• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kunst & Pop
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Mathias Bröckers, Andreas Hauß: Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11. September22.09.2003

Mathias Bröckers, Andreas Hauß: Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11. September

Verlag Zweitausendeins, Frankfurt, 325 Seiten, 14,90 Euro

Christiane Amanpour zählt zu den profiliertesten Vertreterinnen des amerikanischen Medienbetriebs. Letzte Woche beklagte die CNN Korrespondentin ein von der Regierung Bush während des Irak Kriegs geschaffenes "Klima der Angst" und der Einschüchterung. Es habe die Journalisten davon abgehalten, ihren Job zu machen und die richtigen Fragen zu stellen. Diese erzwungene Selbstzensur habe es der Bush - Administration ermöglicht, in den amerikanischen Medien gefälschte Berichte über angebliche irakische Massenvernichtungswaffen als zentrales Kriegsmotiv zu verkaufen.

Karin Beindorff

Ernst - Otto Czempiel zählt zu den profiliertesten Analytikern der internationalen Politik. Bereits im letzten Jahr listete er in dem bei Beck erschienenen Band "Weltpolitik im Umbruch" Widersprüche und Ungereimtheiten in der offiziellen Darstellung der Terroranschläge vom 11. September auf, analysierte die Instrumentalisierung des Attentats für eine längst beschlossene Aufrüstung sowie Kriegspolitik und befand:

Washington war offensichtlich nicht an mehr, sondern an weniger Aufmerksamkeit für den Hergang des Attentats und seiner Vorbereitung gelegen. Sie hätte die Definitionsmacht schmälern können, über die die Regierung Bush uneingeschränkt verfügen wollte, um aus dem Attentat die gewünschten Folgen ableiten zu können. (...) Das offizielle Desinteresse am Hergang des Attentats, an seinen möglichen Helfershelfern in den Vereinigten Staaten, war so auffällig, dass die summarische offizielle Darstellung von Anfang an von verschiedenen Seiten in Zweifel gezogen worden ist.

Einer dieser Zweifler ist Mathias Bröckers. Bereits im letzten Jahr legte der ehemalige taz - Redakteur bei Zweitausendeins den schnell zum Bestseller avancierten Band "Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9." vor. Nun hat Bröckers nachgelegt und zusammen mit Andreas Hauß einen auf neuen Recherchen basierenden Nachfolgeband herausgebracht. "Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11. September" ist der überschrieben.

‚Watch what You say’, ‚Passen Sie auf, was Sie sagen’, hatte Präsidentensprecher Ari Fleischer zu Journalisten nach den Attentaten am 11. September 2001 gesagt. Bröckers und Hauß ignorierten diese Drohung und spielen seither die Ermittler im wohl brisantesten Kriminalfall der Gegenwart. Die Bush-Regierung, so einer ihrer Befunde, tue alles dafür, jede ernsthafte Ermittlung zu blockieren:

Ohne die unter dem Siegel der ‚nationalen Sicherheit’ gebunkerten materiellen Beweismittel jedoch lässt sich dieser Kriminalfall nicht lösen, und so können wir mit diesem Buch nicht beweisen, wer die Anschläge des 11. September wirklich begangen hat. Was wir aber belegen können, ist, dass es kein isoliertes ‚islamistisches’ Kommando war, von dem das 21. Jahrhundert in eine neue Dimension des Terrors gebombt wurde, sondern ein von den Geheimdiensten sowie der Militärführung der USA und ihren Verbündeten zumindest unterstützter Plot.

Die These des umstrittenen, aber gut verkauften Buches lautet also: Möglicherweise hat die gegenwärtige Regierung der USA selbst fast 3000 Menschen in den Tod geschickt, vielleicht hat sie es nur geduldet, weil es ihren machtpolitischen Interessen in den Kram passte. Mit ihrem Indizienbeweis stellen sich die Autoren abseits der amtlichen und von nahezu allen Medien übernommenen Version: Osama bin Laden und sein Netzwerk AlQuaida steckten hinter den vier Flugzeugbomben von New York, Washington und Pennsylvania, und die so hochbezahlten und -gerüsteten Geheimdienste der USA hätten bei der möglichen Verhinderung eben ‚Fehler gemacht’.

Beim hiesigen Publikum stößt diese amtliche Verschwörungstheorie allerdings zunehmend auf Unglauben: 68 Prozent der Deutschen glauben nach einer Umfrage, über die wahren Details der Anschläge nicht vollständig unterrichtet zu sein, 19 Prozent immerhin meinen, dass die US-Regierung selbst hinter den Attentaten stecke. Das aber scheint die etablierten Medien nicht etwa zu selbstkritischer Reflexion zu ermuntern und die Frage nach dem offensichtlichen Verlust ihrer Glaubwürdigkeit aufzuwerfen, sondern führt zu wutschäumenden Ausfällen gegen eine handvoll Rechercheure, die zu anderen Ergebnissen gelangen, als die von der US Regierung und ihren Spindoctors gestreuten. Bröckers, Hauß und andere Skeptiker gelten der Mehrheit der Kollegen deshalb als Verrückte, paranoide Amerika-Hasser und Antisemiten obendrein. Bequemerweise streuen tatsächlich gestörte Rechtsextreme wie der NPD-Anwalt Horst Mahler die Behauptung, hinter den Attentaten stecke die allseits bekannte jüdische Weltverschwörung. Ohne das explizit zu behaupten, rückt man hierzulande nun in perfider Weise auch Bröckers und Hauß in die Nähe solchen Unfugs. Im diesem Buch jedenfalls gibt es keinerlei Anhaltspunkte für antisemitische Vorurteile.

Eins kann indes als sicher gelten: die Version der AlQuaida/Bin Laden-Verschwörung stammt auch nicht aus unabhängiger journalistischer Recherche, sondern direkt aus US-amerikanischen Regierungsquellen. Überprüft werden konnte sie bis heute kaum, denn es gibt in den USA keine öffentlichen kriminalistischen Ermittlungen in diesem Fall. Schlimmer noch, die massive Einschränkung der Bürgerrechte in den USA sorgt für Einschüchterung aller, die der Regierung misstrauen und das von den US-Medien erzeugte nationalistische Klima setzt Regierungskritiker unter großen Druck.

Alle Journalisten und Autoren müssen sich an Zeitungsmeldungen, Interviews, Zeugenberichte, Expertenspekulationen und das Internet halten, sofern sie nicht von Geheimdienstmitarbeitern und Spindoctors der herrschenden Politiker gespickt werden. Letzteres trifft auf Bröckers und Hauß gewiss nicht zu. Sie halten sich nahezu ausschließlich ans Internet, in dem sich in der Zwischenzeit alle in öffentlichen Medien erwähnten Äußerungen wieder finden lassen.

In einer kleinteiligen Puzzlearbeit, die den Leser gelegentlich schwindlig macht, versuchen die Autoren, diese öffentlich verfügbaren Informationen zusammenzusetzen und zu strukturieren. Organisierendes Prinzip ist dabei die Suche nach Widersprüchen: Wieso behauptet der Präsident, er habe am 11. September um 8.45 Uhr einen Notfallplan in Gang gesetzt, wenn er doch nachgewiesenermaßen noch um 9 Uhr in einer Schulklasse in Florida sich Ziegengeschichten vorlesen ließ, sich nicht einmal nach der ihm ins Ohr geflüsterten Mitteilung eines Mitarbeiters über die Anschläge in New York eiligst erhob, um seiner Verantwortung als Oberbefehlshaber nachzukommen? Warum saß Verteidigungsminister Rumsfeld, bereits von den Attacken auf das Welthandelszentrum informiert, noch in seinem Büro im Pentagon und telefonierte seelenruhig in tagespolitischen Angelegenheiten? Und warum debattierte er um 9 Uhr an diesem Tag, eine Viertelstunde nachdem die erste Maschine in den Nordturm des World Trade Centers gerast war, mit seinem Stellvertreter Wolfowitz und Senatoren über den Verteidigungshaushalt, anstatt sich in den für solche Krisenfälle vorgesehenen Raum zu begeben? Warum hat die Luftabwehr, die nach festgelegten und hundertfach trainierten Plänen funktioniert, in allen vier Fällen versagt? Wieso standen in der von CNN unmittelbar nach den Anschlägen veröffentlichten Passagierliste Namen von Menschen, die noch nie auf dem betreffenden Flughafen waren, und warum wurden die Namen der angeblichen 19 arabischen Terroristen nie auf diesen Listen veröffentlicht? Von sechs der angeblichen arabischen Terroristen heißt es bekanntlich, sie seien noch am Leben. Immerhin hatte der saudische Außenminister persönlich nach einem Treffen mit Bush vor der Presse am 20. September gesagt, dass nachweislich fünf Namen auf der Täterliste falsch seien, also nichts mit den Ereignissen zu tun hätten? Alles nur Namensverwechslungen? Warum hat das FBI die Originallisten noch nicht vorgelegt, die doch über jeden Flug existieren und zum Einchecken unerlässlich sind? Warum soll der angeblich bewusst in den Tod fliegende und mit einem Ticket ausgestattete Mohammed Atta eine Pilotenuniform, einen Koran, diverse Flugunterlagen und vor allem sein angebliches Testament als Gepäck aufgegeben haben, wohlwissend, dass das alles beim Attentat in Rauch aufgehen würde? Und ausgerechnet seine Tasche soll nicht von einer Maschine in die andere umgeladen worden sein?

Dutzendweise fördern die Autoren derartige Widersprüche und Merkwürdigkeiten zutage, stellen die Kinderfrage nach dem Warum und bemühen den kriminalistischen Spürsinn, spekulieren über technische Details. Da mag manch Kuckucksei dabei sein, doch ganz unplausibel ist der gezogene Schluss eben nicht: dass nämlich die angeblich rein islamistische Mord - Operation ihre US-amerikanischen Schutzpatrone gehabt haben muss. Können Geheimdienste, die jahrelang mit islamistischen Terroristen gemeinsame Sache gemacht haben, wirklich so ahnungslos gewesen sein?

Die lautstärksten und ausfälligsten Kritiker dieser Schlussfolgerung sind nun ausgerechnet die, die sich besonders gerne etwas auf ihre investigative Arbeit zugute halten, allen voran der Spiegel, das einst so kritische Fernsehmagazin Panorama und der Enthüllungsguru Hans Leyendecker von der Süddeutschen. Sie, und fast alle anderen auch, haben seit dem 11. September in seltsamer Übereinstimmung die amtliche Verschwörungstheorie vom Drahtzieher Osama bin Laden weitgehend ungeprüft kolportiert, und sind den tatsächlichen Ungereimtheiten nicht mit der in anderen Fällen an den Tag gelegten Verve nachgegangen. Der Spiegel hat sogar ein (allerdings weniger gut verkauftes) 9/11-Buch herausgebracht, in dem der Eindruck erweckt wird, die Reporter seien in jeder Sekunde dabei gewesen. Es scheint, als fühle man sich nun in diesen Redaktionsstuben von Bröckers, Hauß und Co. auf den Schlips getreten, weil bei der Missachtung journalistischer Grundregeln ertappt.

Die von den beiden Autoren herausgearbeiteten Indizien, und mehr als Indizien sind es nicht, haben allerdings einen ganz anderen Haken: sie klingen einigermaßen unglaublich. Kann man sich wirklich vorstellen, dass die Bush-Regierung zu einem derartigen Verbrechen fähig wäre oder es auch nur bewusst geschehen ließe? Und wie viele Mitwisser hätte es dabei geben müssen, die heute ein Risiko darstellen würden? Denkt man weiter, fallen einem unwillkürlich die Kriegsverbrechen in Laos und Kambodscha, die Pentagon-Papiere, der Kennedy-Mord, der Watergate Skandal, der US-gestützte faschistische Putsch in Chile, die Iran-Contra Affäre, die Stimmen-Manipulation bei der Bush-Wahl, die gezielten Lügen zur Legitimierung des Irak-Krieges und die neuen Erkenntnisse zum Angriff auf Pearl Harbour ein, und man stellt schnell fest, dass der verheerende Glaubwürdigkeitsverlust der US-amerikanischen Außenpolitik Spekulationen über Regierungsverbrechen geradezu provoziert. Schließlich wäre es ja nicht das erste Mal, dass auch demokratische Politiker über Leichen gehen. Und hatten nicht Rumsfeld und Wolfowitz in einem Strategiepapier längst vor 9/11 Andeutungen darüber gemacht, dass die Durchsetzung der von ihnen ins Auge gefassten Strategie für die weltweite Herrschaft der Supermacht USA durch einen terroristischen Angriff befördert würde? Werden in Washington nicht längst demokratische Institutionen außer Kraft gesetzt, um eine mafiöse Melange aus politischer Clique und Konzerninteressen an der Macht zu halten? Kann da sein, was nicht sein darf?

Mit dem ‚Patriot-Act’, der gesetzlichen Einschränkung der zuvor in den USA zurecht so hochgehaltenen Informationsfreiheit hat die Bush - Regierung dem ohnehin vorhandenen Misstrauen erst richtig Nahrung gegeben. Eine Antwort auf die Frage nach den Hintergründen der September - Attentate wird es deshalb nur geben können, wenn die ins Visier geratene Supermacht alle Dokumente herausgibt, die zur Aufklärung der Attentate und ihrer Hintergründe beitragen können. Bis dahin vernebelt es die politische Diskussion eher weiter, wenn Journalisten Journalisten als Verschwörungsidioten und Antisemiten beschimpfen. Was hatte der Präsidentensprecher Ari Fleischer gesagt: ‚Watch, what you say.’

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk