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StartseiteBüchermarktLiterarischer Spitzweg21.01.2004

Literarischer Spitzweg

Meïr Aron Goldschmidt über den Geist der Provinz

Von der Katastrophe, die das Judentum im 20. Jahrhundert betroffen hat, ist in der Gegenwartsliteratur viel zu lesen. Vom Flair des jüdischen Lebens vor dieser Apokalypse kann der Leser weniger erfahren, denn die Prosa des 19. Jahrhunderts, die sich mit dem Leben der Juden befasst, ist kaum bekannt. Die jungen Autoren von heute setzen sich in ihren Büchern mit der Schuld der Väter auseinander, ohne die Kultur und Literatur der Juden durch eigene Lektüre zu kennen. Gisela Perlets Edition von vier kleinen Erzählungen des dänischen Juden Meïr Aron Goldschmidt will dazu beitragen, dieses Manko beheben. Der Reiz dieser Geschichten aus dem Leben der jüdischen Gemeinde in Dänemark besteht für den heutigen Leser darin, dass er einen Blick in dieses Milieu wirft zu einer Zeit, da die Juden freilich Schwierigkeiten mit den Christen hatten, jedoch vom künftigen Schrecken noch nichts ahnen konnten.

Hannelore Schlaffer

Meïr Aron Goldschmidt, "Avromche Nachtigall. Erzählungen", Coverausschnitt (Wallstein)
Meïr Aron Goldschmidt, "Avromche Nachtigall. Erzählungen", Coverausschnitt (Wallstein)

Meïr Aron Goldschmidt (1819-1887) hat in seinem ersten Werk Ein Jude (1845), einem Bildungsroman im Stil des Wilhelm Meister , das Verhältnis der Juden zum Christentum in einer Künstlerbiographie dargestellt. Der Werdegang Jacob Bendixens, der eine unglückliche Liebe zur christlichen Freundin seiner Kindheit gefasst hat, den dann in seiner Jugend die Leidenschaft zur Malerei nach Rom treibt und dessen Künstlertum schließlich in Entsagung endet, nimmt viele Motive von Kellers "Grünem Heinrich" vorweg. In der Zeit, da dieser Roman entstand, gründete Goldschmidt die Zeitschrift Corsaren; mit den dort veröffentlichten Satiren schloss er sich an die Bohème der europäischen Großstädte an. In dem zehn Jahre später entstandenen Roman "Heimatlos", einem kulturgeschichtlichen Epos über die dänische Gesellschaft, hatte der Autor seine fortschrittliche, nationalliberale Position aufgegeben. Mit zunehmendem Alter kehrt er zum orthodoxen Judentum zurück.

Die vier Erzählungen, die Perlet ediert, schließen sich an Goldschmidts Roman Der Rabe (1867) an. Dort hatte er die Figur des Simon Levi geschaffen, den er auch nach dem Ende des Romans nicht untergehen lassen wollte. Deshalb erfindet der Autor für ihn noch so manch erzählenswerte Situation, wovon zwei in der vorliegenden Sammlung festgehalten sind. Levi gehört zu den Armen im Geiste, die das Herz eines jeden Lesers gewinnen. Wo ihn sein Gott nicht schon klein genug gemacht hat, strengt er sich an, noch kleiner zu werden: "Selbst wenn er nicht von Natur ein klein bisschen bucklig gewesen wäre, hätte er es nicht gewagt, sich ganz gerade zu machen, sich aufzurichten und gleichsam die Decke herauszufordern."

Goldschmidt ist ein literarischer Spitzweg. Seine Figürchen leben in spitzgiebligen Häusern, in denen es so sauber ist wie in ihrem Herzen. Wenn auch die Gässchen nicht ausdrücklich eng genannt werden, so ist es doch die darin waltende Moral. Die Figuren sind in einen strengen Glauben eingesperrt, der aus einem Nichts ein Tragödie werden lassen kann. Simon Levi etwa, der, wie alle Kleinen, auf eine märchenhafte Weise das Glück anzieht, hat eine große Erbschaft gemacht; er fällt nun von einer Verlegenheit in die andere. Nicht nur, dass er sich vor seiner Gemeinde geradezu seines Reichtums schämt. Auch die Schulden seines leichtsinnigen Bruders zu bezahlen, sträubt sich Levi, aber zu seinem Leidwesen nicht nur aus Vernunft, sondern auch aus Neid auf die viel glänzendere Erscheinung des Bruders: "Simon sollte ihn aufrichten und sich dadurch selbst noch tiefer drücken!" Diese unreinliche Doppeldeutigkeit lässt dem Reinen keine ruhige Minute mehr, bis er endlich doch dem Bruder die Schulden und der Gemeinde den "Maser", den Zins, gezahlt hat, der als Anteil von einer Erbschaft abzugeben ist.

Avrohmche Nachtigall, das Abrahamchen in der gleichnamigen Erzählung, leidet weniger an moralischen Problemen als an Ängsten, die ihm aus der Erziehung durch einen phantasiefeindlichen Vater geblieben sind. Avrohmches Geschichte ist eine Miniatur aus lauter winzigen Nöten, in die ihn Worte, Gefühle, falsche Gesten bringen. Eine Hinwendung zur Musik hatte der Vater unterbunden, das gehorsame Avrohmche huldigt seitdem seiner Liebe zum Theater als Billetverkäufer. Die Leidenschaft zur Kunst, die sich nur verkrüppelt äußert, erinnert an Grillparzers "Armen Spielmann". In die Gattung dieser vom Schicksal vernachlässigten Träumer und Liebhaber gehören alle Figuren des Erzählbändchens. Das 19. Jahrhundert liebte die Käuze. Nicht nur der arme Spielmann ist solch ein Enttäuschter, der nicht ganz von seinen Sehnsüchten lassen will. Auch Stifters Pfarrer im Kar, Raabes Stopfkuchen bestricken ihre Leser durch die bescheidene Hartnäckigkeit, mit der sie ihr kleines Glück verteidigen. Bis zu Robert Walser reicht diese Liebe zu den verträumten Wichtelmännern im Hintergrund großer Ereignisse.

Gegen die Härte des Schicksals, das die Vernachlässigten zu erdulden haben, hilft nur Humor. Der Autor entschädigt sie gewissermaßen, indem er sie in Scherze wie in warme Tücher einhüllt. Avromche Nachtigall etwa wird losgesprochen von der Sünde des Selbstmords, zu dem er sich wegen einer unglücklichen Liebe entschlossen hat, nicht nur, indem ihn der Autor schnell vom Haken, an den er ihn gehängt hat, wieder abnimmt, sondern auch, indem er die gottverdammte Tat mit aphoristischen Nachdenklichkeiten begleitet: "Aber sich selbst an einem Nagel oder Haken aufzuhängen, das ist etwas, was sich unmöglich üben lässt, und doch tun es die Leute im entscheidenden Augenblick mit einer Sicherheit, die gleichsam eine unheimliche Genialität in der Stunde des Wahnsinns ist." Der humoristische Kommentar ist für den Autor die Möglichkeit, das versteckte Genie seiner verkümmerten Lieblinge aus allen Winkeln der Erzählung hervorspitzen zu lassen.

Die Grenzen, die Kultur und Religion der Juden ziehen, sind günstige Voraussetzungen für eine Literatur der kleinen Leute; Goldschmidt nutzt sie wie seine Zeitgenossen Berthold Auerbach und Scholem Aleichem auch. Das Getto ist ein guter Vorwurf für die literarische Genremalerei des 19. Jahrhunderts. Goldschmidt zeigt den Charme dieser Enge, ehe der rabiate Antisemitismus hineinfährt und es zerstört.

Meïr Aron Goldschmidt
Avromche Nachtigall
Wallstein, 141 S., EUR 18,-

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