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StartseiteBüchermarktLeidenschaften und Impulse12.01.2011

Leidenschaften und Impulse

Aviad Kleinberg: "Die sieben Todsünden". Suhrkamp Verlag, Berlin

Aviad Kleinberg ist zwar Professor für mittelalterliche Geschichte, Philosophie und Religionswissenschaften, sein Buch über die sieben Todsünden ist aber kein theologisches oder geisteswissenschaftliches Werk. Vielmehr beleuchtet Kleinberg die Leidenschaften und Impulse, "die unser Leben wunderbar oder schrecklich machen - oder beides".

Von Werner Köhne

Aschekreuz zu Beginn der Fastenzeit (AP)
Aschekreuz zu Beginn der Fastenzeit (AP)

Im "History Channel" lief jüngst eine Dokumentation zu den "Sieben Todsünden". Ein sattes Thema, das durch düstere Einspielszenen auf Zeitgeistniveau gehoben wurde. Ein eigens befragter Neurologe wusste gar von einem Sündengen zu berichten.

Die sieben Todsünden sind uns heute lieb und teuer. Aber erreichen wir sie noch in all der alten Wucht zwischen Lust am Bösen, schlechtem Gewissen und Furcht vor Verdammnis? Der Film "Seven" mit Brad Pitt gibt darauf eine eindeutige Antwort: Am Ende des Films registrieren wir sechs schrecklich zugerichtete Leichen und einen verstörten Detektiv. Der Soziologe Gerhard Schulze hob hingegen vor Jahren die Moderne positiv gegen die dumpfe Welt der sieben Todsünden ab. Heute scheint die Sünde im Netz von Psychologie und rationaler Welterklärung gefangen: die Folge: Der Lustmörder kommt in die Klinik; der Vielfraß sündigt allein gegen das Gebot der Fitness. Und Geiz ist geil, womit die Todsünden der Gier und der Wollust zu einer schönen Symbiose finden.

Der jüdische Autor Aviad Kleinberg findet einen anderen Zugang zu den sieben Todsünden.

"Dieses Buch behandelt weder den historischen Wandel der Laster noch die Diskussionen von Theologen, die versuchten, die Todsünden zu verstehen. Es befasst sich auch nicht mit dem plötzlichen Verschwinden der Sünde von der kulturellen Bühne der Moderne. Was ich den Lesern anbiete, ist: einen Essay über die menschlichen Leidenschaften, einen persönlichen Blick auf die Impulse, die unser Leben wunderbar oder schrecklich machen - oder beides."

Aviad Kleinberg leitet aus dem Prinzip jüdischer Offenheit ein hermeneutisches Verfahren für das Thema ab. Es geht um Stolz, Gier, geistige Trägheit, Neid, Völlerei, Unkeuschheit und Zorn. Zum Glück mutet er uns hierbei weder moralische Traktate noch eine ausufernde Kulturdiskussion zu. Vielmehr versenkt er sich tief in die Texte aus der christlichen und jüdischen Tradition zu den Todsünden. Die christlichen zeugen von der beklemmenden Sündenbesessenheit dieser Religion, während bei Juden noch der Gedanke an den Bund mit Gott eine Rolle spielt. Das führte dazu, dass man im Judentum über das Maß der Sünde auch mal redete und verhandelte, während der Bischof von Hippo, wie Kleinberg etwas despektierlich den Kirchenlehrer Augustinus nennt, unversöhnlich gegen die böse Natur des Menschen zu Felde zog und alles dem göttlichen Heilsplan unterordnete. In diesem Vergleich zwischen Christentum und Judentum gewinnt der Essayist einen Resonanzboden für Reflexionen über das Gefühlsleben der Menschen. Bei der Todsünde der Völlerei etwa verweist Kleinberg auf die radikale Anti-Sündenkur des heiligen Franz von Assisi, der zwar die Vögelein liebte, aber seinen Körper als einen verachtungswürdigen "Esel" betrachtete, dazu kaum etwas zu sich nahm, um rein zu bleiben. Dagegen scheinen Juden weniger radikal:

"Fasten ist eine wirksame Medizin für Krankheiten der Seele, doch die Nebenwirkungen können beinahe so gefährlich sein wie die Krankheit selber. Die Rabbinen wussten das. Sie begegneten der Askese mit Misstrauen. Selbstverleugnung läuft auf eine Kritik am Schöpfer hinaus, der uns geschaffen hat."

Der Vorteil dieser lebensnahen Betrachtungen besteht darin, der Sünde frei zu begegnen und sie fern von Dogmatik in ein aufklärerisches Gedankenspiel aufzunehmen.

In jedem Kapitel wird die Vergangenheit der Sünde mit unserem gegenwärtigen Umgang verknüpft. Andererseits stellt Kleinberg zu Recht fest, dass die Sünde ohne einen historischen Kontext nicht verstehbar wird. Warum er dann nicht versucht, wenigstens in Ansätzen eine zusammenhängende Kulturgeschichte der sieben Todsünden zu liefern, bleibt sein Geheimnis.

Vielleicht ist das aber auch schwierig. Die Wissenschaft beschränkt sich oftmals auf die Zeitspanne zwischen Paulus und der Zeit um 500 nach Christus, als Papst Gregor der Große den endgültigen Kanon der sieben Todsünden festlegte.

Auffällig dabei, dass erst Gregor den Neid mit aufnahm, die Ruhmsucht indes in den großen Moloch Stolz aufging und die Melancholie der geistigen Trägheit weichen musste. Es wäre interessant, zu erfahren, welche Motive diese Veränderungen bewirkt haben könnten. Kleinberg deutet an einer Stelle an, was dahinter stecken könnte: Mit Kaiser Konstantin wurde das Christentum Staatsreligion: Die Optionen der Macht und der Ideengehalt des Christentums mussten zueinander in Einklang gebracht werden: Da mochte die negative Hervorhebung der Ruhmsucht den Herrschenden eher missliebig, die des Neides der Untergebenen indes wohlfeil erschienen sein. Und dass die Melancholie das Leiden der Intellektuellen anzeigt und nicht wie den einfachen ersten Christen als eine sündhafte Gottesferne erschien, lag wohl im Interesse der ideologischen Deuter.

Was allerdings seither geschah, bleibt von Kleinberg weitestgehend ausgespart. Einige allgemeine Betrachtungen zur unterschiedlichen Gewichtung der Sünde in verschiedenen Kulturen reichen da nicht aus. Man könnte doch denken , dass zumindest im Spätmittelalter und im Barock eine Dramatisierung der sieben Todsünden stattfand - bevor mit der Aufklärung jener Prozess einsetzte, der die Sünde ins Abseits stellte. Und natürlich lässt sich auch fragen, warum wir heute eine Renaissance der sieben Todsünden erleben und Menschen wieder vermehrt menschliches Handeln am Maß der Sündhaftigkeit bestimmen. Es könnte dasselbe Motiv sein, das uns anfällig macht für das Faszinosum des Bösen oder uns zu der täglichen medialen Ration "Tatort" drängt - oder dem "Krimi am Samstag" oder Montag oder Dienstag oder ... : sieben Mal.

Aviad Kleinberg: "Die sieben Todsünden. Eine vorläufige Liste"
Aus dem Englischen von Christian Wiese
Suhrkamp/Insel, 239 Seiten, Preis: 19,90 Euro

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