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StartseiteHintergrundMord durch Hunger28.11.2007

Mord durch Hunger

Vor 75 Jahren: Stalin befiehlt den "Holodomor" in der Ukraine

"Manchmal fühlte man sich - das sag ich aber heute - damals hätte ich das nicht so bezeichnet wie so ein 'malenjkij sverjok', so ein verschrecktes kleines Tierchen. Erst war man erschrocken, dass der Mann da lag so einfach. Und dann roch er natürlich schlecht. Und dann, als man wusste, was das ist, dann drehte sich das alles um. Das war irgendwie unbewusst vielleicht. Als Kind fühlte man da eine gewisse Gefahr. Hier war 'Gorje', hier war Leid. Leid, das dann illustriert wird. Das ist kein Naturereignis. Das ist eine Katastrophe, die von Menschen gemacht war."

Von Robert Baag

Gruppenfoto einiger Überlebender der Hungersnot aus der ukrainischen Ortschaft Krasylivka, 1934 (AP)
Gruppenfoto einiger Überlebender der Hungersnot aus der ukrainischen Ortschaft Krasylivka, 1934 (AP)

Marina Jevgenjena Grinjova - vor 75 Jahren war sie gerade einmal sieben Jahre alt. Aber dieses Bild hat sie nie vergessen. Da lag plötzlich ein Unbekannter unter dem Treppenabsatz, verkroch sich in der Darwin-Straße, Haus-Nr. 37, dort, wo sie mit ihren Eltern im ersten Stock wohnte. Ein eher ruhiges Viertel in Charkiv, damals die Hauptstadt der ukrainischen Sowjetrepublik:

"Erst einmal war man erschrocken, als man den dort sah. Was sollte man tun? Dann hat man ihn gefragt - und dann stand es fest, dass es ein Bauer ist, der nicht in die Kolchose gehen wollte und dem man seinen Hof genommen hat, nun hatte er kein Einkommen und muss hungern."

Im November und Dezember 1932, als der Hunger bereits Todesopfer gefordert hatte, wurden die brutalsten Terrormaßnahmen gegen die ukrainischen Dörfer verhängt, die dazu führten, dass die Opferzahlen dort viel höher stiegen als in den anderen Hungergebieten der UdSSR,

schreibt der Kölner Historiker und Ukraine-Experte Gerhard Simon in seinem Ende 2004 erschienenen Aufsatz "Der Holodomor als Waffe" und fährt fort:

Diese Maßnahmen der Regierung erfüllen den Tatbestand der vorsätzlichen Tötung. Die Verhängung von 'Naturalienstrafen' und die Einführung von 'Schwarzen Listen' wurden durch einen Beschluss des Politbüros der der Ukraine vom 28. November 1932 sanktioniert. Diesen Beschluss diktierte Vjatscheslav Molotov dem ukrainischen Politbüro in die Feder, er leitete als Bevollmächtigter Stalins die Sitzung.

"Holodomor" - so das ukrainische Wort, "Golodomor" auf Russisch. Beide beschreiben dasselbe: Die "Große", künstlich von Moskau aus provozierte Hungersnot Anfang der 30er Jahre in weiten Teilen der Sowjetunion, eine Hungersnot, von der die Ukraine besonders in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft damals gilt als Auslöser der Katastrophe. Das private Bauerntum ist der kommunistischen Macht ein Dorn im Auge. Das Land soll schnellstmöglich industrialisiert werden. Getreideverkäufe ins Ausland sollen Devisen erwirtschaften, um wiederum im Ausland die dazu nötige Technik kaufen zu können. Josef Stalin, Generalsekretär der Kommunistischen Partei und seine Gefolgsleute im Politbüro entschließen sich radikal gegen das Bauerntum vorzugehen. Das System der "Schwarzen Listen" beginnt bald Wirkung zu zeigen - Nina Laptschinskaja, Historikerin aus Charkiv:

"Es durften keine Gebrauchs- und Haushaltswaren mehr in solche Dörfer geliefert werden: Streichhölzer, Kerosin, Seife, also alles Dinge, die man auf dem Land nicht selbst herstellen kann. Damit nicht genug: Selbst Vorräte dieser Art, die es noch im Dorfladen gab, wurden konfisziert und abtransportiert. Wenn der Bauer den Abgabeplan nicht erfüllt hatte, musste er das 15-fache an Strafe entrichten in Form von Fleischabgaben. Aber sein ursprüngliches Abgabesoll an Getreide musste er natürlich auch noch liefern. Das Ende vom Lied: Der Bauer war verschuldet, aber hatte nichts mehr. Wer den Mund aufmachte, wurde ganz einfach als politisch Verdächtiger verhaftet."

"Vater gab Getreidekörner ab, so viel er konnte. Meine Mutter wollte, dass er etwas zurückbehielt. Darauf er zu ihr: 'Wenn ich das tue, wird man mich verhaften. Wir müssen alles abgeben.' - Und er gab alles ab. Weshalb ich das noch weiß? Weil ich mich in diesem Kasten, wo das Korn aufbewahrt wurde, oft versteckt habe. - Und dann kamen sie an, zwei Mann, der eine raucht zusammen mit meinem Vater mitten auf dem Hof. Und der andere kriecht hin und her, schaut in jeden Winkel, stochert mit dem Bajonett herum. Ich hatte Angst, dass er gleich das kleine Versteck mit meinen Kinderschätzen entdecken würde, bunte Steine und so etwas, aber der war schon auf dem Weg zum Dachboden hoch. Und da stand ein Sack mit Erbsen. Und den griff er sich. Ich hab' mich mit den Zähnen in sein Hosenbein verbissen. Doch der zerrte weiter an dem Erbsensack. Mutter schrie die ganze Zeit schrecklich und verzweifelt: 'Womit soll ich denn meine Kinder ernähren? Womit?!' Und auch ich ließ nicht los, bis er mir einen Fußtritt gab, so dass ich in die Ecke flog."

Michail Vassiljevitsch Chvorost aus dem Dorf Kostiv, im Bezirk Valki, etwa 80 Kilometer nordwestlich von Charkiv Richtung Poltava. Auch er war damals ein Schulkind, heute ist er 85 Jahre alt. Das Geschehen vor einem Dreiviertel-Jahrhundert hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Seinen Nachbarn, Nikolaj Skojev, hat er vor ein paar Jahren einmal gefragt: "Wie viele deiner Leute sind damals eigentlich umgekommen?" - Dessen Antwort:

"Ich habe mir eine Namensliste aller Verwandten gemacht. Hinter jeden von ihnen konnte ich immer nur ein Wort schreiben: Umerla, umerla, umerla i umerla!"

Tot, tot, tot, tot, tot.

Als "Hauptstadt der Verzweiflung" bezeichnen heute Historiker das Charkiv zu Beginn der 30er Jahre: Brotmarken gab es nur für Städter. Da ihre beiden Eltern arbeiteten, holte die damals siebenjährige Marina Grinjova manchmal die Brotration für die Familie:

"Wenn man zum Laden kam, da hat es zwei Schlangen gegeben: Eine Schlange rechts, die größere - das waren wir mit den Karten. Links standen dann die Bauern, die 'Nishtschie', wie man sie nannte, die Bettler - und diese Bettler, das waren die Brotproduzenten in der normalen Zeit, das waren die Bauern, die aus den Dörfern in die Städte gingen, um nicht auf dem Land eben zu verhungern. Die standen da mit ausgestreckten Händen... Und wenn wir dann aus dem Laden gingen - es ging keiner raus, der nicht eine Zuwage oder wenn das Brot im großen Stück war, nicht eine Ecke abgerissen hätte, um es diesen Leuten zu geben. Und das war wirklich ein ganz, ganz tragisches Erlebnis."

Larissa Hrebentschuk erlebte mit, wie die gestrandeten Menschen schließlich liegen blieben:

"Ein paar lebten noch. Aber die Kommandos kehrten sie förmlich zu Haufen zusammen und karrten sie aus der Stadt heraus. Dort kippten sie sie in Gruben ab, die sie anschließend zuschütteten. Kleine Kinder, Mädchen und Jungen fielen vor Schwäche immer wieder hin, versuchten weiterzulaufen, fielen hin, baten um ein Stückchen Brot. Ich konnte das einfach nicht mehr mit ansehen. Als ich endlich zu Hause war, habe ich nur noch hysterisch geweint und geschrieen."

Die ganze Ukraine - einst Kornkammer des Zarenreichs - litt Hunger. Der Moskauer Historiker Venjamin Zima hat im Archiv der sowjetischen Geheimpolizei - abgekürzt erst GPU, dann NKWD - nachgeforscht:

"Da gibt es einen ganzen NKWD-Aktenvorgang für das Gebiet Poltawa. Die Bevölkerung eines ganzen Bezirks hatte sich an den Bahngeleisen niedergelassen und mitbekommen, wie Eisenbahnzüge voll beladen mit Getreide in Richtung Zentral-Russland oder Richtung Schwarzmeer-Häfen an ihnen vorbei fuhren, um das Getreide zu verschiffen und ins Ausland zu exportieren. Die hungernden Menschen, so ist in den NKWD-Akten nachzulesen, stürmten Haltestellen, um sich Korn zu holen, das dort auf den Abtransport wartete und im Regen schon zu verfaulen begann. Dies aber galt als Diebstahl und war verboten. Die ausgehungerten Frauen und Kinder kümmerten sich nicht darum, öffneten die Waggons und fingen an sie zu entladen. Aus den umliegenden Dörfern kamen immer mehr hungernde Menschen dazu, bis kurz darauf NKWD-Truppen eingriffen und diese Hungerrevolte gewaltsam niederschlug, wobei es auch Tote gab."

Das Furchterregendste aber, das mit dem "Holodomor" verbunden bleiben wird, sind die nach hunderten, andere sagen in die Tausende gehenden Fälle von Kannibalismus:

"Meine Cousine", erinnert sich der Mann, "war sehr viel jünger als ich. Sie hatte drei kleine Kinder. Und diese drei kleinen Kinder sind von den Nachbarn verspeist worden. Verschlungen worden! Und seine Nachbarin weiß noch, wie sie ermahnt wurde:

"Kinder, geht nicht vors Haus. Das ist jetzt sehr gefährlich. - Vielleicht habt ihr das noch nicht gehört, aber vor kurzem wollte ein Mann Wasser vom Brunnen holen, ist dort umgekippt und erfroren. Seine Frau ging ihn suchen, fand ihn. Sie zog ein Messer, schnitt sich Stücke von ihm ab und hat die gegessen."

1932. Sowjetische Wochenschau-Bilder: Der englische Schriftsteller und Dramatiker George Bernard Shaw und eine Gruppe englischer Sozialisten besuchen die UdSSR und berichten anschließend über volle Restaurants mit reichhaltigen Menüs. Die Gäste aus dem Ausland werden mit allen Ehren und Aufmerksamkeiten empfangen - so wie kurz darauf auch der französische Ex-Premierminister Edouard Herriot. Zu jener Zeit also, als die Hungersnot in der Ukraine am schlimmsten wütete. - Edouard Herriot bedankt sich beim Abschied für die warmherzige Gastfreundschaft bei Regierung und Volk der Sowjetunion. Trotz Propagandaanstrengungen, Informationsblockade und offenen Lügen - der Westen wusste dennoch bald Bescheid. - In Arthur Koestlers "Der Yogi und der Kommissar" ist über seine damalige Ukraine-Reise nachzulesen:

Unter meinem Fenster in Charkov zogen jeden Tag Leichenbegängnisse vorbei. Kein einziges Wort über die örtliche Hungersnot, über Epidemien, das Aussterben ganzer Dörfer. Man bekam ein Gefühl traumhafter Unwirklichkeit; die Zeitungen schienen von einem ganz anderen Land zu sprechen, das keinerlei Berührungspunkte mit dem täglichen Leben, das wir führten, hatte, und ebenso verhielt es mit dem Rundfunk.

Doch der Westen schweigt und macht Geschäfte mit Moskau. Stalin und seine Komplizen können ungehindert weitermachen.

Vereinzelte zaghafte Proteste aus dem Ausland prallen ab an den hermetisch abgeriegelten Grenzen der Sowjetunion.

"Stalins Verhältnis zur Ukraine war von Anfang an, seit 1917, negativ. Stalin war damals in der Sowjetregierung Volkskommissar für Nationalitätenfragen. Er hatte eine Art 'idée fixe' in Bezug auf die Ukraine. Als ob sie so eine Art 'Fünfter Kolonne' innerhalb der UdSSR sei und die Sowjetunion jederzeit verraten könnte. Also könnten die Repressionen aus seiner Sicht so etwas wie eine Präventiv-Maßnahme gewesen sein."

Dagegen Venjamin Zima, Historiker am Moskauer Institut für Geschichte:

"Nein, das sehe ich nicht so. Hunger schlägt wahllos zu. Er war nicht vorsätzlich. Das Ziel war ein anderes: Die Frage der Industrialisierung der UdSSR sollte gelöst werden. Auf welchem Weg sollte das geschehen? Eben genau auf diesem! Die Industrialisierung sollte mit einem hohen Tempo vor sich gehen, forderte Stalin. Und nicht in maßvollen Schritten, wie dies die Experten und Stalin selbst noch einige Zeit zuvor verlangt hatten."

Die Ukrainer als Volk, so Zima, seien nicht das Verfolgungsobjekt für Stalin und das kommunistische Politbüro gewesen, sondern:

"Die Bauern als Klasse", so Zima, "waren damals noch nicht proletarisiert". Also machten sich die sowjetischen Führer dazu ihre Gedanken. Mit dem Ergebnis, wie Stalin es dann formuliert habe: 'Das Bauerntum muss zum Verbündeten werden - einen anderen Weg hat es nicht'!" - Die entsprechenden Maßnahmen hätten aber nicht nur die Ukraine, sondern auch andere Teile der Sowjetunion betroffen. Nina Laptschinskaja hält dagegen:

"Die Kasachen konnten sich wenigstens zum Teil über die Grenze nach China retten. Der Hunger im Wolga-Gebiet war ebenfalls grausam! Auch da wüteten die Abgabe-Kommissionen. Aber: Im Unterschied zur Ukraine nahm man den Menschen dort nicht alle Lebensmittel weg! Und nur in der Ukraine war es den Bauern nicht erlaubt, die imaginäre Landesgrenze zu Russland zu überschreiten. Spezial-Passierscheine waren dazu erforderlich. Und die bekamen sie nicht! Wer ohne Passierschein außerhalb seines Wohnortes angetroffen wurde, den schickte man zurück - wenn er Glück hatte. Diese Ausweglosigkeit, sich nicht retten zu können, auch das ist ein Unterschied zur Hungersnot in Russland!"

Und Vassilij Marotschko, Historiker am Zentrum zur Erforschung des Genozids bei der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften in Kiew fügt hinzu:

"Ob es nun ein Sozio- oder ein Genozid war, das ist für mich ein Spiel mit der Terminologie, an dem sich einige ukrainische und westeuropäische Historiker gerne beteiligen! - Aber wenn ich diese verehrten Kollegen frage: 'Welche Nationalität hatten denn die Bauern in der Ukraine?', bleiben sie stumm... Der Anteil der ethnischen Ukrainer unter den Bauern betrug knapp 87 Prozent! - Gegen wen also - zieht man die Konsequenz in Betracht! - hat man den Hunger eingesetzt??! - Dann: Die Korrespondenz zwischen Kaganovitsch und Stalin: Da fällt andauernd das Wort 'Ukraine', 'ukrainisch'. Die ethnische Komponente wird dort stets betont. An keiner Stelle heißt es: 'Die sozialistische Ukraine' oder die 'sowjetische Ukraine'. Vielmehr liest man: 'Die ukrainische Frage muss gelöst werden.' - Der Hunger, das steht für mich fest, hatte einen anti-ukrainischen Beweggrund!"

Marotschkos Forschungen auf der Basis freigegebener Stalin-Telegramme und -Fernschreiben haben, wie er sagt, inzwischen die These von der direkten Verantwortung des Diktators und dessen Politbüro-Genossen Molotov und Kaganovitsch für den Holodomor bestätigt. Wahrscheinlich wird es nie mehr genau möglich sein, die Zahl der Opfer dieser künstlich und bewusst herbeigeführten Hungersnot festzustellen. Aktuell lauten die Schätzungen: Zwischen siebeneinhalb und zehn Millionen Menschen seien beim Holodomor ums Leben gekommen, davon alleine rund zwei Millionen im Gebiet von Charkiv, das damals aber wesentlich mehr Bezirke umfasst hat als heute.

Staatspräsident Viktor Juschtschenko und - mit Ausnahme der Kommunisten - die Mehrheit der ukrainischen politischen Klasse versuchen deshalb seit geraumer Zeit, den Holodomor vor den Vereinten Nationen als "Völkermord" anerkennen zu lassen. Einige Staaten, darunter die USA und Kanada, haben dieser Bitte entsprochen. Deutschland hält sich zurück. Russland, das sich als Rechtsnachfolger der UdSSR bezeichnet hat, lehnt dies ab:

"'Was den Holodomor betrifft', zitiert Marotschko den russischen Präsidenten Putin, 'da setzen wir jetzt einen Punkt! - Das betrifft uns nicht!' - Ja, Putin sagte das!" Das Thema "Holodomor" hält für Stefan Chrobot durchaus noch künftiges Konfliktpotential parat. Der Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kiew ist der Ansicht:

"Was eine ganz schlimme Konsequenz wäre einer falschen Debatte oder einer falschen Instrumentalisierung: Der jüdische Polit-Kommissar hat am Golodomor teilgenommen, und deshalb muss jetzt der Golodomor gegenüber der Holocaust-Dramatik aufgewertet werden. Beides sind große Dramen und sie jetzt sozusagen genau zu wägen: Welches Drama war schlimmer oder wie "-stellig" zu einander - das wäre eine schlimme Entwicklung in dieser Diskussion. Von daher wäre es wichtig, dass eine unabhängige wissenschaftliche Fach- und Sach-Debatte stattfindet. Wissenschaftler sind auch zum Teil interessenbestimmt. Und dass auf dieser Forschung die Politik dann Grundlagen hat, auf der sie dann angemessene Verarbeitung und Entscheidung treffen kann. Dass es nicht Populisten anheim fällt."

Der Mannheimer Politologe und Zeithistoriker Egbert Jahn hat schon vor drei Jahren einen Vorschlag gemacht, wie mit dem Phänomen "Massenmord" polemikfrei umzugehen wäre. In der Zeitschrift "Osteuropa", deren Dezember-Ausgabe 2004 ausschließlich dem "Holodomor in der Ukraine und der UdSSR" gewidmet war, rät er:

Es gibt keinen vernünftigen Grund für einen Wettbewerb um die Krone des barbarischsten und grausamsten Massenmordes der Weltgeschichte, bei dem es darum ginge, Quantitäten und allerlei Qualitäten der Verfahrensweisen, der Motive und der Folgen des Mordens und dergleichen mehr im einzelnen zu gewichten, untereinander abzuwägen und zu einem Gesamturteil zu aggregieren. Debatten darüber, ob Dschingis Khan, Tamerlan, Hitler, Stalin, Mao oder sonst wer der größte Verbrecher aller Zeiten war, haben lediglich den Reiz des Perversen, aber keinerlei wissenschaftlichen oder humanen Sinn. Insofern gehören nicht nur ein einzelner, sondern mehrere auf ihre spezifische Weise einzigartige Massenmorde gleichberechtigt und ohne Wertungshierarchie in das Gedächtnis der Menschheit.

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