Montag, 11.12.2017
StartseiteCorso"Wir wollten nicht zu sehr politisch wirken"29.11.2017

"Montags 180°""Wir wollten nicht zu sehr politisch wirken"

Auf Pegida-Demonstranten zuzugehen - "auf einer anderen Ebene als der politischen", darum gehe es bei der Kampagne "Montags 180°", sagte die Grafik-Studentin Marleen Löser im Dlf. Im Rahmen eines von Facebook gesponserten Wettbewerbs entstehen derzeit weltweit Kampagnen gegen Extremismus in den Sozialen Medien.

Mareen Löser und Tobias Kunzmann im Gespräch mit Sigrid Fischer

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Computertaste mit der Aufschrift Hass und Paragraphen-Zeichen. (imago / Christian Ohde)
Insbesondere in Kommentaren in sozialen Netzwerken wird Hass gesät. (imago / Christian Ohde)
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Sigrid Fischer: Hassmails und Morddrohungen erhalten Politiker fast aller Parteien, und dann wird ein Bürgermeister mit dem Messer angegriffen, aus Worten werden Taten. Ein Hauptumschlagplatz für die verbale Hetze ist Facebook. Und Facebook sponsert einen internationalen Wettbewerb, bei dem Studenten Kampagnen gegen hasserfüllte und extremistische Inhalte in den sozialen Medien entwerfen. Zwei deutsche Hochschulen nehmen teil, eine davon ist die Fachhochschule Dresden, Fachbereich Grafikdesign. Da arbeiten u. a. Marleen Löser und Tobias Kunzmann an Alternativen für den Montagabend. Titel: "Und was machst Du montags?" - Guten Tag nach Dresden.

Tobias Kunzmann: Guten Tag!

Marleen Löser: Hallo.

Fischer: Ja, was kann man denn in Dresden montagabends so anderes machen als mit Pegida zu marschieren und zu skandieren?

Löser: Also es gibt natürlich verschiedene Alternativen: ob das jetzt ein schönes Essen mit Freunden ist, aber wir schlagen auch Veranstaltungstipps rund um Dresden vor, zum Beispiel Podiumsdiskussionen oder Kinobesuche. All das schlagen wir vor. Und es gibt wirklich sehr viel.

Fischer: Jetzt wundert mich so ein bisschen, dass eine Kategorie vielleicht fehlt: Man könnte sich ja auch politisch engagieren, zum Beispiel gegen Rechts. Also anders als die Pegida s - wär auch eine Möglichkeit für den Montagabend, oder?

Verbindung, nicht Spaltung

Kunzmann: Wir wollten mit der Kampagne nicht zu sehr politisch wirken. Das hat den Grund: Da wir der Meinung waren, dass die, die wir ansprechen wollen …

Löser: Wir wollen mehr eine Fusion schaffen, eine Bindung zwischen uns und denen, die wir empfangen wollen. Und das, dadurch dass wir Grafiker sind, dass wir Gestalter sind, eben mit einem Blickfang und mit knalligen Neonfarben, um Denkanstöße anzuregen, auch auf einer anderen Ebene als die politische Ebene, die sonst bevorzugt wird.

Kunzmann: Wir wollen auch ein Mitgefühl mit unserer Zielgruppe schaffen. Wir sind der Meinung, dass wenn man jetzt etwas gegen die sagt, dass das die eher weiter …

Fischer: Spalten würde. Ja. Also ins Kino gehen kann man ja mit jedem, egal welcher politischer Meinung er ist.

Löser: Genau.

Kunzmann: Genau. Als Beispiel: Wenn man jetzt gegen jemanden lästert - als kleines Beispiel - würde der auch nicht auf einen zukommen.

Fischer: Okay. Deswegen also unverfängliche Angebote für den Montagabend. Ich habe gelesen, Interaktionen im öffentlichen Raum und Guerilla-Marketing gehören auch zu dem Projekt. Was stelle ich mir da vor?

Löser: Also wir haben zum Beispiel auch ein Graffiti bei uns in der Dresdener Neustadt anbringen lassen. Und wir haben auch selbst noch eine Aktion geplant, wo wir kleine Graffitis mit unserem Logo in der Stadt verteilen, einfach um ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen für unsere Webseiten, also die Facebook-, Twitter- und Instagram-Geschichten.

Fischer: Sie haben einen Paulchen Panther irgendwo hingesprüht. Und dann hieß es: Hey, der ist doch von der NSU eigentlich besetzt. Das ging dann ein bisschen nach hinten los, oder?

Kunzmann: Ja, das ist natürlich ein bisschen kontrovers im Netz gewesen. Wir haben das nicht in dem Kontext gesehen. Wir wollten Paulchen Panther, weil das ein chilliger Dude ist, haben unsere Graffiti-Sprayer gesagt. Er ist für uns in dem Moment eher eine Kindheitsfigur gewesen. Und wir haben das gar nicht in diesem Kontext gesehen.

Löser: Wir entfernen uns ja auch ziemlich von diesen ganzen NSU…

Fischer: Ja, ist klar. So wurde es dann natürlich aufgefasst in den Zusammenhang.

Löser: Genau.

"Wir versuchen es mit sachten Mitteln"

Fischer: "Montags 180°" ist ja der Obertitel Ihres Projektes. Welche Reaktionen bekommen sie denn sonst noch?

Löser: Allgemein ist es eigentlich relativ positiv. Wir fordern auch immer dazu auf, dass unsere Follower selbst aktiv werden und sagen: Hey, das habt ihr diesen Montag gemacht. Das ist noch ein bisschen schleppend, aber wir wünschen uns für die Zukunft, dass das noch flüssiger wird.

Fischer: Keine Anfeindungen von Pegida zum Beispiel?

Löser: Noch wenig.

Fischer: Aha.

Kunzmann: Es kommen natürlich schon Reaktionen.

Löser: Durch die Paul-Panther-Geschichte kam natürlich die ein oder andere Anfeindung, aber …

Fischer: Die kam ja wahrscheinlich nicht von Pegida, sondern von der linken Seite, oder?

Löser: Unter anderem, auch. Aber davon lassen wir uns jetzt nicht weiter beirren und gehen unseren Weg.

Fischer: Aber Sie glauben grundsätzlich, man kann Menschen umstimmen mit einer solchen Aktion?

Löser: Einen Versuch ist es zumindest wert, oder?

Kunzmann: Also wenn man es nicht versucht … Wir versuchen es halt mit sachten Mitteln, sage ich jetzt mal. Und wir hoffen natürlich, dass es ankommt. Man kann es nicht beeinflussen, aber wir hoffen natürlich, dass es eine positive Auswirkung auf solche Leute hat.

Fischer: Sind denn diese Montagsversammlungen von Pegida eigentlich immer noch stark in Dresden? Man hört natürlich in den Medien nichts mehr. Entweder es ist Gewohnheit oder es ist fast nicht mehr vorhanden. Wie beobachten Sie das?

Löser: Ich sage mal, wenn man irgendwann an der Straßenbahnhaltestelle steht montagabends und die Straßenbahn nicht kommt, dann ist es schon so: Hm ja, ist ja wieder Pegida. So ist die Einstellung dann dazu.

Fischer: Achso, man nimmt das so hin.

Löser: Es ist leider so, dass der Montagabend einfach so behaftet ist mit Pegida - was ja auch der Ansporn war für uns. Montags, 180, dreh' dich da einfach mal woanders hin.

Kunzmann: Jawohl.

Billige Reinwasch-Kampagne für Facebook?

Fischer: Mich interessiert, wie Sie jetzt gerade als junge Menschen, die mit Sicherheit Facebook nutzen, wie Sie die Rolle von Facebook da eigentlich sehen. Facebook öffnet ja letztlich die Schleusen für solche Hasskommentare, aber fühlt sich ja nie verantwortlich und unternimmt nicht so richtig etwas. Die Politik mahnt ja schon. Und so weiter. Und das geht ja alles unglaublich schleppend. Wie sehen Sie da die Rolle, dass die da jetzt den Wettbewerb unter den Hochschulen sponsern?

Kunzmann:! Naja, ich denke mal, die wollen damit auch entgegenwirken. Die sehen das ja auch und finden das sicher nicht gut. Und deshalb werden sicher solche Kampagnen aus dem Boden gestampft.

Fischer: Naja. Sagen wir mal: Sie liefern denen jetzt super Ideen. 80, 90 Hochschulen - die beteiligen sich mit 1.000 Dollar pro Hochschule, habe ich gelesen - das heißt, sie kriegen für 90.000 Dollar, was ja weniger als Peanuts ist, super Ideen, um dann möglicherweise für sich selbst eine Reinwasch-Kampagne zu machen. Mir würde es so ein bisschen aufstoßen, wenn ich daran mitmachen würde. Also es ist ein Aspekt, denn man zumindest vielleicht kritisch sehen könnte.

Löser: Durchaus kann man das vielleicht kritisch sehen. Aber wir sehen eigentlich alles recht positiv.

Kunzmann: Also darüber haben wir natürlich auch nachgedacht.

Löser: Ja.

Kunzmann: Aber das ist für uns eine Möglichkeit, die wir einfach wahrnehmen können.

Löser: Genau.

Fischer: Suchen Sie eigentlich auch manchmal die direkte Ansprache mit solchen Pegida-Leuten am Montagabend? Oder haben Sie noch nie mit jemandem gesprochen, der da hin geht?

Löser: Bisher haben wir den direkten Weg noch nicht gesucht. Nein. Und ich denke auch nicht, dass das in Zukunft für uns ein Thema sein wird.

Fischer: Okay. "Montags 180°" heißt das Projekt von Dresdener Grafikdesignstudenten gegen Hass und Hetze in den Sozialen Medien. Und der Gewinner der ganzen Kampagne, der darf ja im Januar in Washington sein Projekt vor Facebook präsentieren. Viel Erfolg an Marleen Löser und Tobias Kunzmann.

Kunzmann: Danke schön.

Löser: Danke schön.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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