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Seit 10:10 Uhr Kontrovers

Lügen mit Zahlen

Die scheinbare Objektivität von Statistik

Zahlen haben immer so einen objektiven Anschein. Mit kleinen Tricks kann man fast jede Statistik frisieren. Und in diesem Superwahljahr haben natürlich auch Umfragen und Prognosen Konjunktur. In einem neuen Buch raten die Autoren über die Manipulation mit Statistik auch zur Wachsamkeit.

Von Anja Arp

"Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast." (dradio.de)
"Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast." (dradio.de)

"Und nun wieder unsere beliebte Reihe: Statistik für den Alltag - keine Angst vor großen Zahlen. Nehmen wir einmal an, ein durchschnittlicher PKW ist vier Meter lang. Nehmen wir weiter an, in diesem Lande sind rund zehn Millionen PKWs zugelassen. Wenn man alle diese PKWS Stoßstange an Stoßstange stellt - dann ist Pfingsten."

Da ist mit den Zahlen offenbar was schief gelaufen - doch Spaß beiseite: Wenn Trends fahrlässig hochgerechnet, Stichproben verzerrt oder Wahrscheinlichkeiten vergewaltigt werden, dann ist die Statistik mal wieder reif für harte Kritik. Nach dem Motto: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. - Ein Zitat, das mit großer Wahrscheinlichkeit übrigens nicht von Winston Churchill stammt.

"Lügen mit Zahlen " heißt deshalb ganz folgerichtig das neue Buch von Professor Gerd Bosbach von der Fachhochschule in Remagen. Der Statistiker weiß wovon er redet:

"Meine Kenntnisse aus dem Statistikbereich habe ich halt überwiegend über meine Tätigkeit beim Statistischen Bundesamt. Dort habe ich dann halt auch Finanz- und Wirtschaftsministerium und die wissenschaftlichen Dienste des Bundestages beraten. Eine grundlegende Schulung in Fälschen in Statistik habe ich dann anschließend aufgebaut bei der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung. Ich sage deshalb fälschen, weil es ist eine Interessensvereinigung. Und entsprechend färben die dann halt die Daten auch schön."

"Wie wir mit Statistiken manipuliert werden" heißt denn auch der Unter-Titel des Buches. Professor Bosbach und sein Co-Autor Jens Jürgen Korff beantworten darin etliche Fragen. Zum Beispiel: Wie kommen die glatten Trends in Wahlprognosen zustande? Und gibt es wirklich eine Kostenexplosion im Gesundheitswesen? Die Autoren haben zahlreiche kuriose Beispiele auf Lager:

"Eines ist vom Kölner Rosenmontagszug mit seinen angeblich 800.000 Besuchern. Der Ansatz, den ich da gewählt habe, ist einer von einem Leser des Kölner Stadtanzeigers. Der hat einfach mal die Zuglänge, hat er sich mal angeguckt. Hat geguckt, wie dicht, wie viele Reihen müssten stehen, damit 800.000 da stehen. Und er kam Pi mal Daumen zum Ergebnis, man müsste in 40 Reihen dicht gedrängt wie die Ölsardinen rechts und links stehen. Und schon weiß man, diese Zahl ist hemmungslos übertrieben."

"Ich möchte mal wissen, wie das zusammenhängt, dass alle Englisch-Lehrerinnen so dicke Füße haben? Wieso? Na nimm doch bloß mal die Jutta von Maslowskies. Na ist die Jutta Englisch-Lehrerin oder nicht? Ja, ja. Und hat die Jutta dicke Füße oder nicht? Selbstverständlich hat sie dicke Füße, aber ... na also! Aber deshalb müssen doch nicht alle Englisch-Lehrerinnen dicke Füße haben. - Na was denn sonst?

Damit man nicht zu solchen Ergebnissen kommt, gibt es die sogenannte repräsentative Stichprobe. Für 80 Millionen Bundesbürger gilt zum Beispiel eine Stichprobe von 2.000 Menschen als repräsentativ. Grundsätzlich stimmt die Faustregel: Je größer die Stichprobe, desto genauer das Ergebnis. Dementsprechend zuverlässig sind zum Beispiel die Mikrozensus-Untersuchungen, mit denen das Statistische Bundesamt in Wiesbaden arbeitet. Denn da ist die Stichprobe groß und die Datensammler wissen nicht wofür die Zahlen gebraucht werden.

Es gibt aber auch sogenannte vorsortierte Stichproben, bei denen das Ergebnis von vornherein verzerrt ist, weil der Auftraggeber es so will. Gerd Bosbach erinnert sich zum Beispiel an seine Zeit als Politik-Berater:

"Dort haben Politiker eigentlich nie nach Fakten zu einem Thema gefragt. Sondern sie haben immer nach Fakten für ihre Meinung gefragt. Rita Süssmuth hat dann mal ganz spontan am Telefon ganz nett reagiert. Sie hat gesagt nein, ich möchte für Frauen in Männerberufen werben. Und ich habe in zwei Tagen halt einige Leute im Ruhrgebiet, die ich treffe. Und dazu möchte ich Fakten für diese Meinung haben. An der Stelle hat sich denn also auch mein Interesse mit der von der Auftraggeberin gedeckt. Aber es zeigt halt einfach, dass Zahlen benutzt werden, um eine Meinung als scheinbar objektiv und unwiderlegbar gelten zu lassen."

Es gibt zahlreiche Methoden, um mit Zahlen zu manipulieren. Eine weitverbreitete ist der verzerrende Umgang mit absoluten und relativen Zahlen, sprich Prozentzahlen. Gerd Bosbach macht das an den angeblich explodierenden Ausgaben für den Sozialstaat deutlich:

"Der Sozialstaat der wuchert, der muss beschnitten werden. Es werden Zahlen genannt, das seit 1991 die Sozialausgaben in Deutschland um 70 Prozent gewachsen sind. Wenn man diese Zahl hört, erschreckt man. Auch ich erschrecke dann."

Wenn man die Zahlen allerdings mal etwas genauer unter die Lupe nimmt, dann relativiert sich die hohe Prozentzahl schnell. Zum einen gibt es eine Inflationsrate. Zum anderen sind im selben Zeitraum ist auch der Wohlstand und die Wirtschaftsleistung insgesamt gestiegen.

"Denn wenn die Wirtschaft wächst, können wir auch mehr für das Soziale ausgeben. Wenn man sich die Zahlen anguckt, ist man völlig überrascht. Da ist nämlich die Sozialleistung überhaupt nicht gestiegen. Sie sind halt seit 1991 so um die 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, worin wir unsere Wirtschaft messen. Und wenn man dann noch länger in die Vergangenheit zurückguckt, halt in den Bereich von Westdeutschland, dann ist es seit 1975, haben wir, geben wir konstant 30 Prozent für Soziales aus. Und jetzt wird der Schuh ein ganz anderer. Unsere sozialen Probleme sind seit 1975 massiv gewachsen. Wir geben aber anteilsmäßig genau so viel aus wie 1975. Also haben wir keinen Wildwuchs, sondern eine Beschneidung des Sozialen."

Wie schnell einen Zahlen einen hinters Licht führen können, belegt auch folgender Reisebericht von Hape Kerkeling:

"Auf jeden Norweger kommen 75 Elche, 90 Murmeltiere und 100 Blockhütten. In Oslo leben 10.000 Norweger, unglaublicher Weise 750.000 Elche, 900.000 Murmeltiere und 1 Million Blockhütten."

Ein anderes Beispiel für die Manipulation mit Statistik sind die sinkenden Arbeitslosenzahlen. Weil die Wirtschaft momentan boomt, sinkt die Arbeitslosigkeit. Soweit so gut:

"Sie sinken aber bei weitem nicht in dem Masse, wie uns vorgetäuscht wird. Dazu ändert man halt ständig die Bemessungsgrundlagen für Arbeitslose. Und die neueste Regelung, die ich kenne dabei - ich bezeichne es als unverschämt. Denn Arbeitslose, die an private Vermittler übergeben werden, zählen nicht mehr als arbeitslos. Also wenn man sich das einmal auf der Zunge zergehen lässt, was das für eine Unverschämtheit ist und was das für eine Manipulationsmöglichkeit eröffnet. Wir müssen nur ein paar private Vermittler noch einschalten, ein Lieblingsspiel der FDP, die sowieso alles privat machen will, und schon sinkt die Arbeitslosigkeit."

In der Arbeitslosen-Statistik tauchen zahlreiche Menschen inzwischen gar nicht mehr auf. Zum Beispiel alle, die kein Geld von der Bundesagentur für Arbeit bekommen, die krank sind oder in Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen stecken. Und alle Ein-Euro-Jobber fallen neuerdings ebenfalls raus:

"Früher eine völlig klare Angelegenheit, dass sie als arbeitslos galten. Weil sie ja eigentlich eine vernünftige Arbeit suchen und keinen Ein-Euro-Job. Die zählen heute nicht mehr als arbeitslos und diese Liste kann man noch beliebig verlängern."

So werden nunmehr auch alle 58-Jährigen, die seit einem Jahr kein Angebot mehr bekommen haben, aus der Arbeitslosenenstatistik rausgerechnet:

"Also ich würde davon ausgehen, dass die wahre Arbeitslosigkeit mindestens halt zwei Millionen höher ist als die offiziell Bekannt gegebene."

Mit Statistik lässt sich offenbar so ziemlich alles belegen, was der Auftraggeber wünscht. Und trotzdem brauchen wir Zahlen:

"Wir brauchen Zahlen, um zu entscheiden. Selbst schlechte Zahlen sind oft wichtiger, besser als gar keine Zahlen zu diesem Thema zu haben. Ich spreche hier nicht gegen Statistiken. Allerdings muss man sich klar machen: Statistiken werden von irgendjemand veröffentlicht. Der, der was veröffentlicht, hat meist ein Interesse. Und wenn man Interessen hat, dann färbt man schön."

Gerd Bosbach und sein Co-Autor wollen mit ihrem kritischen Buch über Statistik genau hier den Blick ihrer Leser schärfen:

"Selbst mathematische Blindfische haben behauptet, dass sie dieses Buch von vorne bis hinten verstanden haben. Also, es wendet sich an Otto-Normalbürger, damit er ein bisschen kritischer guckt. Und ein Hinweis wäre erst mal, gucken sie, von wem die Zahlen kommen. Welches Interesse hat er? Und dann wissen sie auch schon, in welche Richtung manipuliert worden ist."

Wie war das noch Herr Kerkeling?

"Und jetzt alles zusammen: 75 Elche, 90 Murmeltiere und 100 Blockhäuser, wobei wir derzeit eine sozialliberale Murmeltier-Blockhaus-Koalition haben."

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