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Mazedoniens schwieriger Weg zur Demokratie

Der Vielvölkerstaat will EU-Mitglied werden

Von Andrea Beer

Eine mazedonische Fahne weht im Wind
Eine mazedonische Fahne weht im Wind (AP)

Wie die meisten der Nachfolgestaaten Jugoslawiens ist Mazedonien ein Flickenteppich aus unterschiedlichen Volksgruppen. Auch wenn sie seit Jahren weitgehend friedlich zusammenleben, sind Spannungen an der Tagesordnung. Auch in Sachen Demokratie hat das Land noch Defizite. Viele Mazedonier wünschen sich deshalb mehr Druck aus Brüssel.

Die Menschen schlendern durch den frühen Sommerabend von Skopje - und damit durch viele Baustellen. Denn die Stadt soll schöner werden: Erklärtes Ziel der mazedonisch–albanischen Koalitionsregierung von Ministerpräsident Grujewsikl. Ein besseres Ziel wäre mehr Demokratie! meint Branko Dschordschewski, Vizechefredakteur beim "Dnevnik", der auflagenstärksten Zeitung im Land. Er bestellt sich ein kleines Bier und legt los:

"Seit der Unabhängigkeit vor 20 Jahren wechseln sich die Parteien an der Macht mehr oder weniger ab – und ich kann keinen Fortschritt erkennen bei der Demokratisierung. Unsere Parteien sind reine Interessensgemeinschaften, in denen mächtige Parteichefs alles diktieren."

Politische Debatten finden nicht statt und Alternativen haben keine Chance, regt sich Branko Dschordschewski auf und bringt die interessante Zahl 38 ins Spiel. Obwohl die politische Elite nur die eigenen Interessen bedienen würde, seien 38 Prozent der Einwohner Mazedonien Mitglied einer Partei! Komisch? Nein.

"Es zeigt, dass die Menschen eines verstanden haben: Wenn sie nicht in einer Partei sind, bekommen sie keine Arbeit, keine gute Schulbildung für ihre Kinder oder können keine Geschäfte machen – nur weil sie keine Parteimitglieder sind.""

Eine Straße weiter machen Menschen eine Arbeit, für die sicher kein Vitamin B nötig ist . Flink wie Wiesel durchsuchen sie die stinkenden Mülleimer der dunklen Hinterhöfe nach Essen oder Altpapier – die meisten sind Roma aus den armseligen Hütten am Stadtrand. Viele verdingen sich auch auf dem nahegelegenen Romamarkt als fliegende Händler, so wie dieser Mann:

""Ich wohne hier aber ich bin arbeitslos, und diese Sachen hier zu verkaufen, ist der einzige Weg, den ich habe, um zu überleben."

Deswegen lebe ich auch seit 20 Jahren in Österreich, meint Schellal Jascherow – der gerade auf Urlaub in Skopje ist. Roma seien Bürger zweiter Klasse – nach Mazedoniern und Albanern - obwohl sie sich durchaus auch verstehen würden.

Trotzdem hat sich die Lage der Roma verbessert, meint er noch. Im Viertel gibt es eine Schule – eine zweite wird gebaut.

Bauen – bei diesem Wort geht Dschavid Nasiri der Hut hoch, obwohl sein Laden für gebrauchtes Baumaterial glänzend laufen müsste angesichts der vielen Baustellen in Skopje. Doch der Albaner winkt ab:

"Auf der anderen Seite, wo die Mazedonier sind, da wird viel gebaut und investiert, aber bei uns auf der albanischen Seite wird nichts gemacht."

Dschavid Nassiri war früher Lehrer – bis zum Fast-Krieg 2001 zwischen Albanern und Mazedoniern. Nach dem Friedensabkommen machte er dann den Laden auf. Wir haben jetzt zwar mehr Rechte in der Bildung oder in der Politik, aber wir Albaner sind benachteiligt, meint der kleine schmale Mann im staubigen T-Shirt.

Albaner Mazedonier oder Roma: Alle fühlen sich benachteiligt, meint der Politikjournalist Branko Dschor-Dschweski. Diese ethnische Spaltung hat natürlich viele Gründe, doch die Politik könnte weit mehr dagegen tun, findet der Journalist und setzt dabei eigentlich auf Brüssel – denn Mazedonien ist ja EU Beitrittkandidat - aber:

"Lange habe ich gehofft, das sich viele dieser Probleme erledigen, wenn Mazedonien erst einmal EU-Mitglied ist, aber jetzt befürchte ich, dass wir in einer Art Paketlösung mit anderen aufgenommen werden könnten. Und dass sich trotzdem überhaupt nichts ändern wird an den Demokratieproblemen, also dass wir so eine Art Ungarn werden könnten."

Andererseits macht dem Journalisten der Druck aus Brüssel auf Ungarn oder Rumänien Hoffnung. Seine Hoffnung auf Feierabend hingegen macht ein Anruf zunichte, und Branko Dschord-Schewitsch eilt zurück in die Redaktion – während die anderen weiter schlendern durch den Sommerabend Skopje.



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