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StartseiteInterview"Man hat in diesem Jahr ganze zehn freiwillige Spender gehabt"28.08.2009

"Man hat in diesem Jahr ganze zehn freiwillige Spender gehabt"

China bestätigt Organentnahme bei Hingerichteten

Chinesen glauben an die Unversehrbarkeit des Körpers nach dem Tod - eine Organspende kommt nicht infrage. Notgedrungen hat der Staat Organe bei Hingerichteten entnommen - "ein akutes Problem", sagt Asienfachmann Ulrich Delius.

Operation in einem Krankenhaus (Stock.XCHNG / N. S. Junior)
Operation in einem Krankenhaus (Stock.XCHNG / N. S. Junior)

Jasper Barenberg: Es ist ein Eingeständnis mit einer geradezu makaberen Note. Via Staatspresse gibt China jetzt zu, dass zwei von drei Spenderorganen in dem Land von Straftätern stammen. Damit bestätigt sich, was Beobachter schon lange vermuteten, dass in China hingerichteten Sträflingen in großer Zahl Organe für die Transplantation entnommen werden. Die Regierung gibt sich reumütig, als inakzeptabel bezeichnet das Gesundheitsministerium in Peking die derzeitige Praxis und man gelobt Besserung. Darüber wollen wir jetzt mit Ulrich Delius sprechen, er ist der Asien-Fachmann der Gesellschaft für bedrohte Völker. Guten Morgen!

Ulrich Delius: Guten Morgen, Herr Barenberg.

Barenberg: Herr Delius, Menschenrechtsvertreter wie Sie werfen der Regierung Chinas seit Jahren Missbrauch mit Organen von Hingerichteten vor. Jetzt geht Peking von sich aus an die Öffentlichkeit. Warum?

Delius: Man hat ein akutes Problem. Man hat ein Problem damit, dass in China kaum jemand bereit ist, seine Organe zur Verfügung zu stellen für dringend benötigte Transplantationen. Man muss im Jahr im Prinzip rund 1,5 Millionen Menschenorgane beschaffen, die benötigt werden, und man hat in diesem Jahr ganze zehn freiwillige Spender gehabt, im letzten Jahr 36 Spender gehabt. Die Frage ist, woher kommen die Organe für diese Menschen, die dringend Transplantationen brauchen.
Daneben haben wir einen sehr lukrativen illegalen Handel für ausländische Touristen, die denken, nun ja, in China kommen sie schneller an eine Transplantation heran als zum Beispiel in Japan oder Südkorea, und die sorgen dann noch weiter dafür, dass dieser Markt immer schwieriger wird und dass die Ärzte nicht wissen, ja wo kriegen sie denn jetzt schließlich diese Organe her.

Barenberg: Sie haben es angesprochen: Es handelt sich ja offenbar auch um ein kulturelles Problem. Nach konfuzianischer Tradition soll der Körper eines Toten aus Achtung vor den Vorfahren unversehrt bleiben. Das scheint ein Grund dafür zu sein, dass sich eben viele Chinesen der Organspende verweigern. Ist das ein kulturelles Phänomen, das wir da beobachten?

Delius: Es ist sicher ein kulturelles Phänomen, es ist auch ein Phänomen, dass einfach diese Organspende an sich für die meisten Chinesen kaum nachvollziehbar ist, und jetzt hat man versucht zu lancieren, man könnte ja sozusagen innerhalb der eigenen Familie die Organe weitergeben. Das wird von den Behörden sanktioniert und gefördert und fällt dann nicht unter diesen Bereich der freiwilligen Vergabe, sondern wird noch mal extra gezählt, dass man für ein erkranktes Familienmitglied Organe spendet. Das ist noch relativ angesehen in der chinesischen Gesellschaft, aber alles andere ist sehr, sehr schwer zu lancieren und da hilft es auch herzlich wenig, so eine Organbörse einzurichten, wie man es jetzt getan hat. Das ist natürlich ein Schritt in die richtige Richtung, aber man ist einfach weit davon entfernt, den Bedarf auch decken zu können. Da stellt sich die Frage, wo nimmt man sie dann her.

Barenberg: Das Gesundheitsministerium versichert ja auch, dass den Häftlingen Organe nicht gegen ihren Willen entnommen werden, es gäbe jeweils ein schriftliches Einverständnis. Halten Sie das für glaubhaft, für glaubwürdig?

Delius: Das ist natürlich der blanke Hohn. Wenn man die Verhältnisse in chinesischen Gefängnissen kennt, wo trotz Folterverbot gefoltert wird, wo der einzelne Häftling keinerlei Rechte hat, wenn ihm dann ein Schreiben vorgelegt wird, du musst hier unterschreiben, damit man überhaupt die Kosten deiner Bestattung deckt, dann wird das natürlich jeder tun. Da von Freiwilligkeit zu reden, das ist einfach nicht nachvollziehbar für uns.

Barenberg: Vieles an dieser Praxis lag ja bisher im Dunkeln. Nach dem Geständnis gleichsam, dass es auch in China einen illegalen Handel mit Organen gibt, ist denn jetzt nach Ihrer Einschätzung das Ganze Ausmaß der Missstände sichtbar?

Delius: Nein, auf keinen Fall. Es gibt Recherchen von Menschenrechtsorganisationen, die versucht haben, einfach mal auf eigene Faust sich quasi als mögliche Organempfänger dort in China bei Krankenhäusern zu melden, und da wurde auch in jüngster Zeit immer wieder festgestellt, dass Krankenhäuser gesagt haben, ja, wenn sie das notwendige Geld mitbringen, dann können wir innerhalb von Stunden auch dieses oder jene Organ, was schon schwer zu beschaffen ist, beschaffen. Insofern gibt es da also noch einen sehr, sehr großen Schwarzmarkt und man sieht das jetzt gerade an einem Verfahren gegen japanische Touristen; die haben sich für den dreifachen Preis neue Nieren dort verpflanzen lassen und da gibt es viele Leute in der Volksrepublik, die ihr Geld damit verdienen, und da kann die Zentralregierung entscheiden was sie will, da gibt es dann einfach die Korruption auf lokaler Ebene und die ist sehr, sehr umfassend.

Barenberg: Die Regierung nimmt für sich in Anspruch, gegenzusteuern. Sie haben es erwähnt. Es ist die Rede von einem neuen Spendensystem, das eingeführt werden soll zunächst einmal in zehn Provinzen und Städten, begleitet vom Roten Kreuz. Ist das denn ein Schritt zumindest in die richtige Richtung?

Delius: Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Vor allen Dingen schafft es erst mal Öffentlichkeit auch in der Volksrepublik für diesen enormen Notstand, den man hat, und könnte dazu beitragen, eben die Krankenhäuser zu drängen, sich jetzt wirklich stärker an die staatlichen Vorgaben zu halten. Aber letztlich bietet es keine Garantie. Wenn man nicht aufarbeitet, was passiert ist in den letzten 15 Jahren an Transplantationen, woran sehr, sehr viele Ärzte beteiligt waren, das auch offen zugeben, dass sie da gegen staatliche Vorgaben verstoßen haben, dann wird es sehr, sehr schwer sein, da auch einen Gedankenwandel, eine neue Organhandelpolitik in diesem Land voranzutreiben.

Barenberg: Sehen Sie denn in dem Zeitungsartikel, der erschienen ist, quasi einen ersten Schritt auf dem Weg zu einem Mentalitätswandel auch in der chinesischen Führung?

Delius: Dr. Huang Jiefu, der stellvertretende Gesundheitsminister, war schon mehrfach durch kritische Äußerungen zu diesem Thema aufgefallen. Er hatte sich 2005 auch schon mal nicht so explizit, aber auch kritisch zu der Organhandelpraxis geäußert. Insofern ist er sicherlich jemand, der sehr weitgehend da auch bereit war, staatliches Handeln zu kritisieren. Ich denke nicht, dass es einen grundsätzlichen Gedankenwandel in der chinesischen Führung gegeben hat, und man hat sich sicherlich auch geärgert über dieses Eingeständnis von "China dayly", der staatlichen Tageszeitung, weil es einfach einen Gesichtsverlust bedeutet, dass man nach so vielen Jahren, wo man immer wieder die Kritiker als Lügner diffamiert hatte, jetzt einräumt, dass im Prinzip man bei diesen ganzen Vorwürfen, die auch den Deutschen Bundestag, das Europaparlament und viele, viele UN-Menschenrechtsinstanzen beschäftigt haben, einräumt, dass das den Tatsachen entsprach, was dort den chinesischen Behörden vorgeworfen wurde.

Barenberg: Zum Schluss, Herr Delius, und mit der Bitte um eine kurze Antwort: Was müsste unmittelbar nach Ihrer Einschätzung geschehen?

Delius: Es muss sichergestellt werden, dass keine Organe mehr von Häftlingen entnommen werden, es müssten die Verantwortlichen für diese bisherige Praxis strafrechtlich auch belangt werden, und es müsste mehr Werbung in der Bevölkerung durchgeführt werden, warum es wichtig ist, diesen legalen Organhandel in einem breiteren Umfang zu betreiben.

Barenberg: Heute Morgen im Deutschlandfunk Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Herzlichen Dank für das Gespräch.

Delius: Bitte schön.

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