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StartseiteSonntagsspaziergangMagische Momente auf Madagaskar22.03.2009

Magische Momente auf Madagaskar

Der Inselkontinent Madagaskar im Indischen Ozean

Das Naturparadies von Madagaskar ist bedroht. Brandrodung und Brennholzgewinnung setzen der Flora und Fauna zu. Und ein Großkonzern möchte eine Großteil der Anbauflächen Madagaskars pachten, um Genmais anzubauen. Dabei ist die Landschaft der Insel mit ihren Tropenwäldern, Hochplateaus und Bergnebelwäldern einzigartig.

Von Harald Brandt

Einzigartig - die Mausmakis auf Madagaskar. (Zoo Zürich/Dr. Robert Zingg)
Einzigartig - die Mausmakis auf Madagaskar. (Zoo Zürich/Dr. Robert Zingg)

Der Weg steigt an. In einer Lichtung wird der Blick auf die vier Buchten von Diego-Suarez freigegeben, die wie ein glückbringendes Kleeblatt die Stadt umgeben. Am Horizont, jenseits des Riffs, leuchtet das Smaragdmeer - und noch weiter in der Ferne liegt das Cap d' Ambre, die nur mit dem Geländewagen zu erreichende Nordspitze von Madagaskar.

Dann schließt sich der Wald wieder und wir laufen zwischen Riesenfarnen und Baumveteranen, die hier vielleicht schon standen, bevor die ersten Einwanderer aus Südostasien die Großinsel besiedelten - vor über 1000 Jahren.

Es ist angenehm kühl und nicht zu feucht - die Regenzeit beginnt erst in ein paar Wochen. Es riecht nach Moos und Holz und Harz, die Schönheit des Waldes lässt die Steigung des Weges vergessen.

Für einen Moment kann man hier im Bergnebelwald Montagne d'Ambre die Probleme Madagaskars hinter sich lassen. Man möchte nicht mehr daran denken, dass solche Wälder außerhalb der Nationalparks kaum noch existieren. Man möchte die kahlen Hügel und den abgefackelten Busch vergessen.

Aber das ist nicht so einfach. Der Führer, mit dem ich seit zwei Stunden unterwegs bin, spricht von der Schwierigkeit, die einheimische Bevölkerung an den Rändern des über 18.000 Hektar großen Waldgebiets von der Notwendigkeit des Naturschutzes zu überzeugen.

Als wir in der Nähe des großen Wasserfalls eine Gruppe von Sandford Makis beobachten, die sich die Baumkronen über uns mit einer anderen Lemurenfamilie teilen, treffen wir einen jungen Franzosen, der die Meinung der Dorfbewohner für eine wissenschaftliche Studie erforscht.

"Viele Menschen glauben nicht daran, dass ihnen wirklich 50 Prozent aus den Einnahmen der Nationalparks für eigene Projekte zur Verfügung stehen","

sagt er uns.

""Oder sie wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, um an dieses Geld heranzukommen."

Ich schaue nach oben und begegne den neugierigen Blicken der Lemuren, der Halbaffen, die jetzt nur noch ein paar Meter über uns in den Zweigen schaukeln - und das Gespräch mit Interesse zu verfolgen scheinen. Es betrifft ihre Zukunft.

Der Bergwald an den Flanken des erloschenen Vulkans Montagne d'Ambre ist ein Mikrokosmos des ursprünglichen Madagaskars - wie in einem Hologramm enthält dieser Moment des Blickkontakts mit den Lemuren, die ganze in sich gebrochene, komplexe Realität des Inselkontinents im Indischen Ozean: der immer noch überwältigende Reichtum an Pflanzen und Tieren, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt; die manchmal paradiesisch anmutende Nähe von Mensch und Tier; das Damoklesschwert des Feuers, das über allen Schutzgebieten schwebt. Eine Realität, die jeden Moment meiner Reise durch Madagaskar präsent war.

In einer Baumhöhle sitzt ein winziger Nachtlemur und schaut verschlafen in die Umgebung. Seine Stunde ist noch nicht gekommen. Sieht er uns überhaupt? Oder träumt er?

Ankarana, das "Gebiet der spitzen Steine", ein Naturreservat südlich von der Montagne d'Ambre: Trockenwald auf karstigem Boden, erst zur Regenzeit füllt sich das Flussbett, in dem wir stehen, mit Wasser und wird zu einem reißendem Strom, der dann plötzlich im Boden verschwindet und unterirdisch weiterfließt.

"La Perte d' Eau" - "Die verschwundenen Wasser" - heißt die Stelle, wo ein riesiges Loch im Kalksteinfelsen klafft und den Blick in die Unterwelt freigibt.

Ein paar Kilometer hinter "La Perte d' Eau" biegt ein schmaler Pfad vom Hauptweg ab. Wie in allen Nationalparks darf man auch in Ankarana nur mit einem ausgebildeten Führer unterwegs sein, der nicht nur die Tiere und Pflanzen kennt, sondern auch die "Fadys", die Verbote, die das Betreten bestimmter Stätten untersagen.

Der Pfad führt steil nach unten. Als wir in den Schatten des gegenüberliegenden Berges kommen, in dessen Flanke sich ein riesiges Portal zu befinden scheint, wird es plötzlich kühl und der Gesang der Vögel verstummt. Seltsame Schreie sind zu hören - und je tiefer wir gehen, desto mehr habe ich das Gefühl, mich dem Eingang zu einer anderen Welt zu nähern.

Vom Licht unserer Taschenlampen aufgeschreckt flattern Hunderte von Fledermäusen um unsere Köpfe herum. Es ist weniger unangenehm, als ich dachte - fast berühren sie das Gesicht, aber auch nur fast; eine unheimliche und sanfte Präsenz, die etwas Halluzinatorisches hat.

Nach dreihundert Metern ist der Spuk vorbei. Wir laufen durch stille Säle immer tiefer in den Berg hinein, vorbei an Tropfsteinsäulen und dunklen Nischen bis zu dem Punkt, wo ein "Fady", ein Verbot, das Weitergehen unmöglich macht.

Es gibt viele solcher Grotten im Ankarana-Massiv. Im 18. und 19. Jahrhundert dienten sie der einheimischen Bevölkerung als Schutz vor den Merina, der heute noch dominierenden Volksgruppe der Hochplateaus, die in verschiedenen Eroberungszügen fast die ganz Insel unter ihre Kontrolle brachte. Durch ihre Erfolge gestärkt, wagten sie sich schließlich auch in das Felslabyrinth des Ankarana-Massivs vor und töteten die Menschen, die hier Zuflucht gefunden hatten. Nur der König der Antankarana konnte mit einigen Getreuen auf die vorgelagerten Mitsio Inseln im Kanal von Mozambique fliehen.

Die Antankarana gehören zur Volksgruppe der Sakalava, die im westlichen Küstenbereich Madagaskars lebt. Im Gegensatz zur asiatisch wirkenden Ethnie, der Merina, sind die Sakalava stark durch afrikanische Einflüsse geprägt.

Die Königsgrotte im Ankarana-Massiv darf nur alle fünf Jahre im Beisein des amtierenden Königs der Antankarana geöffnet und betreten werden. Für die Merina sind alle Grotten im Naturpark noch heute tabu, sagt mein Führer, Benjoma Benitoto, den alle nur Rollain rufen.

"Wir haben viele religiöse Überlieferungen auf Madagaskar, und das schafft manchmal Probleme. Die Überlieferung sagt den Merina, dass sie die Vorfahren der Sakalava getötet haben. Deswegen haben sie Angst, in die Grotten zu gehen. Einige Leute aus Tana haben das trotzdem getan, sind zu den Orten gegangen, wo sich die Skelette der Menschen befinden, die hier 1710 umgebracht wurden, und dann hat sie ein Skorpion gestochen. Also glauben sie, dass die Tabus immer noch intakt sind - und fürchten sich davor, die Grotten zu betreten. Das ist natürlich kein offizielles Gesetz, aber es ist eine Überlieferung. Wenn sich jemand aus Tana den Zutritt erzwingen will - naja, er kann das machen, aber der König sieht das gar nicht gerne. Es tut mir leid, dass ich das sagen muss, aber so ist die Regel. Für uns Fremdenführer gilt sie auch. Wenn der König erfährt, dass wir jemanden von den Hochplateaus in die Grotten gelassen haben, verlieren wir unseren Job und können nicht mehr in den Park. Das ist eben das Tabu, das respektiert werden muss."

Mahajanga, zweitgrößte Hafenstadt Madagaskars, am Mündungsdelta des Betsibokaflusses, Nordwestküste, Kanal von Mozambique: In Asien heißen sie Rikschas. Auf Madagaskar nennt man die zweirädrigen, von Menschen gezogenen Karren Pousse-Pousse. In der Hauptstadt Antananarivo verwendet man sie nur zur Beförderung von Lasten, Balken, Bretter, Eisenstangen, Holzkohle - immer hoffnungslos überladen werden sie von zwei Männern - einer zieht, einer schiebt - die steilen Straßen hochgewuchtet. Manchmal geht das nur im Zeitlupentempo und hinter ihnen staut sich der Verkehr.

Einen Vazaha, einen Fremden, durch die ebenen Straßen der Altstadt von Mahajanga zu ziehen, ist dagegen ein Kinderspiel. Außerdem knöpft mir der Fahrer drei- oder viermal den Preis ab, den er von einem Einheimischen verlangen könnte. Aber das ist korrekt.

Obwohl auch Mahajanga den diskreten Charme des Verfalls ausstrahlt, den man auf Madagaskar so häufig spürt, ist die Stadt doch dynamischer als viele andere Orte. Mit deutscher Hilfe wurde ein modernes Kanalisationsnetz geschaffen, um die Choleraepidemien in den Griff zu bekommen. Die Japaner investieren in Garnelenfarmen. Und auch der Hafen hat noch seine Bedeutung, selbst wenn alle größeren Schiffe wegen der Versandung weit draußen in der Bucht ankern müssen. Hindus, Moslems - sowohl Schiiten als auch Sunniten - Chinesen, Komorer und viele Franzosen leben in der Stadt in gegenseitigem Einvernehmen. Außerdem könne man hier alle 18 Ethnien Madagaskars antreffen, sagt der Bürgermeister Claude Pagès. 1895 war die Hafenstadt der Ausgangspunkt für die Kolonisierung der Insel durch Frankreich.

Die Flut hat die Becken gefüllt und die arabischen Dhauen, die vor ein paar Stunden noch auf Sand gelegen haben, dümpeln im Wasser und machen klar zum Segelsetzen. Sie sind das Hauptbeförderungsmittel für Waren aller Art entlang der Westküste.

Südlich von Mahajanga, am anderen Ufer des Betsiboka findet man praktisch keine Straßen mehr. Selbst die Pisten sind so schlecht, dass man sich seinen Weg am besten selbst schafft.

1960, im Jahr der Unabhängigkeit Madagaskars, gab es 30.000 Kilometer asphaltierte Straßen, heute sind es nur noch etwa 7000. Als Ende 2008 bekannt wurde, dass der koreanische Konzern Daewoo südlich von Mahajanga ein Areal halb so groß wie Belgien pachten will, um dort Futtermais für Schweine und Ölpalmen zur Biodieselherstellung anzupflanzen, brachen in der Hauptstadt Antananarivo Unruhen aus, die von der Regierung blutig niedergeschlagen wurden.

Daewoo will die 1,3 Millionen Hektar Land 99 Jahre lang bewirtschaften, die Ernte aber nach Korea verschiffen. Die einheimische Bevölkerung hat wenig von dem Deal, verliert aber die Hälfte der fruchtbaren Ackerfläche des Landes, die dringend für den eigenen Reisbau benötigt wird.

Wieviel Geld in die Taschen des Staatspräsidenten Marc Ravalomanana fließen, weiß keiner, aber die Unzufriedenheit mit dem Staatschef, der das Land wie einen Konzern verwaltet, wächst. Jacques Diouf, Chef der UN-Ernährungsorganisation, brandmarkt solche Geschäfte als "eine Form von Neokolonialismus".

Am unteren Ende der Treppe Ranavalona I., die die Ober- mit der Unterstadt verbindet, spielt einer der besten Straßenmusiker von Antananarivo: ein verkrüppelter Gitarrenspieler. Er hat keine Hände, trotzdem gelingt es ihm mit seinen Armstümpfen, Akkorde zu greifen und die Saiten zu schlagen. Ein Gestell auf der am Boden liegenden Gitarre hält die Mundharmonika.

Er ist über seine Instrumente gebeugt, so dass ich sein Gesicht nicht sehen kann. Es ist etwa auf Höhe der Auspuffrohre, die ein paar Zentimeter hinter seinem Rücken schwarze, stinkende Wolken in die Luft blasen. Warum sitzt er gerade hier, an dieser Stelle, wo der Lärm und die Luftverschmutzung am größten sind?

"Wenn man die enormen Summen betrachtet, die Madagaskar jedes Jahr als Entwicklungshilfe bekommt, und dann sieht, dass das Land immer noch in der tiefsten Armut dahinvegetiert, dann liegt der Schluss nah, dass dieser Zustand nicht nur gewollt ist, sondern auch künstlich erhalten wird. Das ist ja eine der effizientesten Formen der Unterdrückung, die von vielen Diktaturen praktiziert wird - man sorgt dafür, dass die Menschen arm bleiben, damit man sie besser ausbeuten und sich selbst schneller bereichern kann. Deshalb glaube ich, wenn man die Bevölkerung in ihrem Kampf um bessere materielle Lebensbedingungen unterstützen würde, dann wäre sie auch bereit, den Kampf auf der intellektuellen, politischen, sozialen und philosophischen Ebene fortzuführen. Ich bin ganz sicher, wir stehen an diesem Punkt. Aber im Moment ist die Armut zu stark, zu tief. Der Madegasse ist tief in seinem Inneren verletzt, tödlich verwundet, und das einzige, was zählt, ist der nächste Atemzug."

Ambalavao, Nacht, Wetterleuchten im Süden: Rabo, mein Fahrer, mit dem ich vor zwei Tagen Antananarivo verlassen habe, runzelt die Stirn.

"Genau da, wo wir morgen hinfahren. Hoffentlich kommen wir durch!"

Dezember, Südsommer: Die Nationalstraße sieben nach Tulear, der südlichsten Stadt Madagaskars, gehört zwar zu den besten Strecken, aber die 40 Kilometer auf dem Hochplateau von Horombe sind unbefestigte Piste. Roter Lateritboden, der sich bei Regen sofort in Schlamm verwandelt. Wenn man keinen Geländewagen hat, steckt man hier schnell fest.

Die Regenzeit hat zu früh begonnen dieses Jahr, weiter im Norden steht schon soviel Wasser auf manchen Reisfeldern, dass der Boden nichts mehr aufnehmen kann.

"Das wird eine schlechte Ernte","

meint Rabo.

Reis ist das Hauptnahrungsmittel. Um die tägliche Ration zu kochen, benutzen über 80 Prozent der Madagassen Holzkohle - auch in den Städten.

""Auf dem Land ist die Holzkohle viel billiger als in Tana","

sagt mein Fahrer.

""Wenn der Wagen auf der Rückfahrt leer ist, nehme ich mir immer ein paar Säcke mit."

Was für ein Widerspruch: Seit zwei Tagen erzählt mir Rabo, der mehrmals im Monat Touristen von Antananarivo nach Tulear bringt, wie traurig das Verschwinden der Wälder sei, und trotzdem kauft er den Stoff, der Madagaskar an den Rand des Abgrunds gebracht hat!

"Was soll ich machen? Strom oder Gas sind unerschwinglich, da bleibt nur die Holzkohle, wenn man seine Familie ernähren will!"

Wir sind früh aufgebrochen, Rabo will den unbefestigten Teil der Strecke schnell hinter sich bringen. Hinter Ihosy, einem kleinen Städtchen, wo wir noch einmal tanken, windet sich die Straße in weiten Kurven auf das Hochplateau von Horombe.

Wir fahren durch ein Eukalyptuswäldchen, wo eine schlechte Piste nach Fort Dauphin an der Ostküste abzweigt, und dann ist die Straße plötzlich zu Ende: nur noch roter Staub und Stille; Zeburinder, weit über die Ebene verteilt; Termitenhügel zwischen niedrigen Grasbüscheln.

Für die 40 Kilometer brauchen wir fast zwei Stunden. Am westlichen Horizont zeichnet sich die Bergkette von Isalo ab, Madagaskars ältestem Nationalpark. Für die Volksgruppe der Bara ist das heiliges Land - in den Grotten des wildzerklüfteten Bergmassivs werden noch heute die Toten verehrt.

250 Meter gehen die Felswände an beiden Seiten hoch. Am Eingang zum Canyon der Affen sitzt ein Sifaka in den Bäumen und beobachtet ohne Scheu den Eindringling.

Er ist allein, seine Artgenossen sind wahrscheinlich oben an den Rändern der Schlucht und genießen die reifen Früchte der Tapiabäume. Der schöne Halbaffe mit dem weißen Fell und dem schwarzen Gesicht wirkt wie ein Wächter auf mich.

Das Wasser hat sich einen Weg zwischen den Felsen gebahnt und an manchen Stellen tiefe Bassins herausgewaschen - groß genug, um einige Schwimmzüge zu tun. Eidechsen wärmen sich in der Sonne, die nur für kurze Zeit über der Öffnung des Canyons steht. Eine rote Libelle fliegt an mir vorbei.

Isalo-Massiv, Südsommer, Madagaskar - eine andere Welt, eine magische Welt. So sah es auch der deutsche Botaniker Friedrich Schnack, der in den 1930er-Jahren die Großinsel besuchte, die damals noch französische Kolonie war. In seinem Buch "Auf ferner Insel” beschreibt er die oft unheimliche Erfahrung eines Universums, in dem nichts so ist, wie man es von der nördlichen Erdhalbkugel kennt.

Im Vorübergehn, auf einsamen Wegen, im Geistermittag der Urwälder bin ich manchmal mit innerstem Gefühl an das Geheimnis gestreift; aus den funkelnden Tiefen der Rosenholz-, Ebenholz- und Palisanderbäume, von denen die Orchideen herunterrieselten, hat mich das Unfaßbare, der Atem der madagassischen Sphinx angeschauert. Mehr war es nicht: ein Laut, ein fremder Seelenruf, ein irrender Luftzug, ein märchenhaftes Duften, Blinken und Flammen oder das Schweigen und die todesschwarze, von Sternen überfunkelte Tropennacht, darin ich einsam war wie ausgesetzt und vergessen.

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