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StartseiteKultur heuteMit Sprengkraft von Wagner und Nietzsche17.05.2013

Mit Sprengkraft von Wagner und Nietzsche

Uraufführung von Moritz Eggerts Oper "Tragedy of a friendship" in Antwerpen

"Ich habe ihn geliebt!", sagte Friedrich Nietzsche, geistig umnachtet, wenn man Richard Wagner erwähnte. Jan Fabres Uraufführung von "Tragedy of a Friendship" an der Opera in Antwerpen erzählt mit brachialer Gewalt und intensiven Momenten von der Beziehung zwischen dem Komponisten und dem Philosophen.

Von Jörn Florian Fuchs

Gerade indem er mit Ruhe und Konzentration arbeitet, erzeugt Jan Fabre in seiner Inszenierung von "Tragedy of a friendship" Ekstase.  (La Monnaie)
Gerade indem er mit Ruhe und Konzentration arbeitet, erzeugt Jan Fabre in seiner Inszenierung von "Tragedy of a friendship" Ekstase. (La Monnaie)

Der Intendant der Vlaamse Opera kommt ganz in Weiß an diesem Abend. Aviel Cahns Anzug wirkte auch noch zur mitternächtlichen Premierenfeier frisch und unversehrt, während die ebenfalls schneeweißen Kleidungsstücke der Akteure arg leiden mussten. Dies lag vor allem an diversen Körperflüssigkeiten, denen Stoffe wie Menschen ausgesetzt waren.

Belgiens Theaterkrawallo Jan Fabre hat wieder zugeschlagen und bietet in seiner über dreistündigen Performance "Tragedy of a Friendship" einen wüsten, wütenden Mix aus viel Gewalt und Sex, mit nur wenigen ruhigen Momenten.

Es geht vorgeblich um Richard Wagner, Friedrich Nietzsche und ihre – letztlich gescheiterte – Freundschaft, Nietzsche entwickelte sich ja vom fanatischen Adepten zum radikalen Gegner des Gesamtkunstwerkers. Librettist Stefan Hertmans recherchierte und assoziierte zwar reichlich zu diesem Thema, doch Jan Fabres bewusst anti-narrative Haltung lässt lediglich Handlungs-Glutkerne entstehen.

Immerhin treffen sich Wagner und Nietzsche gelegentlich zu gemeinsamen Taten, gemeinschaftlich wird vergewaltigt oder in voller Bergsteigermontur die ebene Bühne durchrobbt. Dort stechen zwei transparente, bauchige Kolben ins Auge, in denen viel geturnt wird, die aber auch als Projektionsfläche für Filme dienen.

Fabre und Hertmans spinnen einen roten, chronologischen Faden für ihre Expedition, sie beginnt mit Wagners frühen "Feen" und endet beim "Parsifal". Jeder Wagneroper geben die Macher einen hübschen Untertitel mit auf den Weg, Rienzi ist zum Beispiel "Held und Terrorist", im Rheingold wird ein "Drachenlied" angestimmt, und beim Parsifal geht es statt um Erlösung um den "Tod der Musik".

Letztere ist freilich höchst lebendig, Moritz Eggert schrieb nämlich einen fulminanten Soundtrack, der zwischen filmisch ausgreifenden Passagen und intimen, klaustrophoben Klangräumen auch Wagnersche Themen aufgreift, allerdings in Form von sehr freien Bearbeitungen und wie improvisiert wirkenden Variationen.

Daneben gibt es intelligente Anspielungen auf Mahler, die Spätromantiker sowie eine vermutlich höchst ernst gemeinte Parodie neuester Töne, wie sie auf einschlägigen Festivals zu hören sind. Die Musik kommt zwar vom Band, doch das flämische Opernorchester hat exzellente (Aufnahme-)Arbeit geleistet. Neben üppigen Orchesterfarben setzt Eggert quasi solistisch Harmonium, Cello und ein traumschön jammerndes Theremin ein.

Das Publikum nahm dieses Spektakel verhalten freundlich auf, allerdings gab es immer wieder Fluchtbewegungen, beispielsweise während der minutenlangen Sexualfolter einer splitternackten jungen Frau, die anschließend skalpiert wird und ihr eigenes Fleisch verspeisen muss. Bei den "Meistersingern" wird ein halbes Dutzend nackter Damen mit Rosen höchst intim 'verziert', außerdem gibt es eine kreischende, in knisternde Alufolie gepackte Meerjungfrau, allerlei Spielchen mit Kerzenwachs oder eine endlose Masturbationschoreografie.

Nach einiger Zeit nutzen sich Fabres Stilmittel arg ab, stark wird der Abend vor allem dort, wo Fabre Ekstase internalisiert, indem er mit Ruhe und Konzentration arbeitet. Andererseits entstehen gerade durch die brachiale Bühnengewalt immer wieder intensive Momente, die der Sprengkraft Wagners und Nietzsches auf eigenwillige Weise doch nahekommen.

In Kürze tourt diese Produktion, vielleicht arbeitet Fabre ja an der einen oder anderen Stelle noch etwas nach und kürzt manch Redundantes. Eggerts Umcodierung des Rheingold-Vorspiels oder seine jazzig verzerrte Meistersingermusik darf natürlich bleiben – eigentlich sollte sie Frank Castorf in seine Bayreuther Ring-Inszenierung einarbeiten.

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