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StartseiteForschung aktuell"Genaue Prognosen zum Vulkan sind ganz schwierig"27.11.2017

Möglicher Ausbruch auf Bali"Genaue Prognosen zum Vulkan sind ganz schwierig"

Schon dreimal ist der Vulkan Mount Agung auf Bali ausgebrochen. Nun haben die Behörden erneut die höchste Alarmstufe ausgerufen. Die aktuellen Wolken seien noch nicht so besorgniserregend wie die bei früheren Eruptionen, sagte Erdbebenexperte Thomas Walter im Dlf. Die Folgen könnten aber dennoch verheerend sein.

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Ein kleiner Junge fotografiert vom Kubu sub-Distrikt in der Region Karangasem aus den erneut aktiven Vulkan Mount Agung auf der indonesischen Insel Bali am 26.11.2017./ (AFP / SONNY TUMBELAKA)
Der Vulkan Mount Agung auf der indonesischen Insel Bali am 26.11.17 (AFP / SONNY TUMBELAKA)
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Ulrich Blumenthal: Auf der indonesischen Insel Bali wird ein gewaltiger Ausbruch des Mount Agung befürchtet. Nach einer Reihe von kleineren Eruptionen gilt seit Montag rund um den mehr als 3000 Meter hohen Berg Alarmstufe rot. Bereits seit Samstag speit der Vulkan Lava. Beim letzten großen Ausbruch des Gunung Agung, wie der Vulkan in der Landessprache heißt, was übersetzt bedeutet "hoher Berg" oder "wunderbarer Berg", gab es 1963/64 über Tausend Tote. Ich habe vor der Sendung mit Dr. Thomas Walter, Leiter der Arbeitsgruppe Vulkangefahren im Geoforschungszentrum Potsdam, telefoniert und ihn zunächst gefragt, wie explosiv oder wie gefährlich der Vulkan aktuell ist?

Thomas R. Walter: Ja, das verfolgen wir auch mit Spannung - die Entwicklung auf Bali - und zwar der Agung hat sich nach über 50 Jahren Ruhephase jetzt neu gemeldet. Das war deswegen auch gar nicht mehr einer der Vulkane, die wir jetzt unbedingt ganz oben auf unserem Schirm hatten in Indonesien. Und deswegen gibt es auch nicht ein sehr dichtes Observationsnetz -  wie beispielsweise an anderen Vulkanen in Indonesien, wie zum Beispiel mit dem Merapi.

Nichts desto trotz: Die wenigen Stationen, die vor Ort waren, haben es sehr gut angezeigt, dass vor ungefähr sechs, sieben Wochen die Anzahl der seismischen Ereignisse - das sind kleine Erdbeben unter dem Vulkan - zugenommen hatte. Das hat weiterhin zugenommen über mehrere Wochen und sich dann aber auch wieder beruhigt, so dass man die Warnungsstufe  - das ist hier in Indonesien eine vierstufige Skala - wieder etwas zurückgesetzt hat und den Leuten, den Anwohnern erlaubt hatte, sogar wieder zurück zu ihrem Grund zu gehen. Jetzt hat sich die Situation wieder verändert. Schon in der vergangenen Woche hat sich eine sogenannte phreatische Eruption gezeigt. Das bedeutet, dass Wasserdampf entsteht; das kann auch schlagartig entstehen und sich den Weg freisprengen. So eine Dampfgas-Explosion ist oftmals ein Vorzeichen für eine magmatische Phase und jetzt sehen wir die magmatische Phase.

Hauptgefahr erstmal Aschepartikel

Blumenthal: Und wovon geht jetzt die größere Gefahr aus? Was bedeutet es, wenn Sie von einer magmatischen Phase reden? Was passiert da?

Walter: Die magmatische Phase bedeutet, dass wirklich neues Magma aus der Tiefe nach oben empordringt. Man sieht das beispielsweise auch sehr schön auf Fotos. Die phreatische Eruption, die zeigt sich durch eine sehr helle Wolke, ähnlich wie eine Wasserdampf-Wolke. Dagegen die magmatische Phase - das sind diese dunklen, schwarzen Wolken über dem Vulkan - was hauptsächlich durch feinste Aschepartikel herrührt. Davon geht auch jetzt die Hauptgefahr erst mal aus, dass Aschepartikel natürlich einerseits direkt eine Auswirkung auf den Luftverkehr und auf die Bevölkerung haben. Aber andererseits stehen wir jetzt kurz vor der Regenperiode in Indonesien. Das bedeutet, Asche kann durch Regen auch wieder mobilisiert werden und dann mit verfrachtet werden in die Täler und dort zu Schlammströmen führen, und Schlammströme können auch noch in vielen Zehnerkilometern Entfernung zu großen Zerstörungen führen.

Blumenthal: Sie haben es gerade angesprochen. Diese Schlammströme, die nennt man Lahare. Eine andere Form der Gefährdung oder der Gefahr, das ist eine Glutlawine, die dann aus Lava, Steinbrocken und Gas besteht. Was kann man da über den aktuellen Zustand sagen bei diesem Vulkan auf Bali?

Walter: Bislang habe ich noch keine Informationen über Glutlawinen bei dieser Eruption jetzt am Agung. Allerdings wenn wir zurückgucken, Sie erwähnten es: 1963/64 gab es eine sehr große Eruption am Agung mit einer Magnitude - die nennt sich Volcanic Explosivity Index - von fünf. Das bedeutet, dass Eruptionswolken bis 15 Kilometer Höhe und mehr aufsteigen und neues Magma gefördert wird in einem Volumen von ungefähr einem Kubikkilometer. Da sind wir jetzt noch weit davon entfernt. Allerdings bei der vergangenen Eruption 1963/64 haben sich derartige pyroklastische Ströme auch gebildet. Man kann sich das so vorstellen, dass eine Lawine ähnlich wie eine Pulverschnee-Lawine die Hänge herunterrauscht. Die ist allerdings mit ungefähr 300 bis 500 Grad noch so heiß, dass jegliche Vegetation und jegliches Leben verbrennt.

Insgesamt drei Eruptionen

Blumenthal: Gibt es irgendeine Möglichkeit, eine Prognose abzugeben, wie sich der Vulkan weiter entwickelt und verhalten wird? Muss man dieses Gefährdungspotenzial jetzt aufrecht erhalten, oder kann man aus welchen Anzeichen auch immer sagen, dass der Vulkan dann noch mal wieder so eine Wellenbewegung gemacht hat?

Walter: Genaue Prognosen zu machen, ist jetzt ganz schwierig. Das was schon relativ gut funktioniert ist, aufsteigendes Magma in einem Vulkan selbst zu detektieren. Das haben die indonesischen Kollegen auch sehr gut gemacht. Sie sind dann natürlich sehr vorsichtig gefahren, weil es eine touristische Insel ist, weil zahlreiche Touristen vor Ort sind und die Insel letztendlich auch davon abhängig ist, und haben trotzdem die Evakuierung sehr bedacht vorangebracht. Wie sich das jetzt weiter verhält, das ist im Bereich des Spekulativen. Allerdings: Wenn wir zurückgucken auf die vergangenen Eruptionen: Es sind insgesamt drei Eruptionen verzeichnet in den letzten 200, 220 Jahren, und die letzten beiden großen Eruptionen (das war 1863 und 1963) waren beides sehr große Eruptionen mit einer Magnitude fünf. Ich vermute mal, dass wir jetzt mit einer Eruptionshöhe von nur drei bis 3,5 Kilometer Höhe bei einer Magnitude zwei liegen. Das heißt, nach oben hin ist in der Skala noch sehr viel Luft und es ist auch möglich, dass wie bei dem letzten Ausbruch die jetzige Aktivität auch längere Zeit andauert. Das würde bedeuten, dass über ein Jahr wie zum Beispiel beim letzten Mal der Vulkan aktiv bleibt, und das wäre natürlich sehr verheerend für den Tourismus oder auch die Aufrechterhaltung des Flugverkehrs über der Insel und über den Nachbarinseln.

Zwei ungleiche Zwillinge

Blumenthal: Und auch für die einheimische Bevölkerung, würde ich annehmen, oder?

Walter: Jawohl.

Blumental: Agung und Batur, das sind zwei Vulkane auf Bali. Über den einen haben wir gesprochen. Der andere ist eigentlich so ein bisschen im Hintergrund. Man kann auch sagen, es sind zwei ungleiche Zwillinge. Beide stehen auf der Insel Bali, beides sind Vulkane, beide werden von derselben unterirdischen Magmaquelle gespeist. Der eine, Agung, haben wir gerade gehört, ist gerade aktiv und der andere eher so ein bisschen inaktiv. Wie kann es sein, dass zwei Vulkane, die die gleiche Quelle haben, sich so unterschiedlich verhalten?

Walter: Ja, das beobachten wir eigentlich weltweit. In Indonesien beispielsweise gibt es 150 aktive Vulkane und auch benachbarte Vulkane zeigen sich sehr unterschiedlich. Das ist gängige Lehrmeinung: Jeder Vulkan hat ein eigenes Verhalten und ist unabhängig von der Umgebung zu betrachten. Natürlich ist es schon so, dass auch Vulkane Wechselwirkungen haben. Benachbarte Vulkane können Wechselwirkungen haben, genauso wie Vulkane nach Erdbeben, nach großen tektonischen Erdbeben beispielsweise wachgerüttelt werden können und simultan eruptieren können. Bei den beiden Vulkanen jetzt auf Bali ist es tatsächlich so, dass, obgleich sie die gleiche Magmaquelle in der Tiefe haben, sämtliche oberflächennahe Prozesse komplett entkoppelt scheinen. Das heißt, der eine ist aktiv, der andere Vulkan schläft. Und anders herum: auch die Intervalle zwischen den Eruptionen sind sehr unterschiedlich. Aber derartiges beobachten wir global. Vulkane sind wirklich in sich als weitgehend isolierte Systeme zu betrachten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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