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Madmax und Disneyland auf LSD

"Burning Man" - die letzten Hippies im Wüstensand Nevadas

Von Gerd Brendel

Besucher stehen auf dem "Burning Man"-Festival in Nevada um  ein trojanisches Pferd herum.
Besucher stehen auf dem "Burning Man"-Festival in Nevada um ein trojanisches Pferd herum. (AP - Andy Barron)

Auch die Hippiebewegung kennt Massenspektakel. Dazu gehört das Festival "Burning Man". Es findet Ende August jährlich in der Zeltstadt Black Rock City im Wüstensand des US-Bundestaates Nevada statt. Was sich hinter dem Titel verbirgt, hat Gerd Brendel in Erfahrung gebracht.

Nach vier Stunden Schritttempo Stoßstange an Stoßstange mit Kleinbussen und Geländewagen über eine Schotterpiste taucht Susan wie ein Geist vor uns auf.

"Hallo Jungs, wollt ihr umarmt warden?"

Ruft sie uns entgegen und breitet die Arme zur "Umsonstumarmung" aus.

"Seit ihr Jungfrauen?"

"Burning-Man"-Jungfrauen, die zum ersten Mal das Happening in der Wüste besuchen.


"Ja, sind wir, aber nicht mehr lange, Unser Initiationsritual steht kurz bevor."

"Legt euch auf den Rücken. Wie fühlt ihr euch? Das ist so sauber, wie ihr euch fühlen werdet. Jetzt schreit: 'Ich bin keine Jungfrau mehr.' - herzlichen Glückwunsch!"


"Na super … is die Karre natürlich im Arsch…"

Und nicht nur die Karte. Alles andere auch: Die Autositze, meine Hose, mein T-Shirt, der Schlafsack- Der Staub kriecht in jede Ritze und wird eine Woche zum ständigen Begleiter. In der Nacht vor uns blinkt es wie auf einem Landeplatz für UFOs. Irgendwo weit hinten in der Wüste kann man eine einsame Riesenfigur ahnen, die in ein paar Tage zum "Burning Man" zum brennenden Mann werden wird. Was im Dunkeln aussieht wie ein Chaos aus Tausenden von Zelten und Wohnmobilen, entpuppt sich beim Näherkommen als gigantische Hufeisensiedlung, mit Parzellen und Straßen. Aus den Staubwolken tauchen wunderliche Gestalten in aberwitzigen Kostümen und Schwimmbrillen auf. Welcome to Black Rock City

Adrian, Künstler aus Kanada und sein Freund Happy kommen seit elf Jahren in jedem Sommer hier in die Wüste, zwei von über 50.000 Bewohnern der Black Rock City, einer Zeltstadt die jedes Jahr in einem ausgetrockneten Salzsee mitten im Black Rock Dessert von Nevada aus dem Nichts entsteht.

" Es ist staubig. Es ist eine Herausforderung, aber es lohnt sich, denn hier musst Du überlegt handeln, sonst schaffst Du es nicht, vom Zelt aufbauen bis zum regelmäßigen Trinken."

Wasser, das man selbst mitbringen muss. Denn hier gibt es nichts: kein Strom, keine Wasserleitungen und erst recht keinen Supermarkt. Der erste Morgen in Black Rock City. Draußen brennt die Sonne unbarmherzig. Unter Adrian und Happys Sonnensegel gibt es Spiegeleier zum Frühstück.

"Es geht darum eine alternative Gemeinschaft auszuprobieren, zu schauen, wie Leben sein könnte. In drei Wochen wird hier nichts mehr davon übrig sein und wir werden alle wieder in unseren Arbeitsalltag zurückkehren."

Zurück in der "Default World" in der Normalwelt. Der Begriff fällt oft hier in Black Rock City. Und dabei heben die Burner, wie sich die Bewohner der Zeltstadt, nennen, verächtlich die Augenbrauen. Denn hier sind die Gesetze der "default world" außer Kraft gesetzt.

"Bin seit fast einer Woche hier, und habe keinen einzigen Cent ausgegeben. Die Leute bringen uns Essen und zu trinken. Das Einzige, was man hier kaufen kann, ist Kaffee und Eis zum Kühlen."

Natascha, Krankenschwester aus San Francisco kann es immer noch nicht fassen. Sie ist zum ersten Mal in Black Rock City. Ein paar Zeltstraßen weiter hat sie mit Freunden eine Riesenwippe installiert.

"Ich glaube es ist die zweitgrößte Wippe der Welt, und sie funktioniert nur, wenn alle, die drauf sitzen oben ohne sind."

Die Tauschgesellschaft von Black Rock City funktioniert, weil fast alle mitmachen. Im Zelt von "Cirque de Freaks" proben Artisten, auf dem "Swag-Mart" kann alles getauscht werden von alten Jeans bis esoterischen Handbüchern. Im Schwulencamp "Comfort und Joy" -Trost und Freude" fängt gerade ein Tantra-Workshop an. Die Ledermänner nebenan bieten zum Nachmittagsdosenbier Massagen und gegenüber gibt es den angeblich besten Kaffee der Welt .

"Daran halten wir nach wie vor fest. Wir haben keine Sponsoren und bieten immer noch eine Anzahl Karten unter dem Selbstkostenpreis an, damit sich jedermann leisten kann, hierher zu kommen. "

Andy Grace gehört zu den 35 Personen, die als Organisationskomitee mit "Burning Man" ihren Lebensunterhalt verdienen. Alle anderen arbeiten freiwillig: am Einlass als "Greeter", bei den Sanitäranlagen in der Fahrradwerkstatt und hinterher beim großen Aufräumen. Wer keinen Kaffee oder Bier zu verschenken hat, verschenkt Ideen: Es gibt Workshops zur nuklearen Abrüstung, natürlicher Geburt und zur Weltrevolution. Der Tag in Black Rock City gehört den Weltverbesserern und den nüchternen Visionären.

Der Mann, dessen Vision am Anfang von Burning Man stand, sitzt ein paar Zelte weiter vom mexikanischen Kaffeestand entfernt auf einer Bühne.

Aber Larry Harvey, der alte Mann mit Basecap und großer Brille neben dem Moderator hat keine Lust von den Anfängen zu erzählen. Die Geschichte kennt hier sowieso jeder:

"Larry Harvey, so lautet die Legende, hatte Liebeskummer. Also zimmerte er mit eine paar Freunden eine Holzfigur zusammen und verbrannte sie am Strand in San Francisco. Ein Jahr später wiederholten sie das ganze, und zwei Jahre später auch, aber im dritten Jahr kamen so viele Menschen, dass die Polizei kam und die Leute verhaftete und Larry musste einen neuen Ort für seinen "Burning Man" finden."

Das war die Geburtsstunde von Black Rock City, der Stadt in der Wüste.

Ob er sich mit Peter Pan vergleichen würde, fragt der Moderator mit "Black Rock City " als Nimmerland, Peter Pans Insel, auf der niemand erwachsen werden will. Larry schüttelt den Kopf:

"Wen das hier nur eine Flucht vor der Wirklichkeit wäre-, wäre das niederschmetternd. Nein, hier draußen entdeckt jeder, was man wirklich braucht und dass man wirklich seine eigene Welt schaffen kann."

Eine eigene Welt, eine bessere und eine schönere. Wenn die Sonne untergeht , ziehen die "Burner" raus auf die "Playa" die riesige Fläche in der Mitte der Zeltstadt . Das ist die Zeit der "'Art Cars": Wagen mit Aufbauten wie für einen futuristischen Karnevalsumzug: Kraken mit Armen aus rostigem Metall, U-Boote, Feuer speiende Ungeheuer. Am Nachthimmel blinkt und blitzt es. Eine kilometerlange Lichterkette schwebt im Nachthimmel über der "Playa". Aus den großen Partyzelten dröhnen Technobässe.

""Burning Man" bei Nacht ist "Madmax und Disneyland auf LSD zusammen, ein wirklich verzauberter Ort.

Licht verrückte Sachen und verrückte Leute, aber verrückte Leute, die cool sind.

Am vorletzten Abend des Festivals zieht es alle zum hölzernen Riesen weit draußen in der Wüste, dem Wahrzeichen des Festivals. Gegen Mitternacht geht der "Burning Man" mit ohrenbetäubendem Krachen in Flammen auf.

"Es ist so flüchtig wie unsere Leben. Das Feuer erinnert mich daran, loszulassen, die inneren Schwierigkeiten, all die Kämpfe und Konflikte abzuschütteln und außerdem macht es Spaß."

Archaisches Ritual, Utopie, Sozialexperiment, Hippie-kommune auf Zeit, Alternativ-Las-Vegas und eine große Party: dass alles ist "Burning Man". Aber in 25 Jahren hat sich das Festival verändert. Es ist auch zur Touristenattraktion geworden. Das einzige Camp in Black Rock City mit "Betreten-Verboten-Schildern" , gehört zum Reiseunternehmen, das Burning Man Tours mit Vollpension und klimatisierte Wohnmobile anbietet. Trotzdem: Die Hauptamtliche " Burnerin" Andy Grace ist zuversichtlich, dass der Geist von Burning Man erhalten bleibt:

"Wenn jemand meint, die Erfahrungen hier seien käuflich, wird er auf die Schnauze fallen. Die Leute, die das denken, haben Burning Man am meisten nötig, und hoffentlich wird es sie irgendwie doch verändern."

So wie Adrian und Happy , als die beiden zum ersten Mal hierher kamen:

"Burning Man" hat mein Vetrauen in die Menschheit gerettet. Ich war fertig mit der Welt da draußen."

"Ich heule ja. Alles, was man mir als kleiner Junge versprochen hatte: dass die Welt besser werden würde, mit mehr Wohlstand, weniger Arbeit, glücklicher, friedlicher. Nichts davon passierte. Und dann kam ich hierher und erlebte, wie herzlich und fürsorglich Fremde miteinander umgingen und ich war fassungslos. Diese Erfahrung will ich mitnehmen in die reale Welt. "

Bis zum nächsten Jahr, wenn in der Wüste eine Gegenwelt entsteht, wo eine staubige Umarmung zu Tränen rühren kann.

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