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Migration
Muttersprachen-Unterricht in der Schule

Mehr als jeder vierte Schüler in Nordrhein-Westfalen hat einen Migrationshintergrund. Sie können im sogenannten herkunftssprachlichen Unterricht ihre Muttersprache lernen. Das verbessert die Leistung der Kinder auch in anderen Fächern.

Von Katharina Heinrich | 21.02.2014

    Die Lehrerin Hava Kolbasi (l) unterrichtet am Dienstag (19.02.2008) an der Katharina-Henoth Gesamtschule in Köln in einer 11. Klasse türkischstämmige Schüler in ihrer Muttersprache. An der Schule wird Türkisch im Unterricht als zweite Fremdsprache angeboten.
    Türkischunterricht an einer Gesamtschule in Köln (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
    Nachmittags in der Overbeckgrundschule in Köln-Ehrenfeld. Während die einen Schüler auf dem Schulhof toben, sitzen die anderen in der Klasse bei Augusta Da Costa über ihren Heften:
    "Also Schreiben macht mir Spaß, in Portugiesisch und auch wir haben ein Portugiesischbuch und da drin arbeiten macht auch ganz viel Spaß",
    sagt Laura Santos. Zusammen mit elf Schülern lernt sie im sogenannten Herkunftssprachlichen Unterricht Portugiesisch, ihre Muttersprache. Es ist ihre siebte Schulstunde. Lauras Eltern kommen aus Brasilien. Die Mutter ihrer besten Freundin Clara Redshaw-Kranich auch, die den Unterricht besucht:
    "Weil ich lernen muss, wie man Portugiesisch spricht und mein Verwandten kommen aus Brasilien. Und manchmal kommen die hierhin und wir treffen uns dann."
    So wie Laura Santos und Clara Redshaw-Kranich haben rund 27 Prozent aller Schüler in Nordrhein-Westfalen einen Migrationshintergrund. Wenn sie wollen, können sie ihre Muttersprache von der ersten bis zur Zehnten Klasse lernen. Freiwillig. In NRW wird diese spezielle Sprachförderung in 16 Sprachen angeboten. Damit ist das Land im Vergleich zu anderen Bundesländern gut aufgestellt. Clara Redshaw-Kranich spricht zu Hause sogar drei Sprachen: Portugiesisch, Deutsch und Spanisch:
    "Weil meine Eltern, also mein Papa kommt aus Peru und meine Mama aus Brasilien."
    Für den Spanischunterricht müsste Claras Vater sie quer durch die ganze Stadt fahren. Das kostet aber zu viel Zeit. So bleibt es halt nur bei Portugiesisch. Auf dem Zeugnis hat das Mädchen in Deutsch und Portugiesisch eine Eins. Aber Claras Vater kommt es nicht auf die Note an, sondern vor allem auf gute Grammatik, die seine Kinder auch anwenden können:
    "Ich würde gerne, dass sie das richtig sprechen lernen."
    Leichter auch andere Sprachen lernen
    Außerdem wird im Herkunftsprachlichen Unterricht über Themen gesprochen, die in den Familien so nicht angesprochen werden. Die Lehrerin Augusta Da Costa greift in Portugiesisch zum Beispiel Umweltprobleme auf, wenn gerade im Sachkundeunterricht darüber gesprochen wird. Sie hat beobachtet, dass ihre Schüler, wenn sie gut in Portugiesisch sind, auch leichter eine andere Sprache lernen. Sogar Englisch:
    "Aber dann es gibt einen großen Einfluss in Englisch, obwohl man denkt, dass ist eine Sprache, die weit von Portugiesisch entfernt ist, aber dann die Schüler merken, dass Sprachen nur eine große Familie sind. Und sie können alle diese Verbindungen in allen Sprachen sehen. Und das ist spitze. Wenn man diesen Punkt erreicht."
    In NRW nehmen 61.000 Schüler an diesem Extra-Unterricht teil. Also etwa jeder Zehnte. Bis zum 10. Schuljahr bekommen sie wöchentlich bis zu fünf Stunden. Das sei zu wenig, sagt Tayfun Keltek, Vorsitzender des Kölner Integrationsrates. Es könnten grundsätzlich mehr Stunden sein. Auch in anderen Sprachen, wenn sich das Land entschließen würde, den Herkunftssprachlichen Unterricht verbindlicher festzuschreiben. Die Muttersprache richtig zu lernen sei für die Kinder besonders wichtig:
    "Wissen Sie, wenn man früh genug den Kindern das Gefühl gibt, dass ihre von zu Hause mitgebrachten Kompetenzen wertlos sind, nicht in die Schule gehören, dann entfalten die Kinder auch kein Selbstbewusstsein."
    Die Teilnahme am Herkunftsprachlichen Unterricht ist freiwillig. Aber die Schüler können damit schlechte Noten in einer Fremdsprache wie Englisch ausgleichen. Die Entscheidung zum Herkunftssprachlichen Unterricht muss politisch gewollt sein, sagt Tayfun Keltek:
    "Gucken wir mal in Köln die Schulen an. Wir hatten massenweise Realschulen. In keiner Realschule wird Türkisch anstatt einer zweiten Fremdsprache angeboten. Das wäre die minimalste Möglichkeit, die man anbieten kann."
    Eigentlich sei es nicht hinnehmbar, dass Russisch und Türkisch zum Beispiel als zweite Fremdsprache nicht häufiger angeboten würden, obwohl es so viele Kinder mit diesem Migrationshintergrund gebe, sagt Keltek. Denn wenn man die Muttersprachen als gleichwertige Sprache in der Schule etabliere, stärke man Kinder mit Migrationshintergrund in ihrem Selbstwertgefühl und eröffne ihnen später größere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt.