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StartseiteForschung aktuellMit Vollgas ins Treibhaus29.09.2005

Mit Vollgas ins Treibhaus

Forscher sehen schlechte Chancen für einen moderaten Klimawandel

<strong>Umwelt. - Der weltweite Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid, so eine Studie von Fachleuten, hat einen neuen Höchststand erreicht. Hamburger Klimaforscher errechneten für den UNO-Klimarat aus den Daten die wahrscheinlichen Folgen: demnach erwärmt sich das Weltklima so schnell wie nie zuvor.</strong>

Von Volker Mrasek

Nur drastische Kohlendioxid-Reduktionen können den Klima-GAU noch abwenden. (AWI)
Nur drastische Kohlendioxid-Reduktionen können den Klima-GAU noch abwenden. (AWI)

Eine gewisse Wegstrecke hat der Klimawandel schon zurücklegt. Seit Beginn des Industriezeitalters ist die bodennahe Lufttemperatur um 0,7 Grad Celsius gestiegen, global gemittelt. Es fehlen noch 1,3 Grad, dann wäre ein Schwellenwert erreicht, den Wissenschaftler für kritisch halten. Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung:

"Der Zielpunkt ist gegenwärtig die Vermeidung einer Temperaturerwärmung um mehr als zwei Grad. Wenn wir über zwei Grad hinausgehen, dann sind die globalen Schäden so groß, dass man sie kaum noch beherrschen kann."

Doch nun legen Klimaforscher die Ergebnisse neuer Modellsimulationen für das 21. Jahrhundert vor. Und ernüchtert stellen sie fest:

"Momentan sieht es nicht so aus, als wäre das Ziel erreichbar."

Erick Roeckner forscht am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Unter seiner Leitung wurden die neuen Klima-Szenarien gerechnet. Auftraggeber ist der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), der Sachverständigenrat für Klimafragen der Vereinten Nationen. 2007 will er seinen dann vierten Bericht zur Lage vorlegen. Deshalb die neuen Simulationen nicht nur in Hamburg, sondern in insgesamt 15 Klimarechenzentren weltweit. Die Ergebnisse der deutschen Forscher liegen schon jetzt auf dem Tisch. Mit einer moderaten Erderwärmung ist demnach kaum noch zu rechnen:

"Wir landen ungefähr bei vier Grad, etwas über vier Grad, am Ende dieses Jahrhunderts - global. Und im besten Falle bei zweieinhalb Grad. Die Arktis ist am stärksten betroffen. Da sehen wir Temperaturänderungen gegenüber heute von bis zu zehn Grad im Jahresmittel. Das liegt einfach daran, dass ein Teil des Meereises schmilzt. Und wenn das kalte Meereis verschwindet und durch relativ warmes Wasser ersetzt wird, dann bekommt man natürlich relativ große Temperaturunterschiede."

Wie alle anderen Arbeitsgruppen fütterten die Max-Planck-Forscher ihren Supercomputer mit drei verschiedenen Szenarien. Das optimistischste geht davon aus, dass die Industriestaaten das Kioto-Protokoll erfüllen und ihren Kohlendioxid-Ausstoß wenigstens um einige Prozentpunkte drosseln. Doch selbst dann wird sich die Erde weiter erwärmen, und zwar um mehr als 1,3 Grad, wenn man Erich Roeckner und dem Hamburger Modell glauben darf. Mit seinem Ergebnis steht es allerdings nicht allein:

"Vier Modelle in Europa zeigen Temperaturänderungen zwischen 2,5 und 4 Grad."

Um so größer ist nun die Sorge, dass die kritische Zwei-Grad-Marke vielleicht schon bald überschritten wird. Doch was droht überhaupt in diesem Fall? Hinweise finden sich im ersten Entwurf für den neuen IPCC-Sachstandsbericht. Demnach wären zwei Grad plus im globalen Mittel zum Beispiel zu viel für Grönland. Sein Eispanzer würde beginnen, komplett und unaufhaltsam abzuschmelzen. Noch früher könnte das Schelfeis der West-Antarktis in großem Stil abtauen. Solche Prozesse ziehen sich zwar über Jahrhunderte hin, oder sogar noch länger. Am Ende aber läge der Meeresspiegel mehrere Meter höher als heute. Nach wie vor wandert ein Teil des Kohlendioxids in den Ozean und wird in Kohlensäure umgewandelt. Auch das geht vermutlich nicht mehr lange gut, glaubt Hans-Joachim Schellnhuber. Es sei damit zu rechnen, ...

"... dass die Übersäuerung des Ozeans durch Kohlendioxid wahrscheinlich einen großen schlafenden ökologischen Riesen wecken wird mit allen möglichen negativen Effekten für die Integrität der Ökosysteme."

In diese Richtung deuten auch die Ergebnisse einer Studie im Fachmagazin "Nature". Darin berichten Meeresforscher jetzt, dass der Ozean durch den Kohlendioxid-Eintrag viel schneller versauert als bisher angenommen. Am stärksten sei der Effekt in den Polarmeeren. Dort seien wichtige Mitglieder der Nahrungskette bedroht: Kaltwasserkorallen, Seegurken und bestimmte Meeresschnecken könnten noch in diesem Jahrhundert verschwinden, schreiben die Autoren der Studie - unter ihnen Wissenschaftler vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Auch sie würden wohl unterschreiben, was Meteorologe Erich Roeckner nun um so energischer fordert: eine ernsthafte Energiewende ...

"Weg von fossilen hin zu erneuerbaren Energieträgern. Eine weitere Zunahme des Verbrauchs von fossilen Energieträgern ist vom Klimastandpunkt aus nicht mehr vertretbar."

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