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Mann in der Ferne

Suhrkamp, 94 S., EUR 14.90

Simone Hamm

Der Mann in der Ferne erinnert sich, an seinen Bruder, seine Freunde, an schöne Frauen, die ihm begegnet sind, und vor allem erinnert sich an seinen Vater. An diesem Vater möchte er sich "festklammern wie an eine Koralle an einem Riff". Der Vater ist lange schon tot, auch er ein Mann in der Ferne.

Mann in der Ferne , so hat Otto de Kat, Verleger, Kritiker und Lyriker aus Amsterdam seine Erzählung benannt. Und je älter der Mann wird, desto mehr dringt er in die Vergangenheit ein. Er lebt ganz und gar in ihr. Nur was vergangen ist, schient ihm Wirklichkeit. So wird sein toter Vater zum Zentrum seiner Gedanken, seines Lebens:

Der Tod seines Vaters beanspruchte ihn uneingeschränkt – vergleichbar nur mit seiner Liebe zu K. Später sollte er manchmal das Gefühl, wie sehr sein Vater ihm fehlte, und die Liebe zu K. Nicht mehr deutlich unterscheiden können.

K. hat ihn verlassen. Auch sie ist Erinnerung geworden. Sein Freund E. ist tödlich verunglückt. Mit ihm war er einst nach Israel gefahren. Auf den Spuren Moshe Dayans wollten sie wandeln. Die Gelegenheit, in Budapest ein Mädchen wiederzusehen, das in Holland großen Eindruck auf ihn gemacht hat, lässt er verstreichen. Ein Postgraduiertenstipendium in England nimmt er an, aber er kommt und nicht klar mit der kühlen, distinguierten Haltung der Menschen auf dem Campus. Im New Yorker Hotel Algonquin lauscht er den Worten eines Paares, das dicht neben im steht. Als Kinder sind er und sein Bruder zusammen mit dem Vater auf den vereisten Kanälen Schlittschuh gelaufen. Zusammen mit zwanzig anderen Jungen hatte er nachts eine übermütige Fahrt mit einem Laster am Strand entlang gemacht. Einer war dabei tödlich verunglückt. Sein Vater kann in Ruhe sterben, als seine Söhne gekommen sind.

Erinnerungssplitter an Erinnerungssplitter – und sie geben doch kein Bild des Ich – Erzählers. Zu beliebig ist, was da steht, zu willkürlich. Otto de Kat verschont die Leser nicht mit einfältigen Weisheiten. So lässt er, der doch Theologie studiert hat, einen Mann, den der Mann in der Fremde auf dem Tennisplatz kennengelernt hat, sagen:

Religion versucht uns in den Schlaf zu wiegen, die Wissenschaft versucht uns wachzuhalten und die Kunst ist völlig durchgedreht.

Er scheut sich nicht vor geschraubt - gewollten Formulierungen, vor allem dann, wenn es erotisch werden soll. Ob ihn da nun die blaue Frotteunterhose einer Tennisspielerin an eine ebensolche Unterhose erinnert, die seine Geliebte im Bett trug oder ob er sich an seine Schwärmerei für eine sechzehnjährige Mitschülerin erinnert, die Raffinesse mit Unschuld kombiniert:

Sie trug eine schwarze Unterhose und tat nichts, als diese hochzuziehen.

Er belehrt da, wo er sich mit Andeutungen hätte begnügen können:

Thomas Mann, der Schriftsteller, der von seinen Kindern der Zauberer genannt wurde.

Und dann ganz plötzlich kann Otto de Kat ganz anders schreiben, dicht, komprimiert, klug. Dann können zwei Sätze nach sattsam bekannten Klischees ganz wunderbare Beobachtungen stehen:

Wer gut aufpasst, sieht, dass sich der Abend nicht herabsenkt, sondern aus Fenstern und Türen kriecht. Wo Lichter angehen, schlüpft auch das Dunkel hinaus.

Es gelingt ihm, die vergangene Freundschaft zweier Männer in nur drei ganz kurzen Sätzen heraufzubeschwören.

Es war nicht so, dass sie einander ergänzt hätten, das nicht. Aber sie empfanden keinerlei Leere, wenn sie zusammen waren. Ihre Charaktere waren so, dass die Nähe sie nicht ermüdete.

Beobachtungen, Sätze wie diese, herausgegeben als Aphorismensammlung, wären ein Genuss gewesen. Eingebunden in den Erinnerungsstrom eines Mannes wirken sie wie helle Kieselsteine, die manchmal aufblitzen in einem trüben, träge vor sich hinplätschernden Fluß. Unter der Oberfläche verbirgt sich bisweilen doch etwas, was sich zu entdecken lohnt. Das aber ist zuwenig für eine ganze Erzählung.

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