Samstag, 18.11.2017
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie hohe Schule der Diplomatie17.03.2016

LernprojektDie hohe Schule der Diplomatie

Von Christian Forberg

Ihr werdet die führenden Politiker der Welt! Nicht mehr und nicht weniger, verspricht die Website des "Harvard World Model United Nations ", kurz WorldMUN. Das kann man sowohl als Karriereversprechen interpretieren als auch eine Hoffnung nennen: Macht es besser als so mancher Politiker, der nationale Machtinteressen über die Perspektiven einer friedlichen Welt stellt. Und lernt euch und eure verschiedenen Kulturen besser kennen – dafür haben wir ein breites kulturelles Programm vorbereitet. Diese Mischung hat Erfolg, zählbaren Erfolg:

"Es gab am Anfang ein paar Hundert Teilnehmer ungefähr, jetzt sind es zwei, zweieinhalb Tausend – waren es letztes Jahr in Seoul. Es ist sehr internationaler geworden, es gibt auch mehr Committees, mehr Gremien. Die Konferenzen haben früher nur in Europa stattgefunden, finden mittlerweile überall auf der Welt statt ..."

Patrick Rosenow ist Politikwissenschaftler an der Uni Jena mit Forschungsschwerpunkt Vereinte Nationen. Er bereitet seit einigen Jahren Teams vor und begleitet sie. In Rom ist es die achte Teilnahme Jenaer Studierender, wobei zum vierten Mal die Bewerbung für ein afrikanisches Land eingereicht und angenommen wurde.

"Es ist wahrscheinlich nicht so spannend – in Anführungszeichen, westeuropäische Länder zu vertreten, sondern sich komplett in andere Kulturen, politische Systeme hineinzuarbeiten und sich auch Positionen von der südlichen Seite des Globus anzuschauen. Das ist wirklich ein Perspektivwandel und -wechsel dann eben auch. Algerien ist flächenmäßig das größte Land in Afrika. Hier hatten wir letztes Jahr eine gewichtige Rolle zum Beispiel in der Afrikanischen Union. Im Falle von Südsudan war es spannend, weil wir Südsudan als neuer Staat, der 2011 unabhängig wurde, bei WorlMUN vertreten haben. Das gab so eine kleine Premiere. Wir konnten als Staat relativ viel machen, weil keiner den Südsudan und sein außenpolitisches Verhalten direkt kannte."

Tansania schließlich war unter dem Gesichtspunkt einer ehemaligen deutschen Kolonie interessant. Das trifft nun auch auf Namibia zu, wobei die Ausgangssituation eine andere, schlimmere ist: Zur rücksichtslosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen kam Vernichtungsfeldzug der deutschen Kolonialmacht gegen die Stämme der Hereros und Namas vor gut einem Jahrhundert. Zehntausende kamen ums Leben. Und nun als Deutscher die Position der Stammes-Nachfahren einnehmen? Eine Art historische Wiedergutmachung für das, was die Urväter verbrochen haben? Nein, sagt Gunnar Hamann, "weil ich das persönlich verurteile, was da passiert ist. Von daher ist das jetzt, in der Rolle Namibias, für mich kein großer Unterschied, dahin zu gehen."

Er ist einer der sechs Studierenden, die Namibia in Rom vertreten, und zwar im Gremium für Menschenrechte. Namibia hält er zwar nicht für den demokratischsten der afrikanischen Staaten, und westeuropäische Maßstäbe mag er auch nicht anlegen. Aber deshalb Namibia nicht vertreten zu wollen? Gunnar Hamann sucht selbst das scheinbar Unmögliche durchzuspielen, im Improvisationstheater wie auf der politischen Bühne. Auf einem Erfurter MUN-Treffen vertrat er – Nordkorea:

"Wie ich das gemacht habe? Ich hab mich versucht reinzudenken: Wie würden die ihre Positionen vertreten; bin auch mit einem kleinen Bild von Kim Jong Un hingegangen, was ich mir hingestellt hatte – habe mich also versucht einzufühlen in diese Rolle. Das ist möglich, natürlich."

Sein Partner in Rom ist Ulrich Schmid, der sich weniger in der Rolle eines Realpolitikers sieht, sondern in der eines Diplomaten.

"Diplomaten, die Handlungsspielräume ausloten, die durch die Politik der Regierung zwar vorgegeben wird, aber wir dennoch unsere Handlungsspielräume auf internationaler Ebene gut ausnutzen können – im Einklang mit den anderen Staaten natürlich."

Ein Ideal anderer Art ist der Anspruch an Politik, Visionen zu erzeugen, zu vertreten und zu realisieren. Oder allgemeiner gefasst:

"Jemand, der die Meinung seines Volkes und seiner Wähler repräsentiert auf praktikable Art und Weise, und darüber hinaus Führungsfähigkeiten besitzt und es schafft, viele verschiedene Meinungen innerhalb eines Teams unter einen Hut zu bekommen und zu respektieren."

Elisa Calzolari und ihre Mitstreiter haben da vor allem Nelson Mandela vor Augen, aber auch andere Persönlichkeiten, die einst südafrikanische Staaten in die Unabhängigkeit führten. Doch gilt das Ideal noch immer? 

"Auf Namibia bezogen weiß ich das nicht ganz genau. Ich weiß, dass in der ganzen Region – damit haben wir uns auch in mehreren Seminaren beschäftigt – eher eine Politik vorherrscht der alten Männer."

Was insofern stimmt, dass zwar die Zahl der verehrten, alten Kämpfer in den Regierungskabinetten kontinuierlich sinkt. Eine breitere Parteienbasis konnte sich jedoch nicht auf Dauer etablieren. Worüber man sich als Außenstehender recht mühsam Informationen verschaffen muss, erhalten die Politikstudierenden von Experten wie Dr. Martin Welz, Professor für Internationale Organisationen an der Jenaer Uni. Afrika sei ein absolut marginalisierter Kontinent, der undifferenziert meist als Herd von Problemen und Katastrophen betrachtet werde. Ebenso oberflächlich sei, "dass wir glauben, dass Afrika eine homogene Masse ist. Afrika besteht – abhängig von der Zählart - aus 54 bzw. 55 Ländern, die unfassbar politisch, kulturell, sozial, wirtschaftlich heterogen sind. Das Schlimmste ist so 'Die Afrikaner an sich' – davon können wir überhaupt nicht sprechen. Wenn wir uns das mal vor Augen führen und auch die Diversität innerhalb des Kontinents erkennen würden, dann würden wir, glaube ich, auch eine präzisere Außenpolitik und Entwicklungspolitik gegenüber dem Kontinent machen können."

Ob die Jenaer Studierenden daran später mitwirken wollen, sei im Moment dahingestellt. Zwar können sich einige eine Tätigkeit im diplomatischen Dienst vorstellen, aber Cynthia Möller zum Beispiel sucht vor allem eine breitere Bildung: Politik neben Kultur, Ethnologie und Geschichte.

"Vielleicht ist es sogar auch das Gegenteil, dass, wenn man da mal mitgemacht hat, sieht, dass es vielleicht doch nichts für einen ist. Ist ja auch nicht schlecht."

Aber vor allem das zeitweilige Erleben der eigenen Duplizität, als Deutsche das fremde Land Namibia zu vertreten, lockt gewaltig. Und schließlich der Höhepunkt: Das Eintauchen in die Menge junger Leute aus aller Welt, über deren Zukunft sie probehalber verhandeln, "mit Leuten zu treffen, die meinetwegen Australien repräsentieren, aber aus den USA kommen. Ich glaube, globalisierter gibt es ein Zusammentreffen unter jungen Leuten so nicht."

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