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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Die Nation oder Der Sinn fürs Soziale"12.02.2018

Marcel Mauss"Die Nation oder Der Sinn fürs Soziale"

Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs fasste der französische Soziologe und Ethnologe Marcel Mauss den Entschluss, ein Buch über "Die Nation" zu schreiben. Der Text ist Fragment geblieben und erst vor Kurzem vollständig aus dem Nachlass editiert erschienen.

Von Tamara Tischendorf

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Buchcover: Marcel Mauss. Die Nation oder Der Sinn fürs Soziale.Hintergrund: Junge Menschen an einem Straßencafé in Montpellier. (Buchcover: Campus Verlag / Hintergrund: imago/viennaslide)
Eine "Nation" ist für den Soziologen Marcel Mauss keine leidenschaftliche Glaubenssache, sondern eine nüchterne soziale Tatsache, eine "Gesellschaftsgattung". (Buchcover: Campus Verlag / Hintergrund: imago/viennaslide)
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Die russische Revolution hat gerade stattgefunden, der erste Weltkrieg ist noch nicht vorbei. Da beschließt Marcel Mauss, über den Begriff der Nation zu arbeiten. An der Front wurde er Zeuge, welches Unheil ein übersteigerter Nationalismus bewirkt. In seiner Studie will er den Ursachen des Krieges auf den Grund gehen und zugleich praktische Wege aufzeigen für ein friedliches Miteinander der Nationen. Zu diesem Zweck muss er den Begriff allerdings auf einen anderen Kern zurückführen. "Richtig über sich selbst zu denken" will Marcel Mauss die Nationen lehren. Und dazu bietet er folgende Definition an:

"Unter Nation verstehe ich eine materiell und moralisch integrierte Gesellschaft mit einer stabilen und konstanten Zentralmacht, feststehenden Grenzen und einer relativen sittlichen, geistigen und kulturellen Einheit der Einwohner, die bewusst für den Staat und seine Gesetze eintreten."

Eine "Nation" ist für den Soziologen also keine leidenschaftliche Glaubenssache, sondern eine nüchterne soziale Tatsache, eine "Gesellschaftsgattung". Seine Definition leitet er aus einer historisch weit gespannten Begriffs- und Strukturanalyse unterschiedlicher Gesellschaftsformen ab.

Die Nation als Glückszustand

Familiäre Gruppen, Stammesgesellschaften, Stadtstaaten, Königreiche und Feudalgebiete begreift er alle als unvollkommene Vor-Stadien:

"Die Nationen sind die jüngste und vollkommenste Form des Lebens in Gesellschaften. Ökonomisch, juristisch, moralisch und politisch bilden sie die höchste Gesellschaftsform und sie sichern das Recht, das Leben und das Glück der Individuen, aus denen sie sich zusammensetzen, besser ab als alle vorherigen Formen."

Blick auf Berlin-Mitte um 1920. Vorne ein breiter Platz mit Automobilen, im Hintergrund der Berliner Dom. (Imago / United Archives International)Einen Kommunismus russischer Prägung, der Privateigentum missachtet, lehnt Marcel Mauss entschieden ab.(Berlin-Mitte um 1920). (Imago / United Archives International)

Eine derart positive Umwertung des Nationsbegriffs kann nur gelingen, wenn ihm alles Martialische und Chauvinistische genommen wird. Ganz frei machen kann sich Marcel Mauss selbst allerdings nicht von eurozentrischen Vorurteilen. So sieht er auf der ganzen Welt kaum Gesellschaftsformen, die seiner Definition entsprechen. Nur Westeuropa, das, Zitat: "Reich der Nationen", nehme hier eine Vorreiterrolle ein. Allen voran Frankreich. Viele südamerikanische Gesellschaften seien dagegen zum Beispiel:

"[...] bunt zusammengewürfelt und rückständig; in ihnen leben zu wenige Europäer und zu viele Mischlinge, Schwarze, Indianer und unterschiedliche verschiedenrassige Mischlinge."

Fragwürdige Formulierungen wie diese lassen den ersten Teil seines Buchs heute nicht mehr besonders anschlussfähig erscheinen.

Zusammenwachsen durch Technik

Interessanter dagegen: der zweite von insgesamt drei Teilen. Marcel Mauss widmet sich darin den internationalen Beziehungen. Er stellt fest, dass die Gesellschaften, die sich im Krieg als Feinde gegenüber gestanden hatten, de facto auf allen Lebensgebieten sehr eng miteinander verflochten sind. Das gelte für Handel und Industrie, ebenso wie für den juristischen, kulturellen oder religiösen Bereich. Doch damit nicht genug:

"Die andere Gruppe von Tatsachen, die allem Anschein nach durch und durch technisch sind und die ich trotzdem hier einordnen möchte, ist die Gesamtheit der zwischenmenschlichen Kommunikationsmittel: Telegrafie [...], Telefon [...], Postdienste, Luftpost [...] Das geistige, materielle und finanzielle Zusammenwachsen durch den Telegrafen und die Presse stellt einen gravierenden Strukturwandel für die Völker selbst dar. Die Augenblicklichkeit und Vollständigkeit, mit der Informationen zur Verfügung stehen, hat zwischen den Nationen zu einer außergewöhnlichen Interdependenz der Sensorien geführt. Sie hören - und wissen - alles, was den anderen widerfährt."

Passagen wie diese erinnern doch sehr an unsere heutige Zeit, die ganz im Zeichen der wirtschaftlichen Globalisierung und digitalen Vernetzung steht.

Frieden durch Föderationen

Marcel Mauss nimmt sogar die Idee einer europäischen Union vorweg, indem der den Internationalismus konsequent und hellsichtig zu Ende denkt:

"Der Geist des Friedens ist vor allem ein föderativer Geist. Nur Föderationen machen ihn möglich. [...] Erst wenn es die Vereinigten Staaten von Europa gibt, wird es Frieden in Europa geben, und erst, wenn es die Vereinigten Staaten der Welt gibt, wird es Frieden auf der Welt geben. Vorher nicht."

 Historische Geste: Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand (l) und Bundeskanzler Helmut Kohl reichen sich am 22.9.1984 über den Gräbern von Verdun die Hand.  (picture-alliance / dpa / Wolfgang Eilmes)Marcel Mauss stellt fest, dass die Gesellschaften, die sich im Krieg als Feinde gegenüber gestanden hatten, de facto auf allen Lebensgebieten sehr eng miteinander verflochten sind. (picture-alliance / dpa / Wolfgang Eilmes)

Eine wichtige Voraussetzung für ein friedfertiges Zusammenleben der Nationen ist aus Marcel Mauss’ Sicht, dass sie dem Kapitalismus Grenzen setzen. Spätestens seit dem ersten Weltkrieg sei der Kapitalismus "monströs und in seinen Funktionen gestört." Den aufstrebenden Nationen rät er deshalb:

"Sie müssen sich auf allen Gebieten selbst verwirklichen, insbesondere ökonomisch. Sie werden die einheimischen Kapitalisten in die Schranken weisen und deren Ambitionen zügeln müssen."

Das Vorbild eines lebendigen Sozialismus'

Einen Kommunismus russischer Prägung, der Privateigentum missachtet, lehnt Marcel Mauss entschieden ab. Große Sympathien hegt er dagegen für die Gewerkschaftsbewegungen in Frankreich, England und anderen europäischen Ländern, deren Geschichte er im letzten Kapitel kenntnisreich Revue passieren lässt. Zukunftsweisend scheinen ihm insbesondere die Konsumgenossenschaften, die eine demokratisch verfasste Wirtschaftsweise vorlebten und kaum profitorientiert seien. Hier sieht Marcel Mauss einen lebendigen Sozialismus am Werk, der für ganze Gesellschaften Vorbild sein könnte.

"Unter Sozialismus versteht man die Ideen, Kräfte und Gruppen, die in einer modernen Nation das gesamte ökonomische Leben regeln wollen. Dieser Prozess vollzieht sich auf dem Weg der Nationalisierung, das heißt der Schaffung eines unter nationaler Kontrolle stehenden industriellen und kommerziellen Eigentums und durch die Schaffung einer Form von Kollektivbesitz."

Eine staatlich kontrollierte Wirtschaftspolitik, die den genossenschaftlichen Geist befördert - Marcel Mauss' soziologische Phantasie hat sich in den hundert Jahren, die vergangen sind, seit er seine Ideen zu Papier gebracht hat, nicht realisiert. Auch hat die zunehmend globalisierte Wirtschaft nicht zwangsläufig zu einem friedlichen Miteinander der Nationen geführt - anders als von Marcel Mauss erwartet.

Dennoch ist das sehr sorgfältig editierte Werk eine gewinnbringende Lektüre. Gerade heute, wo der Chauvinismus des Nationalen wieder salonfähig geworden ist und privatwirtschaftliche Interessen über allem stehen, bietet Marcel Mauss politischen Erfindungsreichtum.

Marcel Mauss. "Die Nation oder Der Sinn fürs Soziale"
Campus Verlag 2017, 360 Seiten, 34 Euro.

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