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StartseiteEine Welt"Noch nie so viel Angst und so wenig Hoffnung"11.03.2017

LGBT in New York"Noch nie so viel Angst und so wenig Hoffnung"

Sie tanzen vor dem Trump-Tower in New York und schreien ihre Wut heraus: Schwule, Lesben und Transgender bangen seit dem Machtwechsel in den USA um ihre mühsam erkämpften Rechte und fürchten willkürliche Repressalien. Einige sehen in Donald Trumps Wahlsieg aber auch etwas Positives.

Von Mareike Aden

Homosexualität. (picture alliance / Jose Jacome)
Die neuen Mächtigen um Präsident Trump werden ihre Rechte einschränken. Das fürchten Lesben, Schwulen, Bisexuelle und Transgender in den USA. (picture alliance / Jose Jacome)
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Sie sind wütend auf Donald Trump und darum sind sie hier vor seinem Trump-Tower in Manhattan an der Fifth Avenue. Sie tanzen und schreien ihre Wut hinaus: "Just Dance" – "Tanze einfach" ist ihr Motto. Etwa 100, vor allem junge Leute, sind an diesem Abend zu der angemeldeten Tanz-Protestaktion gekommen. Polizisten stehen in der Nähe. Am Mischpult der DJs hängt eine Regenbogen-Flaggen, das internationale Symbol für die Gemeinde von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender, kurz auch LGBT.

Transgender meint Personen, die sich nicht - oder nicht nur - mit dem Geschlecht identifizieren, mit dem sie geboren wurden. Didi, 27 Jahre alt, ist transgender, lebt in Brooklyn und hat den Tanz-Protest mitorganisiert.

"Ich hatte noch nie so viel Angst und so wenig Hoffnung wie am Wahlabend. Und ich war noch nie so enttäuscht von meinen Mitmenschen. Ich wusste nicht wie es weitergehen sollte. Aber jetzt protestiere ich so oft wie möglich, denn dies wird ein langer, harter Kampf, der rund um die Uhr stattfinden muss."

Didi lehnt die Pronomen "er" oder "sie"für sich ab. Auf Englisch bevorzugt Didi für sich das Pronomen "they", also den geschlechtsneutralen Plural. Den Tanz-Protest vor dem Trump Tower hat Didi schon im Januar angemeldet aus der Ahnung heraus, dass Minderheiten es jetzt schwer haben würden.

Angst vor Einschränkungen

Als Trump dann im Februar den Erlass von Barack Obama aus dem Mai 2016 zurücknahm, der Schulen im ganzen Land dazu verpflichtet hatte, Transgender-Schülern zu erlauben, jene Toilette oder Umkleidekabine zu nutzen, die ihrem bevorzugten Geschlecht entsprechen, war das für die allermeisten in der LGBT-Gemeinde ein klares Zeichen: Die neuen Mächtigen um Präsident Trump würden ihre Rechte einschränken. Das fürchtet auch Didi.

"Sie sind bereit, Schutzmaßnahmen gegen Diskriminierung aufzuheben. Ich hoffe, dass ich mich irre, aber ich glaube das ist erst der Anfang. In der Partei der Republikaner, die jetzt so viel Macht hat, wollen viele die gleichgeschlechtliche Ehe rückgängig machen. Unsere Rechte sind bedroht."

Erst im Sommer 2015 hatte die LGBT-Gemeinde in den USA die landesweite Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe gefeiert. Trump kann diese Entscheidung des Obersten Gerichtshofes nicht selbst rückgängig machen. Aber er könnte in Zukunft konservative Richter nominieren, die die gleichgeschlechtliche Ehe rückgängig machen könnten. Von dieser Möglichkeit sprach Trump schon öffentlich.

Dabei hatte er die LGBT-Gemeinde im Wahlkampf auch umworben: Er werde sie vor radikalen Islamisten schützen, versprach er nach dem Angriff auf einen Schwulenklub in Orlando mit fast 50 Toten. Doch viele glauben, Trump werde das Thema LGBT dem erzkonservativen Vizepräsidenten Mike Pence überlassen. Der trieb als Gouverneur von Indiana LGBT-feindliche Gesetze voran.

Anfang Februar berichteten US-Medien, dass Ivanka Trump hinter den Kulissen auf ihren Vater eingewirkt hatte, ein Obama-Dekret, das sexuelle Minderheiten vor Diskriminierung am Arbeitsplatz schützte, nicht aufzuheben.

Vor dem Trump-Tower tanzt auch die 21 Jahre alte Studentin Claire. Sie ist lesbisch und vor ein paar Jahren aus dem konservativen Bundesstaat Virginia nach New York gezogen.

"Es ist schrecklich, aber auch gut, dass Trumps Wahl viele aufgeweckt hat. Sie wollen jetzt herausfinden, wie die Regierung funktioniert, wie man sich engagieren kann. Protestieren ist das eine. Aber es ist wichtig, dass wir Politiker wählen, die auf unserer Seite stehen und Druck auf jene im Amt ausüben, damit sie Gesetze verabschieden, die gut für die Rechte unserer LGBT-Gemeinde sind."

Ein falsches Signal

Schüler und Studenten im liberalen New York wird die Rücknahme des Toiletten-Erlassen kaum direkt treffen. Es gibt hier auch Schulen, die zusätzlich zu Damen- und Herrentoiletten eine weitere Toilette eingerichtet haben. "All gender" – alle Geschlechter - heißt die zum Beispiel.

Das ist auch Jared Fox von der Bildungsbehörde in New York zu verdanken. Als LGBT-Beauftragter der Behörde ist es sein Ziel, dass Lehrer und Schüler sich an den knapp 2.000 öffentlichen Schulen in New York sicher und akzeptiert fühlen. Dass das nicht selbstverständlich ist, erlebte Jared Fox selbst. Er ist schwul und ging in verschiedenen konservativen Bundesstaaten zur Schule und zur Universität. Er erlebte Diskriminierung und auch Gewalt. Dass das Weiße Haus den Erlass zurücknahm, sei ein falsches Signal, sagt er.

"Das ist ein Signal, das zeigt, wer etwas wert ist in der Gesellschaft. Wenn etwas rückgängig gemacht wird, signalisiert das: Ihr verdient das nicht. In den acht Jahren der Obama-Präsidentschaft konnten wir viel bewegen, gerade für Transgender-Schüler. Es gab den politischen Willen.

 Jetzt haben wir es mit Personen zu tun, die nicht unserer Meinung sind. Aber wir müssen mit ihnen arbeiten und reden. Wenn wir nicht mit am Tisch sitzen, wird nicht MIT uns, sondern ÜBER uns entschieden."

Es geht um mehr als um Toiletten

Der Obama-Erlass drohte Schulen und Universitäten mit einer Budget-Kürzung, sollten sie die Regelung nicht umsetzen. Jetzt soll jeder Bundesstaat frei wählen können, wie er mit der Toiletten-Frage umgeht. Für Jared Fox geht es bei der Debatte um viel mehr als um Toiletten, nämlich um ganz grundsätzliche Bürgerrechte.

"Wenn ich über Transgender-Schüler und Toiletten spreche, dann denke ich viel an Fragen, die wir in den USA schon einmal hatten und die wir in den 60er-Jahren gelöst haben. Und zwar als es noch unterschiedliche Toiletten, Tresen und Schlangen gab für Schwarze und Weiße. Und es ist traurig, dass wir jetzt weiter über dieses neue Toiletten-Problem reden müssen. Wir hatten es ja schon gelöst."

Vor dem Trump-Tower in Manhattan hupen Autofahrer im Feierabendverkehr den Tanzenden zu, als Zeichen der Zustimmung. Aber mehrere einheimischen Touristen, die rote Schirmmützen mit dem Trump-Slogan "Make America Great Again" tragen, schauen verständnislos auf die Protestierenden. Die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender sind nur eines von vielen Themen, die die USA derzeit spalten.

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