geschichte einer geschlossenen Gesellschaft. Man sieht, wie eine bestimmte Gesellschaftsschicht heute lebt. Es sind junge Leute, die erfolgreich sind, die ein sehr aneinander angeglichenes, uniformes Leben führen, abgespalten vom Rest der Gesellschaft. Sie leben mit ihren Kindern, ihrer Arbeit, ohne zu Wissen, was sich sonst so abspielt in der Gesellschaft. Sie leben in einem kleinen Ghetto.

Die Spanierin Alicia Giménez-Bartlett hat mit ihrem neuesten Roman: Piranhas im Paradies einen der faszinierendsten Krimis dieses Frühjahrs geschrieben. Es ist die verwickelte, gekonnt konstruierte Geschichte einer Entzauberung, kombiniert mit dem Portrait ihrer melancholisch einsamen Lieblingsprotagonistin, der spanischen Kommissarin Petra Delicado. Einer Frau, die zahlreiche Gemeinsamkeiten mit der Autorin hat, wie Alicia Giménez-Bartlett bereitwillig zugibt:

Zwischen Petra Delicado und mir gibt es gewisse Gemeinsamkeiten. Wir glauben beide nicht an viele Dinge, sind eher Skeptiker. Wir lieben beide die Ironie und sind von Grund auf pessimistisch. Wenn man so grundlegend pessimistisch ist, muss man das Leben, Tag für Tag, positiv angehen. Sonst gäbe es ja zu viele Selbstmorde. Was diese Lebenseinstellung angeht sind wir uns ähnlich.

Im Paradies ist nichts so wie es scheint. Das merkt Petra Delicado bald, nachdem sie diesen angeblichen Garten Eden zum ersten Mal betritt. Schon der Anlass ist Grund genug, am Frieden in dieser Idylle zu zweifeln. Denn in der Nacht, als Petra Delicado das Paradies kennenlernt, schwimmt die Leiche eines Mannes in einem der gepflegten Swimming-Pools. Es ist ein attraktiver Anwalt, der offenbar gewaltsam ums Leben kam. Wie konnte dies passieren, wo er doch zu einem Ensemble hier lebender Paare gehörte, die gemeinsame ihre Freizeit miteinander verbrachten, sich in Harmonie ergingen und ansonsten erfolgreich das Leben genossen?

Petra Delicado, die Skeptikerin und Singlefrau lässt sich zunächst von dem Anschein des Glücks und der Harmonie betören. Obwohl sie sich eigentlich von Berufs wegen um die Sicherheit des Papstes kümmern soll, dessen Besuch in Barcelona bevorsteht, verbringt sie mehr und mehr Zeit im Paradies. Freundet sich mit einer Hausfrau an, die immer einen Kaffee für sich bereithält. Petra Delicado ist fasziniert von diesem Lebensstil, der so ganz anders ist, als ihrer. Denn die Kommisssarin lebt, nach zwei gescheiterten Ehen, alleine in einer Gegend Barcelonas, voller Leben, voller Kneipen, Getöse, Alltag. Plötzlich aber beginnt sie zu zweifeln, angesichts des vielen angeblichen Glücks, auf das sie im Paradies von Barcelona trifft. War es richtig, kein eigenes Kind zu haben? Hat sie durch den Verzicht hierauf in ihrem Leben nicht eine Fehlentscheidung getroffen?

Mit großem Verständnis aber auch viel Humor und Situationskomik beschreibt die Autorin das Hadern ihrer Protagonistin. Schildert den Mann, der Petra Delicado zumindest im Beruf zur Seite steht, den gefräßigen, unersättlichen Subinspektor Fermin Garzon, als verklemmt, manchmal unterwürfig, im Umgang mit Frauen unbeholfen.

Er arbeitete schon in der Franko-Ära Spaniens bei der Polizei. Doch Alicia Giménez-Bartlett hält nichts davon, jemandem seine Vergangenheit vorzuwerfen. Menschen können sich doch ändern, so erklärt sie dies. Deshalb auch besteht für sie kein Zweifel daran, wen von beiden – Garzon oder Delicado – sie bevorzugt:

Ohne Zweifel Fermin Garzon. Den Mann. Petra lehnt sich andauernd gegen irgendetwas auf. Sie ist eine Nervensäge. Sie hat überall Probleme, ist viel zu ironisch. Aber Garzon ist eine nette Person, er ist herzensgut, von schlichterem Gemüt, viel praktischer, humorvoller und viel lustiger als Petra.

Der Mörder in diesem Paradies, das sich so nach und nach als wahres Haifischbecken entpuppt, stand für die Autorin lange Zeit nicht fest, schälte sich erst während des Schreibens heraus.

Ich glaube, es gibt zwei Arten Krimis zu schreiben. Es gibt Autoren, die sich geradezu einen architektonischen Plan erstellen und solche, die eher wie Bildhauer vorgehen. Die eine Skulputurmasse modellieren, daraus das Essentielle formen, das, was sie nicht interessiert, verwerfen. Du musst Dich selbst überraschen, um überzeugen zu können. Das passiert mir auch. Selbstverständlich hast Du anfangs so eine Art allgemeiner Vorstellung, wie das Buch werden soll. Aber es gibt Momente, da wähle ich einen ganz anderen Mörder als den, den ich ursprünglich vorgesehen habe. Ich hatte mich für einen Mörder entschieden, sagte mir aber plötzlich, Alicia, was machst Du denn da, der Typ ist doch eine Flasche. Er ist überhaupt nicht interessant. Also musste ich wechseln. So habe ich mich während des Schreibens umentschieden.

Es war eine gute Entscheidung. So bleibt denn die Spannung erhalten, bis zum bitteren Ende. Eine Spannung, die ein für Autorin wie Leser gleichermaßen überraschendes Ende findet. Überraschend vor allem deshalb, weil es so nahe lag. Zu guter letzt blättert über all dort die Tünche ab, wo Petra Delicado zunächst neidvoll hinblickte. Woraufhin sie beruhigt in ihr eigenes bescheidenes Leben zurückkehren kann. Zurück bleiben mehrere Leichen und ein verwüstetes Paradies.

Alicia Giménez-Bartlett
Piranhas im Paradies
edition Lübbe, 352 S., EUR 18,-

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