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StartseiteMarkt und Medien"Man muss mittlerweile lernen, zwischen den Zeilen zu lesen"04.11.2006

"Man muss mittlerweile lernen, zwischen den Zeilen zu lesen"

Die russische Journalistin Olga Kitowa über die erschwerten Bedingungen ihrer Arbeit

Spätestens seit dem Mord an der russischen Journalistin Anna Politowskaja vor einigen Wochen wurde klar: Russlands Journalisten leben gefährlich - und das schon seit Jahren. Aber nicht nur in der Hauptstadt Moskau ist der Job der Journalisten schwierig, vor allem auch in den entfernten Regionen ist die Arbeit gefährlich. Eine, die das seit Jahren erleben muss, ist Olga Kitowa. Sie lebt und arbeitet in der südwestrussischen Provinz Belgorod.

Von Michael Meyer

Dass der Kreml weit weg ist, macht die Arbeit der Journalistin offensichtlich nicht einfacher. (dradio.de)
Dass der Kreml weit weg ist, macht die Arbeit der Journalistin offensichtlich nicht einfacher. (dradio.de)

"Ich lebe seit Jahren mit dieser Angst, ich bin es gewöhnt, mit diesem Gefühlt zu leben. Ich fühle mich nie völlig sicher, und es ist ja klar: Nach dem Tod meiner Kollegin Anna Politowskaja ist dieses Gefühl größer geworden, ich habe noch mehr Angst. Ich bin, ähnlich wie die Politowskaja, gefährdet, weil ich in der entfernt gelegenen Region Belgorod arbeite. Diese kann man nicht mit Tschetschenien vergleichen, es wird auf den Straßen nicht geschossen, aber: Die Leute fühlen sich unterdrückt durch den örtlichen Gouverneur Sawtschenko. Es gibt viel Korruption. Die Menschen können ihre Rechte nicht so einfach bei den Behörden durchsetzen, sie können sich weder an die Polizei, noch an die Staatsanwaltschaft wenden. Deswegen herrscht in der Region Belgorod große Unsicherheit."

Olga Kitowa ist eine Frau Anfang Fünfzig, klein und unscheinbar von ihrer Gestalt her - und doch ist sie derzeit eine der wohl mutigsten Journalistinnen Russlands. Kitowa kam in der Vergangenheit mehrfach mit der russischen Justiz in Konflikt, etwa weil sie kritisch über einen Schauprozess berichtete, in dem sechs Studenten eine Vergewaltigung zur Last gelegt wurde. Im Dezember 2001 wurde Kitowa zu zweieinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, und zwar wegen angeblicher "Verleumdung, Beleidigung und tätlichen Angriffs" auf Mitglieder der örtlichen Miliz.

Die alltägliche Arbeit falle in einer Stadt weit weg von Moskau sehr schwer, sagt Olga Kitowa - die Zustände seien in der entfernten Provinz Belgorod noch rigider: Telefone würden ständig abgehört, Auskünfte nicht erteilt, Informanten könne sie nur unter größter Geheimhaltung treffen, wenn überhaupt. Das mache unabhängigen Journalismus so gut wie unmöglich und führe an die eigenen Grenzen:

"Ich will doch in meinem Beruf arbeiten, das habe ich gelernt. Ich will ehrlich arbeiten - entweder ich kann das, oder ich muss mit meiner journalistischen Arbeit Schluss machen. Ich stehe immer wieder vor Wahl: ehrlich arbeiten oder überleben. Das ist eine ziemlich harte Wahl. Gerade in unserer Region sind die Journalisten durch unseren Gouverneur total unterdrückt."

"Man muss mittlerweile lernen, zwischen den Zeilen zu lesen", sagt Olga Kitowa. Die Medienfreiheit habe heute Zustände fast wie in Sowjetzeiten erreicht. Das habe Folgen auch für die Leser: Meist kommen Leserbriefe ohne Absender, oder werden aus einer anderen Stadt abgeschickt. Kritische Debatten wie in Westzeitungen sind in Russland völlig unbekannt, meint Kitowa. Umso mehr freuen sich die Journalisten über die sehr ausführliche Berichterstattung im Westen: Die Zustände in Russland seien immer mehr Menschen bekannt, sagt Olga Kitowa. Insofern müsse sie den westlichen Organisationen, wie etwa "Reporter ohne Grenzen" sehr dankbar sein:

"Die westliche Berichterstattung wird in Russland sehr aufmerksam verfolgt. Man ist sehr daran interessiert, wie der Westen Russland sieht. Als der Gouverneur Sawtschenko begann, mich juristisch zu verfolgen und gefälschte Indizienprozesse gegen mich führte, da waren es nicht nur meine russischen Kollegen, sondern auch viele westliche, auch deutsche Journalisten, die mir geholfen, mir mein Leben gerettet haben. Es waren auch Vertreter von "Amnesty International", und vor allem auch Freimut Duve von der OSZE, die mir geholfen haben, dass ich freigesprochen und rehabilitiert wurde, dass ich nicht mehr als Kriminelle bezeichnet wurde, und das ist schon sehr viel."

Sorge bereitet Olga Kitowa neben der Repression von Journalisten aber auch die alltägliche Korruption in den Zeitungen selber. Bei den Blättern, für die sie schreibt, wie etwa der "Nowaja Gaseta", für die auch Anna Politowskaja arbeitete, sei das nicht so ausgeprägt, aber: Noch immer könne man heute mit genügend Geld eine ganze Zeitungsseite kaufen - im Gegenzug gibt es Privilegien, Urlaubsreisen oder ein Auto für den jeweiligen Redakteur. Dies gefährde langfristig die Pressefreiheit von innen, ist Olga Kitowa überzeugt.

Nach dem Mord an Anna Politowskaja werde in Russland nun ein weiteres düsteres Kapitel aufgeschlagen, sagt die Journalistin. Trotz dieses Ausblicks verliert Olga Kitowa nicht die Zuversicht. Woher nimmt sie eigentlich ihre Energie und ihren Mut, weiterzumachen?

"Ich mache jeden Morgen Gymnastik und spiele Tennis."

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