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StartseiteCampus & Karriere"Man muss den Beruf aufwerten"27.07.2011

"Man muss den Beruf aufwerten"

Brandenburgs Sozialminister macht ein Praktikum im Pflegeheim

Pflegearbeit ist ein Knochenjob, der Körper und Geist belastet. Das sagt Brandenburgs Sozialminister Günther Baaske, der in dieser Woche sein jährliches "Ministerpraktikum" in einem Altenheim macht. Im Interview fordert er, dass Altenpfleger besser bezahlt werden.

Günther Baaske im Gespräch mit Manfred Götzke

Der Pflegeberuf stellt psychisch aber auch physisch große Anforderungen.  (AP)
Der Pflegeberuf stellt psychisch aber auch physisch große Anforderungen. (AP)

Manfred Götzke: Die Kanzlerin wandert an unbekanntem Ort in den Bergen, Kurt Beck ist auf Fahrradtour an der Mosel, und Wolfgang Schäuble genießt Wind und Regen auf Sylt. Die deutsche Politik macht Urlaub, allerdings nicht die ganze Politik: Brandenburgs Sozialminister Günther Baaske macht was für seinen Lebenslauf, genau, ein Praktikum - und zwar nicht irgendeines: Seit Montag arbeitet er in einem Altenheim in Bad Belzig. Herr Baaske, wie fühlt man sich denn so als Teil der Generation Praktikum?

Günther Baaske: Na ja, also ich wusste, dass diese Aufgabe hier in der Altenpflege für mich eine große Herausforderung ist, und ich bin da nicht enttäuscht worden, das gebe ich ganz ehrlich zu. Ich muss sagen, ich habe schon immer großen Respekt gehabt vor den Leuten, die in der Pflege arbeiten. Die ersten drei Tage hier haben mir gezeigt: Dieser Respekt muss noch mal aufgestockt werden, auch die Anerkennung für den Beruf ist bei mir enorm gewachsen. Es ist eine Arbeit, die psychisch aber auch physisch wirklich große Anforderungen stellt an jeden Einzelnen, der hier arbeitet, und ich bewundere die Leute, mit wie viel Liebe, mit wie viel Fürsorge und Zuwendung die jeden Tag hier arbeiten.

Götzke: Laufen Sie nur mit oder packen Sie mit an?

Baaske: Nein, nein, ich bin hier ganz normal im Team, ich bin nur keine ausgebildete Pflegefachkraft, das heißt, ich kann auch nicht alleine pflegen, kann auch keine Medikamente reichen. Aber das, was irgendwie machbar ist - von Waschen bis zum Essen reichen - mache ich natürlich mit, ganz normal wie jeder, der hier arbeitet.

Götzke: Warum tun Sie sich das an?

Baaske: Ich mache das jetzt schon viele Jahre. Ich habe ökologische Gebäudesanierung gemacht, ich war im Hochbau, ich war im Tiefbau, war in der Kinderkrippe und im Kindergarten, war im vergangenen Jahr in einer Werkstatt für behinderte Menschen, immer eine Woche, und ich muss sagen, diese Woche gibt mir unendlich viel, sie bereichert, wenn man wirklich mal tiefer einsteigt, als man es ansonsten nur bei den ministeriellen Besuchen mitkriegt.

Götzke: Sie haben es gesagt, das ist nicht Ihr erstes ministerielles Praktikum. Was war bisher die größte Herausforderung von den ganzen Praktika, die Sie gemacht haben?

Baaske: Also ich würde das, was ich jetzt in diesem Jahr erfahre, etwa gleichsetzen mit dem, was ich vor zwei Jahren erlebt habe, da war ich in der Kinderkrippe. Also Kinderkrippe, wir hatten damals acht Kinder zwischen einem Jahr und einem Jahr und drei Monaten - das war schon echt heftig, also da war man mehrmals am Tag durchgeschwitzt, musste das T-Shirt wechseln. Das ist hier ganz ähnlich, also hier ist es auch eine Arbeit, die einen rund um die Uhr anspricht. Ich habe immer - ich wurde hier von meinen Kollegen schon ein paar Mal ermahnt -, ich habe immer vergessen, die Pausen zu machen. Da muss man wirklich sich dann auch zurücknehmen und sagen, komm, Alter, alles geht nicht, und dann einfach auch mal einen Moment abschalten. Aber es ist mir momentan ehrlich gesagt noch nicht gelungen.

Götzke: Sind denn die Heimbewohner mit Ihrer Arbeit zufrieden?

Baaske: Ja, ja, also das merkt man schon. Ich selber muss sagen, habe schon eine kleine Träne im Auge, wenn ich weiß, dass ich in der nächsten Woche nicht mehr da sein werde, weil es natürlich auch Enttäuschung gibt. Und ich habe ja hier viele getroffen, deren Biografien mich irgendwie erregt haben, weil ich irgendjemanden kannte aus dieser Biografie, und wenn man das dann anspricht und vertieft, dann merkt man, dass da Leuchten in den Augen auftritt, obwohl eigentlich ganz, ganz wenig - weil wir hier viele hoch demente Menschen haben - noch aus der Vergangenheit ansonsten da ist. Aber da kommen dann Namen hoch, da kommen dann Geschichten hoch, wo man deutlich merkt, Menschenskinder, das müsste man eigentlich jeden Tag mit denen machen, aber die Zeit haben die Kolleginnen und Kollegen ja nun leider auch nicht.

Götzke: Was lernen Sie, was nehmen Sie mit aus den Tagen, die Sie jetzt verbracht haben in der Altenpflege?

Baaske: Also zumindest, dass das hier eine Arbeit ist, die man auch gut vergüten muss. Wir haben ja auch in den letzten Ministerkonferenzen immer wieder gesagt: Wir müssen mal gucken, dass wir hier auch bei der Vergütung der Leute, die hier täglich schaffen, andere Wege gehen müssen. Es ist ja leider so, dass, wenn Sie an Ihrem Auto die Reifen wechseln lassen, dass derjenige wesentlich besser bezahlt, wird als der, der womöglich Ihrem Vater oder Ihrer Mutter hier die Windeln wechselt. Und das ist eine Geschichte, die man nicht gutheißen kann. Es ist so, dass die Leute, die hier sind, eben auch nicht streiken können, weil sie genau wissen: Jeder Streik fällt den Leuten, die hier in der Einrichtung sind, auf die Füße. Und sie machen das, obwohl es ein Knochenjob ist, der Psyche und Physis angreift, tagein, tagaus, und werden dafür eben glaube ich nicht so bezahlt, wie es sein müsste, trägt ja auch viel dazu bei, dass Frauen generell schlechter verdienen als Männer, weil eben hier auch fast nur Frauen arbeiten. Und man muss diesen Beruf einfach auch aufwerten.

Götzke: Sie haben schon angedeutet: Die Arbeit ist sehr, sehr hart. Freuen Sie sich schon auf Ihren eigentlichen Job wieder?

Baaske: Na ja, der eigentliche Job läuft ja nebenher noch mit, es ist ja nun nicht so, dass ich hier vormittags in der Altenpflege bin und nachmittags die Beine hochlege, ich habe halt noch reichlich Wahlkreisarbeit, Sprechstunde und, und, und, das geht dann also bis in den späten Abend, und morgen werde ich dann wieder um dreiviertel sieben auf der Matte stehen.

Götzke: Und wann machen Sie mal Sommerpause?

Baaske: Ich war schon eine Woche im Urlaub, also so schlimm ist es nicht, ich komme schon noch auch zur Ruhe und kriege das alles hin.

Götzke: Vielen Dank, Herr Baaske, für das Gespräch!

Baaske: Ich danke Ihnen auch!

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