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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenVielfalt in den Schulen27.02.2014

MigrationVielfalt in den Schulen

Wie gehen Schulen mit der Einwanderung um? Wie können Lehrer auf die Mehrsprachigkeit im Klassenzimmer reagieren? Fragen, mit denen das Bildungssystem immer mehr konfrontiert wird. Das neue Zentrum für Bildungsintegration an der Universität Hildesheim feierte seine Gründung mit einer internationalen Auftaktkonferenz zum Umgang mit migrationsbedingter Vielfalt an Schulen vor.

Von Dörte Hinrichs

Schülerin mit Migrationshintergrund meldet sich im Unterricht (dpa / Waltraud Grubitzsch)
Schüler mit Migrationshintergrund werden von ihren Lehrern oft unterschätzt (dpa / Waltraud Grubitzsch)
Weiterführende Information

Muttersprachen-Unterricht in der Schule (Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 21.02.2014)

Der Präsident der Stiftung Universität Hildesheim, Professor Wolfgang-Uwe Friedrich brachte es in seiner Begrüßungsrede auf den Punkt: Das Bildungssystem habe eine Schlüsselrolle für eine gerechte und wirtschaftlich erfolgreiche Entwicklung eines Landes. Dass wir seit der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 immer noch keine Bildungsgerechtigkeit haben, ist auch in den Augen der niedersächsischen Wissenschaftsministerin Dr. Gabriele Heinen-Kljajic beschämend. Das neugegründete "Zentrum für Bildungsintegration - Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften" an der Universität Hildesheim, soll deshalb eine wichtige Forschungslücke schließen, so die Leiterin des Zentrums, Professor Viola Georgi:

"Das heißt, wir wollen uns anschauen, weshalb Bildungsbenachteiligung in Deutschland systematisch verankert ist und welche strukturellen Barrieren wir abbauen müssen, damit mehr Menschen an Bildung teilhaben und partizipieren können. Wichtig ist auch, dass wir uns nicht nur als wissenschaftliche Plattform verstehen, sondern wir wollen auch eine Plattform sein, in der wir vernetzten, zivilgesellschaftliche, kulturelle, auch politische Akteure, die in diesem Handlungsfeld aktiv sind. Also wir wollen zusammenarbeiten mit Migranten-Selbstorganisationen, Nichtregierungsorganisationen aus dem Bildungsbereich, mit Stiftungen, die hier aktiv sind, mit unterschiedlichen Communitys, das ist uns ganz wichtig, auch mit Schulen. Das heißt wir wollen auch wirklich einen Transfer in die Praxis gestalten."

Woher kommen Vorurteile?

An 36 Universitäten in Deutschland spielt interkulturelle Bildung inzwischen eine Rolle, in 23 davon wird sie jedoch nur im Wahlbereich angeboten. An der Universität Bremen zum Beispiel ist interkulturelle Bildung ein wichtiger Baustein in der Lehrerausbildung und wird als Schlüsselkompetenz für Lehrende in einer globalisierten Welt gesehen. Der Bremer Erziehungswissenschaftlerin Professor Yasemin Karakasoglu geht es dabei auch darum, Stereotypen und Vorurteilen auf den Grund zu gehen:

"Zum Beispiel der kleine türkische Macho oder das verschüchterte kleine Türkenmädchen mit Kopftuch oder die ehrgeizige, russische, bildungsorientierte Mutter, die ihre Kinder nicht zum Nachmittag Freizeit gestalten lässt, sondern nur Hausaufgaben machen lässt. Das sind so stereotype Bilder über bestimmte nationale Kulturen, wie wir glauben, dass sie existieren. Und es ist unsere Aufgabe, anhand von Fallbeispielen deutlich zu machen, was das eigentlich mit unseren Schülern macht, wenn wir sie so einseitig als Repräsentanten von Kulturen sehen. Und woher unsere Bilder kommen?"

Während das Thema Islamfeindlichkeit inzwischen recht erfolgreich aufgearbeitet werde, gebe es in an deren Bereichen noch Handlungsbedarf:

"Antiziganismus ist ein neues Thema: Die Frage der Roma und Sinti, die Bilder, die uns die Medien über diese Gruppe, wie wir meinen, vermitteln und dann die Klagen von Lehrerinnen und Lehrer darüber, dass das eine besonders schwierige Gruppe in der Schule sei. Und unsere Lehramtsstudierenden, die dann Angst haben in der Schule mit solchen Gruppen konfrontiert zu werden, weil sie so sehr wirkmächtige Bilder im Kopf haben von nicht beschulbaren, gegen Bildung eingestellten, sozial deprivierten Großgruppen. Und das ist unsere Aufgabe zu sagen: Woher kommen unsere Bilder über die sogenannten Zigeuner? Wieso transportieren wir die immer noch?"

Stereotype beeinflussen die Benotung

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass es hier immer noch Defizite gibt in der Selbstreflexion von Lehrern und dass deren Erwartungen die Leistungen der Schüler beeinflussen. Die Anforderungen an Lehrkräfte in einer Einwanderungsgesellschaft, das machte der Kongress deutlich, werden immer komplexer. Georgi:

"Sie brauchen Kompetenzen in Deutsch als Zweitsprache, denn sie müssen mehrsprachige Sozialisation begleiten können. Das heißt sie brauchen Kenntnisse über Sprachentwicklung und sprachdiagnostisches Know-how, um die Kinder wirklich optimal zu fördern. Und das gilt nicht nur für die Deutschlehrerin und den Deutschlehrer, sondern auch für den Mathelehrer, den Sportlehrer oder den Kunstlehrer. Sie brauchen aber auch methodisch- didaktische Fähigkeiten im Umgang mit Heterogenität, das heißt Sie müssen in der Lage sein, wirklich Schüler individuell zu begleiten, deren Lernstand zu erfassen, zu interpretieren, zu bewerten und auch zu beurteilen. Sie brauchen auch Wissen über das soziale Phänomen Migration, also über die rechtlichen, politischen, historischen, ökonomischen und motivatonalen Zusammenhänge."

Da können Lehrer mit Migrationserfahrungen möglicherweise gute Vermittler sein. Doch die kulturelle Vielfalt in den Klassenräumen spiegelt sich noch lange nicht in den Lehrerzimmern wieder. Professor Viola Georgi hat in einer empirischen Studie 250 Lehrkräfte mit Migrationshintergrund nach ihren Bildungsbiografien und Berufsmotivationen befragt. Während ein Teil von ihnen sich in erster Linie als Fachlehrer versteht und nicht als mehrsprachiger Sozialarbeiter an Schulen, sehen sich andere durchaus als Rollenvorbild, sagt Georgi:

"Unsere Interviews zeigen, dass sich viele hier engagieren: Dass sie Anwaltschaft für Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien übernehmen, dass sie Rassismus auch aufdecken und anprangern. Und viele gaben auch sehr direkt an, dass sie gezielt Jugendliche mit Migrationshintergrund fördern in der Schule, dass sie auf deren Lernstand achten. Dass sie sie sprachlich begleiten, und dass sie sich für ihren Bildungserfolg engagieren."

Problemfall Sport

Professor Vera Volkmann, Sportwissenschaftlerin an der Universität Hildesheim, hat selber lange Sport unterrichtet an einer sehr heterogenen Gesamtschule in Bielefeld. Zur Zeit leitet sie ein Projekt über "SportlehrerInnen mit Migrationshintergrund: Bildungsintegration und Sport aus biografischer Perspektive". Dabei hat sie in den Interviews auch den Bildungsweg einer Lehrerin verfolgt, die gerade über den Sportunterricht viele positive Erfahrungen gesammelt hat:

"Sie ist heute an einer ländlichen Hauptschule in Nordrhein-Westfalen beschäftigt und ist die erste Lehrerin mit Migrationshintergrund dort an dieser Schule gewesen und hat da eine ganz große Aufbauarbeit geleistet. Durch bestimmte Projekte hat sie es hinbekommen, dass der Anteil an Mädchen, die im Alter der Pubertät eben häufig nicht mehr am Sportunterricht teilnehmen, sich verweigern, von den Eltern dann auch eine Entschuldigung dafür bekommen, sodass die Schule auch Schwierigkeiten hat zuzugreifen. Dass sie im Grunde genommen durch bestimmte Maßnahmen es erreicht hat, dass diese Mädchen Sport treiben."

Diese und ähnliche Erfahrungen gibt die Sportwissenschaftlerin an ihre Studierenden weiter, um sie für kulturelle Besonderheiten, Ausgrenzungsphänomene und die integrative Kraft des Sportunterrichts zu sensibilisieren. Lehrer mit Migrationshintergrund müssen dabei übrigens nicht automatisch interkulturell kompetenter sein als Kollegen, die diese Erfahrung nicht haben. Interkulturelle Kompetenz, so die einhellige Meinung auf dem Kongress, kann jeder lernen. Und gleichzeitig können wir von anderen Nationen lernen. Zum Beispiel von Canada, einem klassischen Einwanderungsland. David Montemurro von der Universität Toronto:

"Seit den 1970ern haben wir eine multikulturelle Politik, die stark betont, dass Menschen Raum brauchen für den Ausdruck ihrer Kultur und ihrer Sprachen. Innerhalb des Schulsystems hat sich die Diskussion über Multikulturalität hin zu einer Diskussion um Inklusion und Gerechtigkeit entwickelt. Denn die Menschen haben gemerkt, dass multikulturelle Herangehensweisen oft oberflächlich sind. Sie feiern die kulturellen Unterschiede, aber ignorieren die Tatsache, dass diese Personen nicht den gleichen Zugang haben zu Macht, Ressourcen und Erfolg. In den letzten 10-15 Jahren gibt es eine größere Aufmerksamkeit für die Ungerechtigkeiten innerhalb des Systems."

Eine Schule für alle

Die Schüler an einer Schule kommen teilweise aus bis zu 18 verschiedenen Nationen und - anders als bei uns - lernen sie bis zum Schulabschluss gemeinsam. Dadurch haben Kinder aus Einwandererfamilien bessere Bildungschancen. Und auch die Bildungsrichtlinien, Lehrpläne und Schulbücher sind nach interkulturellen Gesichtspunkten überarbeitet, das heißt sie berücksichtigen vielfältige Perspektiven unterschiedlicher Gruppierungen und versuchen, Stereotypen zu vermeiden. In der Türkei dagegen ist die Diskussion über interkulturelle Bildung noch am Anfang, schilderte Dr. Cigdem Bozdag, von der Universität Istanbul:

"Es ist schwierig, die Unis oder die Fakultäten für Lehrerbildung zu transformieren, und zu interkultureller Bildung wird wirklich ganz wenig gemacht. Und die Lehrer sind selbst sehr wenig vorbereitet, wenn sie in eine Klasse reingehen, wo dann sehr viele zum Beispiel kurdische Kinder sitzen, die dann begrenzt türkisch sprechen oder aus einem anderen kulturellen Hintergrund kommen."

Die Kommunikationswissenschaftlerin forscht gerade in einem deutsch-türkischen Schulprojekt zum gemeinsamen Englischunterricht. Ein Beispiel für neue Wege in der interkulturellen Bildung dank neuer Kommunikationstechniken:

"Die arbeiten über Skype. Die machen das jeden Freitag beispielsweise in einer bestimmten Stunde. Die Schüler sind in der siebten Klasse und die Lehrer verabreden sich in Skype jeden Donnerstagabend und besprechen, was sie in dem Unterricht jeweils machen wollen. Da geht es hauptsächlich um die Praxis von Englisch auch. Aber die finden gemeinsame Themen, beispielsweise Nikolaus oder Neujahr usw. ähnliche Themen. Und bereiten den Unterricht auch gemeinsam vor und führen das dann am nächsten Tag mit den Schülern durch. Das war glaube ich auch sehr interessant für die Schüler hier mit türkischem Hintergrund, dass sie gesehen haben, also wir können jetzt auch hier mit der Türkei eine Verbindung aufbauen, und die haben zum Teil auch übersetzt, da hatten die eine starke Rolle. Das war für die glaube ich auch interessant zu zeigen: Also Türkisch zu kennen kann auch ein Vorteil sein, auch in der Schule." 

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