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StartseiteBüchermarktMoral vor Kriminalistik27.11.2007

Moral vor Kriminalistik

Kommissar Polonius Fischer ist anders als seine Kollegen

Friedrich Anis neuer Krimi "Hinter blinden Fenstern" spielt in der asozialen Welt des Münchner Stadtteils Milbertshofen. Gewinner und psychisch intakte Menschen gibt es in Anis Krimi nicht, seine Protagonisten gehören zu einer Unterwelt der Marginalisierten. Die Geschichte leidet unter einem Zuviel an Moral.

Von Jochen Rack

Das schöne München. (Stock.XCHNG / Matthias Schimmelpfennig)
Das schöne München. (Stock.XCHNG / Matthias Schimmelpfennig)

Die Welt in Friedrich Anis neuem Krimi ist voll von Verlierern, Menschen, die es nicht schaffen, ihrem Leben einen Sinn zu geben oder ihre ökonomische Existenz zu sichern, die ausgestoßen oder vergessen sind, soziale Außenseiter und Sonderlinge, gezeichnet sind von seelischen Traumata, körperlichen Verletzungen und zerstörten Hoffnungen. Ein Personal, das auf den ersten Blick nicht zum Schauplatz München zu passen scheint, in dem Friedrich Ani seinen Kommissar Polonius Fischer zum zweiten Mal auf Ermittlungsarbeit schickt: Das München, das er porträtiert, ist nicht die schicke, reiche Mittelstandsmetropole gutverdienender Angestellter, die ihre kriminelle Energie auf Schmiergeldzahlungen und Steuerhinterziehung konzentrieren, sondern eine dämonische Glasscherben- und Unterschichtenwelt, die er nicht zufällig in den nördlichen Stadtteil Milbertshofen verlegt, das in der öffentlichen Wahrnehmung als sozialer Brennpunkt gilt.

"Ich suche mir Schauplätze aus nach den Charakteren, die ich vorher entwickelt habe, und diese Charaktere, die ich da entworfen habe, waren für mich eher am Rande der Stadt. Und für mich ist der Norden der Stadt ein Ort, an dem die Stadt ausfranst, und das ist normal, auch München franst aus, auch wenn man das nicht glaubt.

Milbertshofen ist ja kleinbürgerlich bis hin unauffällig, und schon am Mittleren Ring zur Autobahn hin, Gewerbeflächen, es franst aus, es ist etwas ruppig, etwas grauer. Der ganze Norden Münchens ist ja zum Teil anders von der Sozialstruktur her als der Süden, und das sind eh meine Figuren, Leute, die eher unauffällig sind.

Vielleicht ist es besser, wenn ich die Figuren Erniedrigte nenne, Verlorene, Leute, die nicht genau wissen, wie - es steht schon fest, dass morgen die Sonne aufgeht, aber es ist sehr ungewiss, ob die bis in ihre Zimmer vorscheint. Und das ist eher das, und dieses Personal ist nicht anders als in allen meinen anderen Büchern. Unauffällige Menschen in schlecht beleuchteten Zimmern, das ist durchgehend so. Da ist mein Personal übersichtlich, man wird bei mir nie Lehrer in Cordhosen finden oder Grünwalder Leute, die nach dem vierten Martini morgens nicht mehr ihren Bentley gerade aus der Einfahrt bringen, das ist nicht mein Milieu."

In Milbertshofen, jenem kleinbürgerlichen Münchener Problemviertel kommt es "Hinter blinden Fenstern", so lautet der Titel des Krimis, zu jenen Verbrechen, die Ani interessieren: Zunächst ist da der Fall des verschuldeten Ladenbesitzers Cornelius Mora, der im SM-Studio der 56-jährigen Prostituierten Clarissa Weberknecht stirbt - durch einen Unfall, wie sich schnell herausstellt, nicht durch Mord, so dass Clarissa nur zu zwei Jahren Bewährung davonkommt.

Auf den zweiten Todesfall, der dann ein wirklicher Mord ist, muss der Leser eine Weile warten: Der Bösewicht heißt Bertold Gregorian, ist ein pensionierter Detektiv und hat es als eifersüchtiger Stammgast Clarissas auf deren Freund Hans Fehring abgesehen. Gregorian mietet sich in Milbertshofen eine Wohnung - direkt gegenüber der von Clarissa -, observiert sie und ersticht schließlich Fehring auf dem Oktoberfest, ohne dass eine der vielen Überwachungskameras die Tat aufzeichnet. Den psychologischen Hintergrund für seine Tat deutet Gregorian einmal an, als er Clarissa im Club erzählt, sein Vater habe ihn als Kind misshandelt. Die sadomasochistische Beziehung zu der Prostituierten erscheint ihm offenbar als einzige Möglichkeit sein Gefühl, er sei in der Welt verkehrt, zu bewältigen.

"Der Gregorian ist ein Getriebener, der sich verbissen hat in die Vorstellung, dass diese Frau sein Leben in Ordnung bringen kann, was er nicht begriffen hat, dass er immer versucht hat, ein anderes Leben zu führen, dass er ein wirklich gescheitert ist, der dann diese aberwitzige Idee entwickelt, sie zu beobachten und ihren Freund umzubringen. Ja, Eifersucht spielt sicher mit, aber es ist Besessenheit, es ist eine irre Tat, eine Tat ohne wirkliches Motiv, Besessenheit, diese Frau für sich haben zu wollen und mit ihr leben."

Ausführlich vertieft sich Ani in die Innenwelt seines Helden und zeigt ihn bei der Vorbereitung auf die Tat. Das führt allerdings dazu, dass Anis Krimi an Spannung verliert. Statt der Frage "Wer hat es getan?" verschiebt sich das Interesse auf die Frage "Warum hat er es getan?"

"Tätermotive ist wichtig und interessant, aber auch das Leben der Opfer, die Welt der Opfer, die Welt derjenigen, die in ein Verbrechen hineingeraten, vor allem auch Opfer und Angehörige. Die Erzählungen vom Menschen, das ist das Entscheidende, und wenn man sich darauf einlassen will in einem Kriminalroman, dann ist es kein Problem, dann ergibt sich Spannung von selber, durch Neugier an den Figuren, und wenn einem das zu viel ist, zu weitschweifig, gibt es genug andere Krimis.

Es ist ja hier schon so angelegt, eh schon sehr merkwürdig für einen Kriminalroman, eh schon fast tödlich, sehr riskant, dass der Kommissar auf den ersten 100 Seiten kaum auftritt. Also er ist irgendwie anwesend, man sieht ihn und spürt ihn schon, er taucht auch auf ganz kurz, es geht um ganz andere Personen. Und allein diese Art von Dramaturgie ist schon so, dass ich riskieren muss, dass Hardcore-Leser sich da wundern und sagen: Wo ist mein Kommissar? Und da müssen wir alle durch."

Die Rolle von Polonius Fischer, dem Kommissar in Anis Krimi, kann sich, weil der Leser schon weiß, wer der Täter ist, logischerweise nicht auf die reine Ermittlungsarbeit beschränken; der Mordfall, wie Polonius ihn wahrnimmt, hat über die rein kriminalistische eine metaphysische Bedeutung. Denn Polonius Fischer war, bevor er Kriminalbeamter wurde, Benediktinermönch, und so grübelt er nicht nur darüber nach, wer der Täter sein könnte, sondern lässt sich von der Frage quälen, wieso es Gott überhaupt zulässt, dass soviel Elend in der Welt ist. Anders gesagt, Polonius Fischer stellt die Theodizee-Frage, und Anis Krimi hat einen moralphilosophischen Hintergrund.

Zweifellos muss ein Kommissar nach den Motiven eines Täters fragen, Motive haben intrinsische Bedeutung für die Aufklärung eines Falles, für Anis gläubigen Kommissar aber sind sie so wichtig, dass er zum Beispiel bei einer Vernehmung wider jede Glaubwürdigkeit einen Psalm zitiert oder Verdächtige mit der Frage behelligt, ob sie an Gott glauben oder die Bibel lesen. Spannender als diese Passagen sind jene, in denen Anis Kommissare die Frage diskutieren, ob Überwachungskameras bei der Aufklärung von Verbrechen helfen können.

"Es ist ja lächerlich und gleichzeitig realer denn je. Die Überwachung soll ja der Sicherheit dienen, und das klappt natürlich nicht, weil man das Verbrechen nie verhindern kann, auch wenn man 20 Kameras hat, weil man nicht hinter blinde Fenster hineinleuchten kann. Auf der andern Seite hilft es der Polizei, einen Täter zu finden, aber sie werden niemals ein Verbrechen verhindern. Es ist auch umstritten bei der Polizei, die menschliche Wachsamkeit wäre viel entscheidender."

Auf die Spur von Gregorian gerät Polonius Fischer und seine Crew jedenfalls nicht durch Videoüberwachung, sondern durch Zufall - bei den Ermittlungen in einem andern Fall: der Entführung der sechszehnjährigen Schülerin Linda durch den psychisch gestörten Arthur Fallnik, der gleichzeitig ein Nachbar von Gregorian ist. Wie dieser kann Fallnik seine Beziehungen zu Frauen nur sadomasochistisch gestalten; in seiner Wohnung hält er Linda gefangen und gerät ins Visier von Polonius Fischer, als vor seinem Haus die Leiche eines Obdachlosen in einem Müllcontainer gefunden wird. Der dritte mysteriöse Todesfall.

"Für den Fallnik ist diese Entführung auch nichts anderes als ein Versuch, sich selber zu spüren, sich selber nahe zu kommen, blöderweise hat er nicht damit gerechnet, dass dieses Mädchen viel stärker ist als er. Also, der ist auch einer von denen, die wahrscheinlich nie aus diesem Lebenszimmer rauskommen, in das er sich eingesperrt hat."

Zu der asozialen Welt von Milbertshofen gehören in Anis Krimi noch seltsame Nachbarn, die eine Art Bespitzelungsclub ins Leben rufen, aber bei ihrem Versuch, der Polizei zu helfen, nur die Falschen verdächtigen, zum Beispiel einen gerade arbeitslos gewordenen Seifenopern-Schauspieler, der sich "hinter blinden Fenstern" von seiner Umwelt zurückzieht und die Sprache verliert. Gewinner und psychisch intakte Menschen gibt es in Anis Krimi nicht, seine Protagonisten gehören zu einer Unterwelt der Marginalisierten, und ihre äußere Beschreibung gerät Ani leider oft etwas hölzern: Sei es dass er Polonius Fischers "fleischige Wangenknochen" in einem "schmalen Gesicht" oder seine "durch ihre enorme Krümmung hervorstechende, wuchtige Nase" beschreibt oder das "scheue", wahlweise "dürre Lächeln" einer seiner Figuren, denen es nicht selten an psychologischer Glaubwürdigkeit mangelt: Clarissa zum Beispiel, die bei ihrer Vernehmung zunächst so tut, als lasse sie der Tod ihres Klienten kalt, und nichts anderes will, als so schnell wie möglich in ihren Club zurückzukehren, erscheint in er nächsten Szene auf einmal als "schwermütig" - wohl kaum die angemessene Beschreibung für die Stimmungslage eines Menschen, der (wenn auch) unabsichtlich den Tod eines anderen herbeigeführt hat.

Wer einen Kommissar erschafft, der sich mit den innerweltlichen Ermittlungsmethoden nicht begnügt, sondern metaphysischen Fragen nachgeht, neigt wohl leicht dazu, Psychologie gegenüber Weltanschauung zu vernachlässigen. Mit den ironisch-flapsigen Kommissaren, wie man sie aus dem Tatort kennt, hat Anis Kommissar Polonius Fischer jedenfalls nichts zu tun; er ist vor allem eine moralische Instanz; und das heißt auch: etwas blutleer; über sein Privatleben erfährt man nicht viel, seine Freundin Karin bleibt vage, und dass er ihr am Ende des Krimis - nach 13 Jahren des Zusammenseins - gesteht, er sei das Kind einer Prostituierten, kann man nur als schmalzig bezeichnen.

Weniger Moral, mehr differenzierte Soziologie, das hätte man sich in Anis Krimi gewünscht; ob das mit einem Kommissar als Hauptfigur zu machen ist, der moralische vor Ermittlungsfragen stellt, ist fraglich.


Friedrich Ani: Hinter blinden Fenstern
Zsolnay Verlag, Wien

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