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StartseiteBüchermarktMythos mit Makeln21.04.2009

Mythos mit Makeln

Lukas Hartmann: "Bis ans Ende der Meere", Diogenes

Es gibt ganze Bibliotheken über das Leben von Captain James Cook. Die meisten Autoren halten sich an den Mythos des moralisch lupenreinen Entdeckers. Langsam allerdings beginnt sich das Blatt zu wenden. Und der 65-jährige Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann trägt mit seinem Buch "Bis ans Ende der Meere" dazu bei.

Von Brigitte Neumann

Eine Nachbildung von James Cooks "Endeavour" im Hafen von Honolulu  (AP Archiv)
Eine Nachbildung von James Cooks "Endeavour" im Hafen von Honolulu (AP Archiv)

"Ich hatte auf Hawaii einen richtigen Streit in einem Bistro mit einem Tischnachbarn. Das war ein pensionierter General. Der wollte wissen, was ich hier als Schweizer suche, und ich habe ihm von meinem Projekt erzählt. Und als er nur das Geringste gespürt hat, auch von meiner kritischen Sicht auf Cook, ist er wirklich aufgebraust. Er ist aufgestanden, ist zu meinem Tisch gekommen, hat mich an meinem Arm ergriffen und hat gesagt: Auf Cook lasse ich nichts komme! Das ist die Legende, die dann alles andere überstrahlen muss, das Bedürfnis, hier wirklich ein makellosen Helden vor sich zu haben."

Lukas Hartmann hat - für den Leser spürbar - nicht nur ein gründliches Quellenstudium betrieben, bevor er mit seinem Abenteuer-, Entwicklungs- und Künstlerroman "Bis ans Ende der Meere" anfing. Er hat auch einige Stationen der letzten Expedition James Cooks bereist. Auf Hawaii wurde der britische Kartograph und Weltumsegler 1779 von Eingeborenen ermordet. Es gibt ganze Bibliotheken über das Leben und insbesondere das Sterben von Captain James Cook. Die meisten Autoren halten sich an den - nicht nur von dem pensionierten General gewünschten - Mythos des moralisch lupenreinen Entdeckers. Langsam allerdings beginnt sich das Blatt zu wenden. Und der 65-jährige Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann trägt sein Quäntchen dazu bei. Dreh- und Angelpunkt seines Rückblicks ist das Ende Cooks.

"Es ist auch ein ganz umstrittenes Thema zwischen Ethnologen der dritten und der ersten Welt. Das ist eine der größten Kontroversen, die in den letzten 20 Jahren stattfand. Warum musste Cook sterben? Also, für mich ist klar, dass die Briten nicht begriffen haben, dass sie sich in einer Gesellschaft bewegten, die auf Tabus aufgebaut war. Und dass es unglaublich verletzend war für die ganze Kultur, Tabus zu brechen und gebrochen zu sehen durch die Besucher, die man doch eigentlich freundlich, überschwänglich empfangen und bewirtet hat."

Bei Cooks Mannschaft besonders begehrt waren die schönen Südseeinsulanerinnen, die sich, wenn man den Quellen glauben möchte, jederzeit gerne mit den Engländern vergnügten. Aber dann stahlen die Einheimischen ein Beiboot, und das harmonische Miteinander zwischen Gästen und Gastgebern, zwischen Entdeckern und Entdeckten hatte ein plötzliches Ende. Captain Cook fand ganz entschieden, dass an diesem Punkt kein Pardon gegeben werden dürfe. Im Eigentumsdelikt sah er eine Gefahr für die Grundfesten der Zivilisation. Auch die Wilden, die seines Erachtens im - Zitat - "Dämmerschlaf der reinen Kindlichkeit" verharrten, müssten Respekt vor dem Eigentum lernen. Zu diesem Zweck ließ er kurzerhand die Tochter des Inselkönigs entführen und auf seinem Schiff einsperren. Das musste einen Aufstand auslösen, meint Lukas Hartmann:

"Es herrschte ja lange die Meinung vor, er wurde dort umgebracht von den Wilden - eigentlich aus unverständlichen Gründen. Die Briten haben sich doch so friedlich betragen. Und das wurde ja auch zu einer Ikone - aufgrund des Bildes von Webber - für die Gefahr, die von Wilden ausgeht. Da wird der edle Wilde, der für Rousseau galt, zu einer Kippfigur, die sich fast augenblicklich in den bösen Wilden, auch den Mörder und Kannibalen verwandelt."

John Webber, dessen Kupferstich "Der Tod James Cooks auf Hawaii" weltberühmt wurde, war der von Amts wegen offiziell bestellte Maler der dritten Cookschen Expedition. Sie dauerte vier Jahre und war mit dem Auftrag unterwegs, die Nordwestpassage zu finden, eine Abkürzung zwischen Atlantik und Pazifik. Lukas Hartmann macht John Webber zum Erzähler dieser bedeutsamen Reise, und zeigt ihn einerseits als haltungsschwache Nebenfigur andererseits als skrupulösen Protokollanten des Geschehens.

"Er hat ja versucht, sich vor allem als Künstler zu entwickeln. Er hatte gewiss den Ehrgeiz, im Portraitieren so weit zu kommen wie die bedeutenden englischen Maler jener Zeit, zum Beispiel Josuah Reynolds. Und ich denke er war auch immer wieder konfrontiert mit einem Mangel an Fähigkeiten, einem Mangel letztlich an großem Talent. Und vielleicht hatte er da auch recht wenig Widerstandskraft gegenüber den Zensuranforderungen, denen er sich auf der Reise zu beugen hatte. Er war ein Gehilfe der Admiralität. Ich denke, das hatte er erkannt. Und es gelang ihm wohl auch nicht, das wettzumachen mit einem ganz bedeutenden Talent. Aber gerade deshalb ist für mich diese Figur sehr interessant gewesen."

Webber sollte die Reise in Skizzen und Gemälden dokumentieren. Wie, das sagte ihm Captain Cook. Seine Vorgaben gingen ins Detail: Hintergrund, Haltung, die Farbe der Hose. Als Webber zaghaft aufbegehrte, entgegnete Cook: "Über der Wahrheit steht die Staatsraison." So durfte zum Beispiel die entführte Hawaianische Prinzessin nicht in Geiselhaft in ihrer Kajüte gezeigt werden, wie Webber das wollte, sondern huldvoll lächelnd in blühender Natur.

Der ängstliche, loyale Webber ist für die Funktion des Erzählers der perfekte Charakter. Neben ihm strahlen starke Figuren wie der Schiffsarzt Anderson umso heller. Besonders in den Dialogen.

Hier Andersons Entgegnung auf Captain Cooks Vision eines glorreichen England, das den Wilden eines Tages die Segnungen seiner Kultur bringen würde:

"Eigentlich könnte man meinen", sagte Anderson, "haben die Insulaner schon alles, was sie brauchen. Sind wir nicht im Grunde genommen Störenfriede? Sie wissen doch, Sir, dass wir nebst unseren Errungenschaften auch unsere - sagen wir - Unzulänglichkeiten exportieren. Das macht mir als Arzt zu schaffen. Ich habe Insulaner mit großen syphilitischen Geschwüren getroffen, Sir. Tertiäres Stadium, das zum Tod führt. Sehr unschön. Die Seuche hat sich innerhalb von vier Jahren, seit unserem letzten Besuch, explosionsartig verbreitet."

Der 65-jährige Berner Schriftsteller und Politikerberater Lukas Hartmann geht mit dieser Geschichte vom Zusammenprall der Kulturen zurück zum Beginn einer Entwicklung, die wir heute Globalisierung nennen.

Hartmann imaginiert die mutmaßlich ersten Irrtümer in dieser Beziehung zwischen Fremden. Irrtümer, deren Ausläufer heute in den Ghettos europäischer Großstädte zu verfolgen sind. Er benutzt dabei die historischen Fakten wie einen alten, fleckigen Spiegel, in dem wir nicht Szenen von damals sehen, sondern immer nur uns, wie wir hineinblicken. Auf der Suche danach, wie wir wurden, was wir sind.

Hartmann beschreibt dieses Vergangene, aus dem unsere Gegenwart wuchs, auf gründliche, unaufgeregte, solide Art. Da ist kein Misston, kein forcierter Stilanspruch, keine Manieriertheit. Er bringt Leben in die Historie und verleiht Cooks letzter Exkursion Plastizität - mit wunderbar ausgemalten Szenen von Einsamkeit, Not, Schmerz, Verlangen und Machtgier.

Und noch etwas: Mit seinem neuen Roman "Bis ans Ende der Meere" illustriert Lukas Hartmann den schönen Satz des Germanisten Peter von Matt "Der Schluss aller Literatur ist - Aufschluss."

Lukas Hartmann: "Bis ans Ende der Meere: Die Reise des Malers John Webber mit Captain Cook", Diogenes, 486 Seiten, 21,90 Euro

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