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Menschenhandel in Europa

Mühsamer Kampf der EU gegen ein Milliardengeschäft

Von Markus Dichmann

Endstation Rotlicht
Endstation Rotlicht (AP)

Menschenhandel in Europa ist eine Industrie. Schätzungen gehen von einer Million Opfern aus, darunter vor allem Mädchen und Frauen. Die zuständige EU-Koordinatorin wirbt für mehr Zusammenarbeit der Länder, um die Hydra der Kartelle wirkungsvoller bekämpfen zu können.

"Es ist eine lange Geschichte. In Rumänien war ich mit einem Mann zusammen, sieben Jahre lang. Seine Mutter und seine Schwester sind 2002 nach Belgien gekommen, um hier als Prostituierte zu arbeiten. Aber ich wusste das damals nicht."

Theodora war zu der Zeit Mitte 20. Nur ein Jahr später schickt sie ihr eigener Mann aus der Heimat nach Brüssel und zwingt auch sie zur Prostitution. Für die zierliche, blonde Frau beginnt ein Leben in Sklaverei: 300 Euro muss Theodora jede Woche nach Rumänien schicken, und von dem, was übrig bleibt, ihr Leben gestalten. Sie spricht damals noch kein Französisch, ist abhängig von gefälschten Ausweisen und Dokumenten, die ihr Mann organisiert, und lebt in ständiger Angst vor der Polizei.
Zu behaupten "Theodoras Schicksal sei kein Einzelfall", wäre eine gnadenlose Untertreibung. Der Menschenhandel ist eine Industrie.

"Nun, ich würde sagen: Diese Form des organisierten Verbrechens ist eines der einträglichsten illegalen Geschäfte weltweit. Die Vereinten Nationen rechnen mit wenigstens 32 Milliarden Dollar Profit pro Jahr für die Menschenhändler."

Sagt Myra Vassiliadou. Vor zwei Jahren wurde sie zur EU-Koordinatorin für die Bekämpfung des Menschenhandels ernannt. Ein Kampf, für den sie sich eine Strategie zurecht gelegt hat, die bis 2016 auch greifen soll. Sie beruht vor allem auf mehr Zusammenarbeit. So sind sich die EU-Staaten bisher nicht einmal einig, ab wann – juristisch betrachtet – überhaupt von Menschenhandel die Rede sein kann. Und gerade bei der Verfolgung scheitern die Behörden regelmäßig, denn der Menschenhandel macht nicht vor Grenzen halt. Die Kartelle sind eine Hydra: Schlägt man den einen Kopf ab, wächst ein anderer nach.

Myra Vassiliadou: "Sie sind organisiert und sehr mobil. Wir haben von Netzwerken in Rumänien gehört, von chinesischen Gangs und Banden aus dem westlichen Balkan. Aber ich muss Sie warnen: Sie sind so gut organisiert, dass sich die Netzwerke ständig verändern und verschieben – nach ihren eigenen Märkten und Preisen."

Vorsichtige Schätzungen gehen von beinahe einer Million Menschen in Europa aus, die in dieser modernen Form der Sklaverei leben. Die meisten Opfer sind Frauen. Oder noch Mädchen: 16 Jahre alt, entführt nach der Schule in einem kleinen Ort in der Nähe von Kiew.

Sophie Jekeler: "Sie wurde von der russischen an die türkische Mafia verkauft. Sie wurde in einem Haus festgehalten und gezwungen, jeden Tag 30 Freier zu empfangen. Sie bekam jeden Tag nur ein Glas Wasser und durfte nur einmal die Woche duschen. Ich weiß nicht, ob sie sich vorstellen können, was das für ein junges Mädchen bedeutet."

An dieses Mädchen erinnert sich Sophie Jekeler. Sie arbeitet für Semilia, eine Organisation, die sich in Brüssel um Opfer des Menschenhandels kümmert - direkt vor der Haustür der EU. Sophie Jekeler ist seit 1994 in dem Bereich tätig. Sie weiß, dass es keine typische Opfergeschichte gibt. Aber:

"Was wir feststellen können, ist, dass es ein wirtschaftliches Problem ist. Die Frauen sind nicht selbstständig, können ihre Kinder nicht ernähren. Und deshalb müssen sie das Land verlassen und akzeptieren alles. Im Wissen, dass sie ausgebeutet werden."

So erging es auch der Rumänin Theodora. Unter anderem mit der Hilfe von Semilia hat sie sich 2008 befreien können. Inzwischen ist sie 35, lebt weiterhin in Brüssel mit ihrem Sohn und einer kleinen Tochter. Sie sagt, die Vergangenheit habe sie akzeptiert, und kann sich dabei ein Lächeln abringen. Vergessen kann und wird sie sie aber nicht.

Theodora: "Natürlich, das hinterlässt Spuren für dein ganzes Leben. Aber es geht, heute bin ich frei. Ich habe meine Familie, meinen Sohn hier bei mir. Er kennt die Geschichte. Aber die Spuren werden natürlich nie ganz verschwinden."



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