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StartseiteBüchermarktEin Appell sich politisch einzumischen26.01.2018

Moderate Dystopie von Juli ZehEin Appell sich politisch einzumischen

Mit ihrem neuen Buch "Leere Herzen" entführt Juli Zeh uns ins Jahr 2025: Eine rechtspopulistische Bewegung ist an der Macht und die Protagonistin des Zukunftthrillers versucht, demokratische Werte zu retten. Die Plausibilität des Plots hat für unsere Rezensentin allerdings unter der Wucht der Botschaft gelitten.

Von Dina Netz

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Buchcover: Juli Zeh: "Leere Herzen" (Buchcover: Luchterhand Verlag, Foto: Thomas Müller / Luchterhand)
Viel politisches Gepäck im neuen Roman von Juli Zeh (Buchcover: Luchterhand Verlag, Foto: Thomas Müller / Luchterhand)
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Jede politisch engagierte Autorin, die eine Botschaft hat, geht ein Risiko ein: Das Risiko, dass ihre Bücher wie Thesenpapiere klingen. Juli Zehs Bücher haben häufig eine Neigung dazu, so auch der neue Roman "Leere Herzen". Darin rettet Zeh bzw. ihre Protagonistin Britta nichts weniger als die demokratischen Werte. Das ist viel politisches Gepäck für einen Roman, der auch noch als Thriller funktionieren soll. Und in der Tat leidet die Plausibilität des Plots unter der Wucht der Botschaft.

Die Ausgangsidee hingegen ist originell: Britta und Babak betreiben eine psychotherapeutische Praxis namens "Die Brücke", in der sie vorgeblich Selbstmord-Kandidaten von ihrem Plan abbringen. In Wirklichkeit aber hat der Computer-Experte Babak einen komplexen Algorithmus entwickelt, der im Internet die entschlossensten Kandidaten aufspürt. "Die Brücke" vermittelt sie an Kunden, in deren Auftrag sie einen Anschlag verüben - an Islamisten oder radikale Öko-Aktivisten zum Beispiel. Mit diesem morbiden Geschäftsmodell haben Britta und Babak viel Geld gemacht, und sie können sich sogar noch damit brüsten, die Zahl der Opfer reduziert zu haben. 

"Britta liebt ihre Arbeit. Sie hat viel mit Menschen zu tun, lebt selbstbestimmt und tut eine Menge Gutes. Die Rettung von potenziellen Selbstmördern macht mit Abstand den größten Teil ihrer Tätigkeit aus. Sofern Attentäter vermittelt werden, ist die ,Brücke‘ auf einen strengen Kodex verpflichtet - begrenzte Opferzahlen, sorgfältige Vermeidung von Eskalation, keine Kollateralschäden."

"Leere Herzen" spielt im Jahr 2025

Dass man auf Selbstmord ein lukratives Geschäft aufbauen kann, klingt vielleicht erst einmal abstrus. In der Roman-Logik und im gesellschaftlichen Rahmen des Buches erscheint dieses Modell aber durchaus glaubhaft: "Leere Herzen" spielt im Jahr 2025; eine rechte, antidemokratische "Besorgte-Bürger-Bewegung" stellt die Regierung, eine Art professionellere AfD. Die wenigen, die nichts mit den Rechtspopulisten anfangen können, haben sich ins Private zurückgezogen (oder begehen eben Selbstmord, siehe oben). Brittas Freundin Janina zum Beispiel kauft mit ihrer Familie ein Häuschen im Grünen. Britta selbst führt mit Mann und Tochter ein spießiges Familienleben in Braunschweig. Politische Themen sind tabu:

"Langsam ist Britta genervt. Auch wenn sie aus beruflichen Gründen gezwungen ist, Politik in groben Linien zu verfolgen, findet sie nicht, dass man privat darüber reden muss. Ganz offensichtlich hat Knut nicht verstanden, dass Politik wie das Wetter ist: Sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht, und nur Idioten beschweren sich darüber. Dunkel erinnert sie sich, dass das einmal anders war. Sie sieht sich in einer Wahlkabine stehen und voller Überzeugung ihr Kreuz machen. Sie weiß, dass sie die Frage, wen man wählen soll, damals mit anderen diskutiert hat und dass ihr die Antwort wichtig erschien. Wann das gewesen ist, weiß sie nicht mehr so genau; definitiv vor Flüchtlingskrise, Brexit und Trump, lange vor der zweiten Finanzkrise und dem rasanten Aufstieg der Besorgte-Bürger-Bewegung. In einer anderen Zeit."

Alle Figuren haben im Grunde "leere Herzen", es mangelt ihnen an Zielen und Idealen. "Die Wahrheit ist, dass seit Jahren niemand mehr weiß, was er denken soll", heißt es an anderer Stelle. Angela Merkels Regierungszeit liegt im Buch einige Jahre zurück, aber über Deutschland liegt noch mehr Mehltau als damals. Juli Zehs Roman ist eine moderate Dystopie: Sie schreibt unsere heutige politische und soziale Wirklichkeit fort und spitzt sie nur wenig zu. Eine deutliche Warnung an uns 2018er, es nicht so weit kommen zu lassen.

Die Thriller-Handlung ist allerdings nicht immer plausibel

Auslöser für die eigentliche Thriller-Handlung ist ein Anschlag auf den Leipziger Flughafen, über den Britta und Babak nicht informiert waren. Dass irgendwelche Gegner der "Brücke" das Attentat verübt haben, ist Britta und Babak sofort klar. Es gelingt ihnen aber nicht, sie auszumachen. Stattdessen planen sie eine eigene, spektakuläre Aktion, die ihre Vormachtstellung als "Terror-Vermittler" sichern soll.

Die Thriller-Handlung ist allerdings nicht immer plausibel. Zum Beispiel kommen die beiden Männer, die das Attentat auf den Leipziger Flughafen verübt haben, unter mysteriösen Umständen ums Leben. Dass das irgendetwas mit Brittas und Babaks Nachforschungen zu tun hat, liegt auf der Hand. Trotzdem gehen sie über diese beiden Tode ziemlich nonchalant hinweg. Wohingegen sie, als die dritte Leiche auftaucht, abrupt in den Untergrund gehen. Als ein Geheimdienst-Mitarbeiter sie in ihrem Unterschlupf aufspürt, sperren sie ihn kurzerhand in den Keller – seltsamerweise kommt er allein, und niemand scheint ihn zu suchen. Es wirkt so, als habe Juli Zeh aus Thriller-Elementen Krücken gebaut, die ihr politisches Anliegen transportieren sollen. Die eigentliche Geschichte humpelt dabei allerdings ziemlich voran.

Das liegt auch daran, dass Zeh ihre Figuren so holzschnittartig zeichnet. Babak ist ein schwuler Informatiker mit irakischen Wurzeln – außer diesen biografischen Informationen bleibt er blass. Und auch auf Britta, die als Hauptfigur die Geschichte eigentlich tragen müsste, verwendet Zeh nicht viel Mühe. Sie beschreibt sie als Karrierefrau, die pragmatisch an ihr Leben herangeht: Der Familienalltag muss vor allem funktionieren, der Job soll das Geld für ein bequemes Leben abwerfen. Dass Britta ein wenig hohl und zum Teil überzeichnet wirkt, hat wohl auch damit zu tun, dass sie symptomatisch für ihre Zeit stehen soll: Die Menschen im Jahr 2025 sind haltlos und selbstsüchtig. Und Britta hat ständig Bauchschmerzen: 

"Du quälst dich dauernd", sagt Julietta. "Du denkst, du kannst die Leere in dir auskotzen. Aber Leere kann man nicht auskotzen. Man muss sie füllen."

Damit Britta stellvertretend für eine ganze Generation stehen kann, verleiht Zeh ihr keine individuellen Züge. Das macht aber Britta ziemlich uninteressant, und die Dialoge geraten dadurch manchmal zu Phrasen.

Interessante Denkübung in Sachen Demokratie

Sprachlich gibt es auch sehr schöne Passagen im Roman, vor allem wenn Juli Zeh konkrete Szenen beschreibt. Doch dann "braust" Britta wieder mit dem Fahrrad einen Berg hinunter oder "entnimmt" zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank. Auch mit der Sprache nimmt Zeh es leider nicht immer so genau.

Der Schluss ist eine interessante Denkübung in Sachen Demokratie, über die Kategorien Gut und Böse und die Frage, wie sie in komplizierten Zeiten überhaupt noch zu fassen sind. Spannende Themen für einen Thriller – wenn "Leere Herzen" denn als solcher funktionieren würde. Juli Zehs Buch ist eher ein verzweifelter Appell in arg strapazierter Romanform, sich politisch einzumischen oder zumindest zur Wahl zu gehen.

Juli Zeh: "Leere Herzen"
Luchterhand Literaturverlag, München, 352 Seiten, 20 Euro.

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