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StartseiteSport am Wochenende"Mit n'em wackeligen Busen“21.05.2011

"Mit n'em wackeligen Busen“

Das DFB-Verbot des Frauenfußballs 1955 und die Folgen

Zwar hatten die Väter der Bundesrepublik 1949 die Gleichberechtigung von Mann und Frau ins Grundgesetz geschrieben. Der Alltag sah nach dem Krieg jedoch ganz anders aus – auch im Fußball. So führt der DFB lange einen erbitterten Kampf gegen die emanzipatorischen Steilpässe des vermeintlich "schwachen Geschlechts".

Von Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza

Heute selbstverständlich: Frauen im DFB-Trikot. (AP Archiv)
Heute selbstverständlich: Frauen im DFB-Trikot. (AP Archiv)

Als nach dem "Wunder von Bern" 1954 die faszinierten Frauen und Mädchen selbst dem runden Leder hinterher laufen und kicken wollen, wird das Weltbild der Fußballfunktionäre schwer erschüttert. Mit aller Macht und mit allen Mitteln möchten die Verbandsoberen das Eindringen der "Damen" in den männlichen Strafraum verhindern. Im Sommer 1955 versucht der Deutsche Fußball-Bund kurzerhand, mit einem Verbot der Damen-Fußball-Plage Herr zu werden:

"Im Fußballspiel zeigt sich in spielender Form der Wert der männlichen Welt. Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen… Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob darum Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich."

Zu dieser Erkenntnis gelangt 1953 der Psychologe F. J. J. Buytendijk in seiner Studie zum Fußballspiel. Damit spricht er vielen seiner Zeitgenossen und vor allem konservativen Fußballfreunden aus der Seele.

Viele Mädchen jedoch kicken schon von Kindesbeinen an mit Brüdern und Freunden auf der Straße oder in Hinterhöfen. Und als 1954 Deutschlands Fußballer überraschend das "Wunder von Bern" schaffen und Weltmeister werden, möchten die faszinierten Mädchen und Frauen auch selber mal Steil-, Quer- und Kurzpässe ausprobieren. Die Bild-Zeitung in Hamburg spricht von einem regelrechten "Fußball-Sturmlauf auf Stöckelschuhen".

Zur Hochburg des Frauenfußballs wird das Ruhrgebiet. Von hier blickt man besonders interessiert ins benachbarte Holland, wo sich Mitte 1955 bereits zahlreiche Damenfußball-Clubs gegründet haben. Der Deutsche Fußball-Bund jedoch winkt ab. DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens, der sowohl in der Weimarer Republik als auch unterm Hakenkreuz als Funktionär maßgeblich für die "Männersache Fußball" tätig war, ist davon überzeugt, dass Fußball kein Frauensport ist. Er hält Damenfußball in Deutschland für indiskutabel:

"Wir werden uns mit dieser Angelegenheit nie ernsthaft beschäftigen. Das ist keine Sache für den DFB."

Immer häufiger aber wird über Spiele berichtet, Teams wie Gruga Essen, Fortuna Dortmund oder 1. FC Mönchengladbach locken mehrere Tausend Zuschauer in die Stadien. Auf Antrag des Fußballverbandes Niederrhein muss sich der DFB am 30. Juli 1955 auf seinem Bundestag in Berlin dann doch mit dem Thema Damenfußball beschäftigen. Die Herren Funktionäre stellen fest:

"Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand."

Schließlich wird aus "ästhetischen Gründen und grundsätzlichen Erwägungen" und unter Androhung von Strafe bei Zuwiderhandlung der Beschluss gefasst:

"unseren Vereinen nicht zu gestatten, Damenfußball-Abteilungen zu gründen oder Damenfußball-Abteilungen bei sich aufzunehmen, unseren Vereinen zu verbieten, soweit sie im Besitz eigener Plätze sind, diese für Damenfußballspiele zur Verfügung zu stellen, unseren "Schieds- und Linienrichtern zu untersagen, Damenfußballspiele zu leiten."

Dr. Hubert Claessen, Rechtsanwalt und langjähriges DFB-Vorstandsmitglied, ist im Juli 1955 als Delegierter in Berlin mit dabei:

"Mädchenfußball, dat war ja für die schon schwere Sünde, dass die Mädchen da mit nem wackeligen Busen übers Feld liefen und dann auch noch gegen den Ball traten oder sich foulten gegenseitig, das waren ja alles Vorstellungen für die alten Herren, die sagten, das ist unmöglich. Weil eine Frau weder physisch noch psychisch noch seelisch für einen solchen Kampfsport geeignet ist."

Christa Kleinhans, die damals bei Fortuna Dortmund mit dem Fußballspielen angefangen hatte, regt sich noch heute über die frauenfeindliche Haltung der DFB-Herren auf:

"Das war diskriminierend für uns gewesen. Und beschämend für den DFB. Das war wohl ein Zeichen der Zeit, dass die Frauen einfach auf dem Fußballplatz nichts zu suchen hatten. Das war dermaßen schäbig, gemein, wie man uns behandelt hat, ja, also das ist zwar schon jetzt 50 Jahre her, aber so was bleibt einem dann in Erinnerung."

Aber die fußballbegeisterten Frauen lassen sich das Kicken nicht verbieten. Die zahlreichen Teams in der ganzen Republik trotzen dem DFB-Verbot und spielen weiter – auf kommunalen Plätzen, was oft aber auch mit Widrigkeiten verbunden ist, wie Renate Bress von Fortuna Dortmund erzählt:

"Dann bekamen wir n städtischen Platz, die Kabinen gehörtem dem Westdeutschen Fußballbund, die bekamen wir natürlich nicht. Also, nach dem Spiel hatte man uns das Wasser abgedreht, wir mussten uns erst mal woanders umziehen und dann kam die Feuerwehr mit Schüsseln, Wasser wurde eingelassen, da durften wir uns dann so notdürftig waschen."

Der DFB lässt nichts unversucht. In seinem unerbittlichen Kampf gegen den "Damenfußball", interveniert er sogar beim Deutschen Städtetag. Der solle doch bitte auch die kommunalen Fußballplätze für die Kickerinnen sperren. Mit Hinweis auf die verfassungsrechtlich verankerte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau erteilt die Vertretung der Kommunen dem Fußballverband jedoch eine Abfuhr.

Zu den Spielen der Frauen kommen vorwiegend männliche Zuschauer. Anfangs müssen sich die weiblichen Fußballpioniere wie Erika Flügge und Helga Nell von Rhenania Essen oder Waltraud Christian von Fortuna Dortmund einiges gefallen lassen:

"Da kamen wirklich Kommentare. Also, da möchte ich heute gar nicht mehr dran denken. Die blöden Weiber, die sollen lieber am Kochtopf bleiben! Und dann sagte der nächste: 'Guck mal, dat sind doch alles Mannweiber.' Alles war ja neugierig, Damenfußball und so, ja, und dann musste man schon mal sich die Backe abputzen, wurde man angespuckt, waren immer so n paar Quertreiber. Mein erstes Spiel, das war natürlich ein großes Gelächter, ja das hab ich jetz noch in den Ohren, als wir aufliefen, wie dort gelacht wurde. Guckse dir mal an wie se aussehen und dann auch vonne Figur her, also das war grausam."

Doch nach dem Spiel ernten die Fußball-Damen meist uneingeschränktes Lob und Anerkennung. Die Herren Zuschauer sind überrascht – und zum Teil begeistert. Auch das Presse-Echo ist durchweg positiv. Die technischen, taktischen und spielerischen Qualitäten der Kickerinnen überzeugen. Sogar eigene Damen-Fußball-Verbände werden gegründet und bis Ende der 60er Jahre finden über 150 Länderspiele statt. Die deutschen Frauen treten gegen Teams aus Holland, Österreich, Italien und gegen England an, wie etwa im Juli 1957 in Stuttgart. Ein Ausschnitt aus der Wochenschau:

"Deutschland gegen England hieß der neueste Schlager im unaufhaltsamen Ausverkauf holder Weiblichkeit. Englands Damenelf besann sich von Anfang an auf eine ruhmreiche Fußballtradition und ging 1:0 in Führung. Unermüdlich drängten sich die Insel-Damen im gegnerischen Strafraum, aber angestachelt durch echte Hausfraueninstinkte hielten die Deutschen ihr Nest sauber. Der Ausgleich erfolgte nach dem Prinzip der Gleichberechtigung, und der stürmische Beifall der Männerwelt trieb die Amazonen zu immer neuen Taten an."

Erst 15 Jahre nach seinem Verbotsbeschluß, im Oktober 1970, als in Deutschland etwa 60.000 Frauen und Mädchen Fußball spielen und einen eigenen Verband gründen wollen, beugt sich der DFB dem Druck und beschließt die Aufhebung des Damenfußball-Verbotes.

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