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Seit 18:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heuteMonster, Menschen, Maschinen12.01.2006

Monster, Menschen, Maschinen

Die Choreographin Meg Stuart bringt ihr neues Stück "Replacement" auf die Berliner Volksbühne

Die amerikanische Choreographin Meg Stuart gilt seit 15 Jahren als eine der unbequemeren Künstlerinnen der internationalen Tanzszene. Ihre Arbeiten thematisieren Aggressivität, Brutalität, Angst, Irritation oder Gleichgültigkeit. In ihrem neuesten Stück "Replacement" geht es um Monster und das Monströse, das sie als Chiffre benutzt.

Von Elisabeth Nehring

In "Replacement" geht es um Monster und um Politik. (Edition Memoria)
In "Replacement" geht es um Monster und um Politik. (Edition Memoria)

Monster sind keine Menschen. Monster sind das vom Menschen Abweichende, das Widernatürliche, Andere, das Übersteigerte und Verzerrte. Die Verwandlung der acht Akteure auf der Bühne beginnt langsam und unmerklich, ganz allmählich steigern sich ihre leichten Krämpfe und Verdrehungen in sich stetig wiederholende Absonderlichkeiten. Arme und Beine zucken unkontrolliert, die Körperteile isolieren sich, als ob sie nicht mehr zum Menschen gehören. Und zum Schluss scheint der Mensch kein Mensch mehr und noch kein Monster zu sein, wohl aber eine Maschine, ein manischer Automat.

Eine bedrohliche Atmosphäre liegt von Beginn an über dem ganzen Geschehen in "Replacement". Wir erfahren etwas von wahnwitzigen Menschenversuchen, von Operationen und medizinischen Experimenten, in denen Körper und Seelen zerstört werden. Von Gedankenkontrollen und Deformationen, von grausamen Strafen und erniedrigenden Unterwerfungen. In Videoeinspielungen und langen theatralischen Szenen beziehen sich Frankie, Tom, Jane, Sigal und die anderen immer wieder in zuweilen alptraumhafter Drastik auf die Grundsituation eines Laborversuches. Mit repetitiven, federnden, verhinderten, schwankenden und schüttelnden Bewegungen, im Wippen, Zucken und Zaudern ihrer Körper spricht sich das Abseitige, zuweilen auch Erschreckende aus.

Grandios ist vor allem das Bühnenbild - ein riesiger, sechseckiger Kasten mit einem spärlich möblierten Zimmer darin, der sich wie ein Hamsterrad einmal um die eigene Achse drehen lässt. In die Schräge geraten, sind Oben und Unten nicht länger deutlich voneinander getrennt. In einer der beeindruckendsten Szenen des Stückes kippt das Zimmer um 180 Grad, die Darsteller rutschen und hängen plötzlich kopfüber an der Decke, die eben noch der Boden unter den Füßen war und kämpfen fast frei schwebend mit dem Absturz. Die Perspektive wird dabei so grotesk verschoben, dass der Raum, obwohl derselbe, eine völlig andere Dimension gewinnt, riesig und bedrohlich erscheint. Die Verschiebung der Wahrnehmung ist ein künstlerisches Mittel, das Meg Stuart auch in ihrer choreographischen Arbeit interessiert.

"Natürlich konfrontiere ich das Publikum mit unbequemen Zuständen, zum Beispiel, in dem ich in manchen Szenen die Zeit sehr ausdehne, länger als es "angemessen" wäre oder es passiert so viel zugleich auf der Bühne, so dass sich der Zuschauer ein bisschen verloren und überfordert fühlt und nicht weiß, wo er hinsehen soll. All das fasziniert mich, weil man das Publikum dazu zwingt, eine andere Erfahrung zu machen. Ich denke, manchmal muss man den Leuten einen kleinen Schubs geben, so nach dem Motto: sieh dir das Leben mal von einer anderen Seite an."

Doch die Veränderung der Wahrnehmung gelingt nur zum Teil; das für Meg Stuart typische Element der zeitlichen Zerdehnung von Szenen läuft hier nicht selten ins Leere. Vor allem, wenn das Geschehen außergewöhnlich drastisch und aktionistisch wird, verliert es an Intensität. Die Elemente des klassischen Horrorfilms oder der Freakshow berühren weniger als die subtilen Szenen, wie etwa die brüchigen Versuche zwischenmenschlicher Kontaktaufnahme, die scheitern, weil ein Arm nicht will wie der Mensch oder sich der Körper immerfort selbstständig macht.

Doch gemessen an einem Stück wie "Alibi", in dem Meg Stuart auch den Zuschauer einer physischen und psychischen Tour de Force aussetzte, in dem sie ihn überwältigte und nervte, in ihrer nihilistischen Vitalität in jedem Fall aber bewegte, bleibt "Replacement" mit seinen Monsterbildern eine zwar wirkungsvolle, aber doch recht harmlose Behauptung. Zwar steigert sich die Atmosphäre schaurig, ist der Industriesound des Musikers Hahn Rowes eindringlich, die Bühne von Barbara Ehnes gewaltig und beeindruckend und alle Darsteller von starker Präsenz und Intensität. Und doch wollen die Bilder, die auf der Bühne entstehen, in keinen Tiefenraum vordringen, in dem das Monströse erst seine eigentliche Wirkung und vor allem Erfahrung entfalten könnte.

Konnte man Meg Stuarts frühere Arbeiten als treffende Zustandsbeschreibung der Welt oder pessimistische Zuspitzungen interpretieren, bleibt "Replacement" ein bloßes Kratzen am Gehäuse des Schreckens.

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