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StartseiteTag für TagKein "Judentum light"24.06.2014

Liberale Juden in DeutschlandKein "Judentum light"

Orthodoxe Juden werfen ihren liberalen Glaubensbrüdern manchmal vor, ein "Judentum light" zu vertreten. Doch auch diese leben nach den Religionsgesetzen, allerdings gehen sie mit ihnen anders um. Denn liberale Juden fühlen sich dem autonomen Denken und Handeln der Aufklärung verpflichtet.

Von Wolfram Nagel

Studenten der Freien Universität Berlin betrachten am Freitag (22.06.2012) in der Alten Synagoge Erfurt das Faksimile einer Thorarolle aus dem 13. Jahrhundert. Unter Leitung von Annett Martini (M) erforschen sie die mittelalterlichen hebräischen Handschriften der früheren jüdischen Gemeinde Erfurt. Die Schriftensammlung war bis zu einem Pogrom 1349 im Besitz der jüdischen Gemeinde. Die Alte Synagoge ist nach ihrem Wiederaufbau seit 2009 Museum. (picture alliance / dpa / Foto: Michael Reichel )
Alleine schon die rabbinischen Diskussionen in der Mischna zeigten, wie groß der Auslegungsspielraum der Tora, also der fünf Bücher Mose ist. (picture alliance / dpa / Foto: Michael Reichel )
Weiterführende Information

Das heilige Amt des Toraschreibers (Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 18.04.2014)

Der Antisemitismus der Elite  (Deutschlandfunk, Kultur heute, 20.06.2014)

"Die Halacha gilt genauso, die Kaschrut, sprich die Speisegesetze, gelten ebenfalls genauso."

Progressives oder liberales Judentum sei auf keinen Fall Judentum light, widerspricht Irith Michelsohn der Auffassung so mancher orthodoxer Rabbiner. Auch sie lebten nach den Geboten und Verboten der Tora, so die Geschäftsführerin der Union Progressiver Juden mit Sitz in Bielefeld. Nur gingen liberale Juden anders damit um.

"Das möchte ich ganz klar widerlegen, dass es das nicht ist, denn ein progressiver Jude fragt sich jedes Mal, warum dieses so ist und nicht anders, im Gegensatz zu einem Orthodoxen Juden, der ja das Gegebene nimmt und nicht die Tora unbedingt hinterfragt."

Auslegungsspielraum der Tora ist groß

Alleine schon die rabbinischen Diskussionen in der Mischna zeigten, wie groß der Auslegungsspielraum der Tora, also der fünf Bücher Mose ist. Ein kreativer Umgang mit dem gottgegebenen Gesetz sei immer eine Besonderheit des Judentums gewesen, so Professor Walter Homolka. Eine solche Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Strömungen und Meinungen gab es beispielsweise vor rund 200 Jahren in Deutschland infolge der Aufklärung und der jüdischen Emanzipationsbewegung nach der Französischen Revolution.

"Diese Veränderung, die ja dramatischer nicht vorstellbar ist und die sich vollzogen hat Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts, stellte die Frage, was kann ich von der jüdischen Tradition mit nehmen in diese gesamt gesellschaftliche Neupositionierung und wo ist es nötig, sich zu verändern und anzupassen. Das Liberale Judentum ist also entstanden aus dem Überlegungsprozess, wie ich in der christlich geprägten Gesamtgesellschaft, Preußen mit seinem Petitum des christlichen Staates, wie ich da als Jude geistig und ganz real überleben kann."

Das heißt, auch liberales Judentum entstand aus der historisch-kritischen Betrachtung der eigenen Tradition heraus, so Homolka. Das Leben in der Diaspora zwang die jüdischen Gemeinschaften schon seit ihrer Vertreibung aus Palästina durch die Römer, sich den jeweiligen Gastgesellschaften anzupassen und unterzuordnen.

Nun gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft geworden, mussten sie sich zwangsläufig fragen, wie und in welchem Rahmen sie ihren Glauben aufrecht erhalten können - in einem Leben zwischen gesellschaftlichen Normen und religiöser Tradition.

"Die Hauptfrage war zum Beispiel, welches Verhältnis haben die Ritualgebote gegenüber den Sittlichkeitsgeboten. Und es war im 19. Jahrhundert eine lang währende Debatte zu sagen, dass die Sittlichkeitsgebote eine höhere Wertigkeit einnehmen und die Ritualgebote sozusagen dem persönlichen Präferenzen überlassen werden, wohingegen die Orthodoxie gesagt hat, ja also genau diese Unterscheidung, welches Gebot nun mehr wert ist, ist nicht tragbar, sondern man müsse alle Gebote so halten, wie sie sind und nicht nach ihrem Sinn fragen."

Reform-Judentum und das konservative Judentum

So entstanden in Deutschland sogar zwei Richtungen jenseits der Orthodoxie, das Reform-Judentum und das konservative Judentum - personifiziert durch die Rabbiner Abraham Geiger und Zacharias Frankel. Beide wirkten unter anderem in Breslau, das als Wiege des Reformjudentums gilt. Markenzeichen des liberalen und auch des konservativen Judentums ist die Orgel als Begleitinstrument der Liturgie.

Doch manches, was Abraham Geiger forderte, wie die Abschaffung "des blutigen Aktes der Beschneidung" oder die Reformierung der Speisegesetze ging dem konservativen Frankel zu weit. Der wollte beispielsweise auch Hebräisch als Liturgiesprache erhalten. Er nannte das "historisch positives Judentum". Was immer sich erhalten ließe, sollte erhalten bleiben.

Da kann man ja nun der Meinung sein, wichtig ist die Verständlichkeit, deswegen beten wir mehr in der Landesprache und in der Tat ist das auch durch das jüdische Gesetz gedeckt. Da ist die hebräische Sprache als Gebetssprache gar nicht vorgeschrieben, sondern man soll die Gebete eigentlich in einer Sprache sprechen, die man versteht, aber für Frankel war es dann eben wichtiger, sozusagen die Tradition in Anwendung des Hebräischen zu erhalten und dann eben durch Übersetzungen gleich daneben dafür zu sorgen, dass die Verständlichkeit gegeben ist.

Wie das bis heute sogar in den orthodoxen Gemeinden außerhalb Israels üblich geworden ist.

Bedeutende Reformen gab es allerdings im Familien- und Scheidungsrecht, im Umgang mit Homosexuellen oder bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Das liberale Judentum ignoriere das Religionsrecht nicht, sondern sage ganz klar, dass die Tora für den Menschen da sei und nicht umgekehrt, so Rabbiner Homolka.

"Das ist ja nun genau die Errungenschaft der Emanzipation, der Aufklärung, dass nun eben der aufgeklärte Mensch sich überhaupt auch zum autonomen Handeln und Denken berechtigt fühlt und deswegen natürlich auch der jüdische Mensch sagt, ich erforsche das, was die jüdische Tradition hervor gebracht hat und ich messe mir auch die Berechtigung zu, da eigene Entscheidungen zu treffen, so wie vergangene Generationen ihre Entscheidungen getroffen haben."

Liberale Juden möchten eine moderne Anwendung

Ein Beispiel ist der Synagogenbesuch am Shabat. Zwar ist es verboten an diesem höchsten Feiertag Auto zu fahren, doch entscheiden sich liberal denkende Juden eher für das Auto als auf den Gottesdienst zu verzichten. Es gehe darum, das jüdische Religionsgesetz, die Halacha, zu verstehen und auch in der Lage zu sein, eine moderne Anwendung zu ermöglichen, meint Homolka. Auch könne Religionsrecht nicht allgemeines Recht brechen, beispielsweise wenn eine Frau geschieden werden möchte. Überhaupt gebe es seit Auflösung des Sanhedrin nach Zerstörung des 2. Tempels keine höchste jüdische Autorität mehr, die halachische Fragen höchstrichterlich entscheiden kann.

"Auch nicht innerhalb der Orthodoxie. Und ich glaube, das Oberrabbinat in Israel mutet sich da zu viel zu, eine Art Vatikan des Judentums sein zu wollen. Auch innerhalb der Orthodoxie in der Diaspora ist das ein höchst umstrittener Anspruch und er ist meines Erachtens nach dem Judentum überhaupt nicht angemessen, weswegen das Oberrabbinat in Israel eigentlich bei einem Großteil der Juden in der Welt keine autoritative Rolle spielt."

Das heißt, viele Entscheidungen müssen vor Ort in den Gemeinden oder innerhalb von Dachorganisationen wie dem Zentralrat der Juden oder der Union progressiver Juden getroffen werden, sagt auch Irith Michelsohn aus Bielefeld. So mussten sich die liberalen Gemeinden entscheiden, wie sie mit jenen Zuwanderern umgehen, die keine halachischen Juden sind, weil sie nur einen jüdischen Vater aber keine jüdische Mutter haben. In diesem Fall baut auch das liberale Judentum in Deutschland auf fundamentale Traditionen.

"Das heißt, auch am Gottesdienst aktiv teilzunehmen können nur diejenigen, die halachische Juden sind, sprich von einer Mutter geboren oder vor einem ordentlichen BeitDin übergetreten sind."

Juden die nur einen jüdischen Vater haben, würden innerhalb der Union progressiver Juden in Förderkreise der Gemeinden aufgenommen. Dort bekämen sie soziale Unterstützung und könnten einen Giur absolvieren um am Ende vollwertige Gemeindemitglieder zu werden, betont Irith Michelsohn.

"Ich will sagen, es ist nicht einfacher als vor einem orthodoxen BeitDin zu konvertieren, denn wer sich entscheidet, progressiv liberal zu leben, muss erst mal wissen, warum er etwas tut, dass heißt er hat das orthodoxe Judentum zumindest kennengelernt, um auch diese Unterschiede zu wissen."

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