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StartseiteDLF-MagazinMeinungsmache11.03.2010

Meinungsmache

Bloggerkrieg im NRW-Wahlkampf

Die sogenannte Sponsoringaffäre hat dem Image des NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers stark geschadet. Zur Aufdeckung beigetragen haben mitunter sogenannte Blogger, die in Internet-Foren anonym ihre investigativen Recherchen veröffentlichen. Dahinter stecken oftmals namhafte Journalisten.

Von Bernd Dicks

Blogger fordern mehr kritischen Journalismus im Netz.   (AP)
Blogger fordern mehr kritischen Journalismus im Netz. (AP)

"Dass wir heute hier diskutieren, ist kritischen Medien zu verdanken. Es ist richtig, wenn Journalisten öffentlich machen, was nicht in Ordnung ist."

NRW Ministerpräsident Jürgen Rüttgers gestern Mittag im NRW-Landtag. Auf der Tagesordnung einer aktuellen Stunde steht die Sponsoringaffäre.

Doch wenn er zu Beginn die "kritischen Medien" würdigt, meint er in diesem Fall nicht die etablierten Zeitungen, Magazine und Rundfunkanstalten.

Vielmehr meint er eine Gruppe von Journalisten, die mit sogenannten Blogs im Internet Skandale aufdecken, interne Dokumente aus der CDU-Parteizentrale und der Staatskanzlei präsentieren und damit den Ministerpräsidenten und seine Partei in arge Erklärungsnöte bringen.

Die Blogs heißen: Wir-in-NRW-Blog, Ruhrbarone oder Post von Horn und sind, mit Ausnahme der Ruhrbarone, erst seit wenigen Monaten aus dem digitalen Erdboden des Web 2.0 erwachsen.

Web 2.0, das Mitmacht-Internet, bei dem man auch ohne große Programmierkenntnisse schnell mal Texte, Bilder und Dokumente ins Netz setzen kann, bietet den Machern eine neue Publikationsplattform.

Denn, so sagen es zumindest die Macher des Wir-in-NRW-Blogs, es sei Zeit für einen kritischen Journalismus im Netz, da die traditionellen Medien zu einer gewissen Hofberichterstattung der Regierung neigen würden.

Klingt paradox, wenn man bedenkt, dass beispielsweise hinter dem Wir-in-NRW-Blog erfahrene Journalisten stecken sollen, die allesamt für renommierte Tageszeitungen schreiben und dort auch Themen und Recherchen anbieten könnten.

Frontmann des Blogs Wir-in-NRW ist Alfons Pieper, früher war er Vizechefredakteur der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", eines Blatts also, das damals jedenfalls nicht durch übergroße Distanz zur SPD auffiel, als die in Nordrhein-Westfalen noch regierte. Heute, da die CDU in Düsseldorf regiert, stellt Blogger Pieper fest, dass in den alten Medien kein Platz mehr für eine regierungskritische Berichterstattung sei. Warum das so ist, das will er aber nicht unverblümt sagen:

"Da müssen Sie die Chefredakteure der anderen Zeitungen fragen. Die müssten sich zumindest mal fragen, warum es so viele Leute gibt, die auf unseren Blog springen. Das kann doch nur damit zusammenhängen, dass bei den Zeitungen irgendetwas – sagen wir mal so - versäumt wird. Ich hätte da eine Meinung, aber die will ich hier nicht veröffentlichen, denn ich bin nicht der Oberlehrer für andere Medien."

Keine Frage: Die Recherchen, die man in Piepers Blog findet, sind hoch investigativ, haben eine große Relevanz und sind durch die Beschuldigten kaum zu widerlegen. Da lässt sich nachlesen, wie Boris Berger, die rechte Hand des Ministerpräsidenten, Jürgen Rüttgers zum Arbeiterführer an Rhein und Ruhr umfrisierte. Oder wie CDU-Generalsekretär Hendrik Wüst seinen Boss an Sponsoren zu vermieten versuchte. Das kostete ihn seinen Job. Und seit gestern lässt sich in weiteren durchgestochenen Dokumenten nachlesen, wie Angestellte der Staatskanzlei Parteiarbeit für Rüttgers CDU erledigten. Die Serie von enthüllten Skandalen und Skandälchen hat bei der nordrhein-westfälischen CDU sieben Wochen vor der Landtagswahl zu Panikattacken geführt. Umso wichtiger die Frage: Warum werden sie in einem privaten Blog statt in einer renommierten Zeitung veröffentlicht?

An der Bezahlung scheint es nicht zu liegen. Denn die Autoren bekommen nach eigener Auskunft keine Honorare für ihre Artikel. Und auch, wenn in den Blogs Wir-in-NRW und bei den Ruhrbaronen vor allem gegen die CDU polemisiert wird, weisen die Autoren den Verdacht der Parteilichkeit zurück. Nein, der Antrieb für den Blog, so Pieper, sei vielmehr persönlicher Natur:

"Ich gebe zu, es hat einen Vorfall gegeben, der hat mich sehr geärgert. Das war der Brief des Regierungssprechers Wichter an den Focus-Chefredakteur und Herausgeber Helmut Markwort. In dem hat sich Herr Wichter über die Berichterstattung des Düsseldorfer Bürochefs Karl-Heinz Steinkühler beschwert. Und das ist nicht in Ordnung. Die Politik soll sich raushalten aus der Arbeit der Redaktion und das war eine ganz klare Einmischung."

Nun versetzt Pieper mit seinem Blog also die NRW-CDU in Angst und Schrecken. Gleichwohl: sein neues mediales Baby zieht auch Kritik auf sich. Alle Autoren mit Ausnahme Piepers schreiben unter Pseudonym. Das ist zumindest ungewöhnlich. Zwar verbürgt sich Pieper für seine verborgenen Journalisten, dennoch rätselt ganz Düsseldorf, wer sich wohl hinter so bekannten Tarnnamen wie Kasper Hauser, Theobald Tiger oder Peter Panter verbirgt. Alle drei Pseudonyme hat schon Kurt Tucholsky benutzt. Ob er sich je hätte träumen lassen, dass seine Pseudonyme einmal Ursache dafür sein würden, dass im Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern am Rhein nun das schiere Misstrauen herrscht?

Darüber hinaus kämpfen die Neu-Blogger in NRW auch mit den technischen Tücken des Web 2.0.

Einige Dokumente, die den Bloggern zugespielt und veröffentlicht wurden, sind nicht ausreichend anonymisiert.

Mit ein wenig Recherche kann man ohne Weiteres jenes nordrhein-westfälische Unternehmen identifizieren, in dessen Büros die geheimen Papiere eingescannt und dann an die Macher des Blogs verschickt wurden. Gut möglich also, dass die fieberhafte Suche nach dem Maulwurf in der NRW-CDU, an der auch die Staatsanwaltschaft beteiligt ist, nicht mehr lange dauert.

Nicht zuletzt geht es aber auch um Eitelkeiten der Blogs untereinander.

Eitelkeiten, die fast alle Journalisten haben, die aber in der Bloggerszene einen noch größeren Stellenwert besitzen, gibt David Schraven, einer der Ruhrbarone zu:

"Bei Blogs ist das noch potenziert, weil hier nicht der Titel der Zeitung im Vordergrund steht, sondern der Blog, also das eigene Produkt."

Im Zuge ihrer Aufklärungsarbeit sind sich die Blogger sehr rustikal in die Haare geraten. Ruhrbaron Schraven kündigte vollmundig neue Enthüllungen an, was die Wir-in-NRW-ler mit beißendem Spott beantworteten. Was Schraven wiederum konterte mit kritischen Anmerkungen zum anonymen Wirken der Gegenseite. So oder so: Schraven bleibt bei seiner Ankündigung: Bald gibt´s neue Enthüllungen. Ob die aber zu allererst bei den Ruhrbaronen auftauchen, ist noch nicht sicher:

"Ich weiß nicht, ich denke mal, ich werde die erstmal in einer normalen Zeitung bringen und dann mit möglichst vielen Dokumenten in den Ruhrbaronen."

So oder so: 60 Tage sind es noch bis zur Wahl in Nordrhein-Westfalen. Wem die Zeit bis dahin zu lang wird, der kann sie sich vertreiben, mit regelmäßigen Besuchen bei hochpolitischen und konkurrierenden Bloggern.

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