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Massiver Glaubwürdigkeitsverlust

Der Blitzbesuch von WADA-Generaldirektor David Howman ist eine schallende Ohrfeige für die NADA

Ein Kommentar von Hajo Seppelt

David Howman, Generaldirektor der Anti-Doping-Agentur WADA
David Howman, Generaldirektor der Anti-Doping-Agentur WADA (picture alliance / dpa)

Die Nationale Anti-Doping-Agentur feiert im Herbst ihr zehnjähriges Bestehen. Lange Zeit galt sie als vorbildlich. Der Fall Erfurt ist nun die größte Bewährungsprobe in der Geschichte der Nationale Anti Doping-Agentur.

Der Blitzbesuch von WADA-Generaldirektor David Howman in Deutschland, um in Interviews zu sagen, dass die deutsche NADA im Fall Erfurt ihre Schularbeiten nicht ordentlich gemacht habe, war eine schallende Ohrfeige für die deutsche Agentur. Howman hatte gesagt, die WADA-Aussage, UV-Bestrahlungen des Blutes seien vor 2011 nicht verboten gewesen, könne man getrost ignorieren, denn sie sei in Unkenntnis der umfassenden Sachlage erfolgt. Er übte reichlich Selbstkritik am Procedere innerhalb der WADA, er warf der NADA aber auch vor, nicht alle benötigten Unterlagen zur Überprüfung nach Montreal geschickt zu haben. In dieser Form - quasi von der Kanzel herab - hat es so eine harsche Kritik unter den sonst vermeintlich so verschwiegenen Dopingbekämpfern noch nie gegeben.

Die WADA hat über Jahre verfolgen müssen, wie in der NADA Deutschland die Geschäftsführer regelmäßig ausgetauscht werden mussten, sie hat erleben müssen, wie unter dem Einfluss deutscher Ministerialbeamter europäische Zuschüsse für die Welt-Anti-Doping-Agentur eingefroren wurden. Der Fall Erfurt stellt hingegen vieles davon noch in den Schatten.

Im Frühjahr 2011 berichtete der Deutschlandfunk als erster über den Sportmediziner Franke in Erfurt und dessen Blutbehandlungen bei, wie sich später herausstellte, bis zu 30 Sportlern. Ein staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren war schon längst angelaufen, eine Hausdurchsuchung bei dem Arzt hatte es schon gegeben. Die NADA hatte zu diesem Zeitpunkt längst, wie interner Schriftverkehr belegt, die Auffassung vertreten, dass der Verdacht eines Verstoßes gegen die Anti-Doping-Bestimmungen vorlag. Aber: es wurde nicht ein einziges Verfahren eingeleitet. Sportrechtlich passierte nichts.

Es dauerte ein dreiviertel Jahr, dann berichtete der Deutschlandfunk im Januar 2012 wieder, und - wohl kaum ein Zufall - die NADA erhöhte unmittelbar darauf ihre Aktivitäten wieder. Die Bonner Agentur - im Fall Erfurt fast immer die Getriebene, aber nicht die Antreiberin. Doch je mehr Zeit verging, desto einsilbiger wurde der NADA-Vorstand in dieser Frage - um dann Ende April eilfertig zu verkünden, eine überraschende Mitteilung der WADA, dass das Verbot doch nicht vor 2011 galt, sei richtungsweisend für sie - und zwar ab jetzt. NADA-Justiziar Mortsiefer verschwieg dabei, dass er schon längst zuvor dem Deutschen Leichtathletikverband in einem Brief mitgeteilt hatte, dass er keinen Grund für die Einleitung von Verfahren gegen Sportler sah, die vor 2011 behandelt worden waren. Schon komisch auch, dass er anderthalb Jahre zuvor in einem Brief an die Deutsche Eisschnelllaufgemeinschaft das Gegenteil für richtig hielt. Eine fatale Außendarstellung.

Ein weiteres Beispiel: Im Frühjahr 2011 beauftragt die NADA für teures Geld einen Gutachter, der die Frage des Verbots einschätzen soll. Das Gutachten habe eine hohe Bedeutung heißt es lange. Als der Gutachter dann aber in einer ersten Stellungnahme eine andere Auffassung als die WADA vertritt, sagt der NADA-Vorstand, man wolle den Aufsichtsrat befragen, ob man das fertige Gutachten überhaupt an die WADA weiterreiche und wolle es intern nochmal prüfen lassen. Für einen Wissenschaftler, der eigens für die Expertise beauftragt wurde, eine Ohrfeige.

Sicher, es ist richtig, dass auch die Welt-Anti-Doping-Agentur in der Causa Erfurt keine Bella Figura machte. Die Bedeutung der Thematik für die Definition, was eigentlich Blutdoping im Sinne der Regeln ist, wurde massiv unterschätzt. Die interne Kommunikation innerhalb der WADA muss auch geradezu unterirdisch gewesen sein. Doch - und das unterstreicht auch der WADA-Generaldirektor Howman - die Causa Erfurt ist zunächst ohnehin eine rein nationale Angelegenheit der NADA, sie müsse aktiv werden. Pressesprecher Mertes versucht sein Bestes, versucht als ehemaliger Journalist den Vorstand professionell zu unterstützen, aber die scheinen beratungsresistent zu sein.

Das geht weit über den Fall Erfurt hinaus. Im Februar etwa, als der Runde Tisch zur Dopingbekämpfung des Bundesinnenministers kläglich scheitert, ist sich die NADA-Vorstandsvorsitzende Gotzmann auf dem Podium nicht zu schade, das Treffen höflich und freundlich als gutes Gespräch zu loben. Dabei war es eine beispiellose Klatsche für die NADA, denn die erhofften Geldzusagen für die finanziell stets klamme Agentur wurden in keiner Weise gemacht. Ein starkes Auftreten für eigene Positionen und Interessen sähe anders aus.

Die dürftige finanzielle Situation der NADA darf aber kein Argument sein, im Fall Erfurt zurückhaltend zu agieren. Eine Dopingbekämpfung nach Kassenlage darf es nicht geben.
Der Fall Erfurt ist die in ihrer Geschichte größte Bewährungsprobe der NADA. Die Nationale Anti-Doping-Agentur feiert im Herbst ihr zehnjähriges Bestehen. Grund zum Feiern gibt es im Jahr 2012 kaum.

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