Freitag, 15.12.2017
StartseiteMusikjournalEin Leben mit Bach und Cembalo02.10.2017

Nachruf auf Zuzana Růžičková Ein Leben mit Bach und Cembalo

Zuzana Růžičková überlebte das Konzentrationslager. Ihre Hände waren zerschunden, doch sie kämpfte sich zurück ins Leben und wurde zu einer der bedeutendsten Bach-Interpretinnen des 20. Jahrhunderts. Die tschechische Cembalistin ist am 27. September in Prag gestorben.

Von Johannes Jansen

Die Cembalistin Zuzana Růžičková (14.1.1927 bis 27.9.2017) (picture alliance/dpa - Petra Masova/CTK)
Zuzana Ruzickova (picture alliance/dpa - Petra Masova/CTK)
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Die Cembalistin Zuzana Růžičková Musik als Hoffnungszeichen

"Das war kein Mut und keine Stärke, das war nur pures Glück. Oder wollen wir vielleicht sagen – ich hatte einen guten Engel?"

Es ist eine Geschichte, bei der sich jedem, der sie hört, das Herz zusammenkrampft. Aber es ist auch die Geschichte einer wunderbaren Rettung.

Auschwitz, in den ersten Junitagen 1944, kurz nach Landung der Alliierten in der Normandie. D-Day. Die Vernichtungsmaschinerie gerät für einen Augenblick ins Stocken. Statt ins Gas schickt man die 17-Jährige Zuzana Růžičková zur Zwangsarbeit in den Bombenhagel von Hamburg. Als der Transport beginnt, hält sie ein Stück Papier in der Hand. Es ist alles, was sie noch besitzt und woran sie sich klammert: ein handgeschriebener Notenzettel mit einer Sarabande von Bach, ihrem Lieblingsstück. Bei der Verladung weht er ihr aus den Fingern. Ihre Mutter, die unten steht, fängt den Zettel auf und will ihn ihr wieder hinaufreichen. Hände ergreifen sie und ziehen sie auf die Ladefläche. So bleiben sie zusammen, Mutter und Tochter, bis zum Kriegsende. Und überleben.

Růžičkovás Traum als junge Frau: Bach auf dem Cembalo

30 Kilo wiegt Zuzana Růžičková noch bei ihrer Befreiung in Bergen-Belsen. Die Hände sind zerschunden. Ihre alte Klavierlehrerin aus Pilsen bricht in Tränen aus, als sie diese Hände sieht. Aber Zuzana kämpft sich zurück ans Klavier und in ihr Leben. Bald gilt sie als eine der besten tschechischen Beethoven-Interpretinnen. Doch ihr Traum heißt Bach. Bach auf dem Cembalo. Der Erfolg beim Internationalen Musikwettbewerb in München 1956 und danach ihre Aufnahme der Goldberg-Variationen in Prag lassen einen Produzenten in Paris aufhorchen. 1965 bietet man ihr einen Zehnjahresvertrag für die Gesamtaufnahme des Bach’schen Klavierwerks an. 25 Langspielplatten.

Die Růžičková wird zur Vorzeigekünstlerin – im Ausland. In ihrer Heimat schätzt man vor allem die Devisen, die sie heimbringt und natürlich abzuführen hat. Jüdische Künstler haben es im immer noch stalinistisch gefärbten Kommunismus schwer, besonders diese Tochter aus bürgerlichem Haus mit ihrem Faible für das hoffnungslos vorgestrige, als aristokratisch beargwöhnte Instrument. Bis 1990 bleibt der Professorentitel ihr verwehrt, obwohl sie überaus erfolgreich unterrichtet. Illustre Namen berufen sich auf sie als Lehrerin: Christopher Hogwood, Václav Luks, auch Mahan Esfahani.

Eine charmante Rebellin

Ihm, dem letzten Schüler, hat sie ihr Lieblingsinstrument vermacht, ein großes Ammer-Cembalo aus der Nachkriegszeit. Manche Kollegen aus dem Westen haben sie dafür belächelt. "Un-authentisch" war noch der mildeste Vorwurf. Heute wissen wir es besser: Auch zur Bach-Zeit waren Instrumente mit 16-Fußregister in Gebrauch. Sie hat es immer gewusst.

"Aber es ist von einer Idee zu einer Ideologie geworden, und das konnte ich einfach nicht mitmachen, rein gefühlsmäßig. Man muss als Interpret wahr sein und das geben, was man fühlt. Das habe ich versucht und war dabei natürlich ein bisschen auch ein Rebell."

Ein charmanter Rebell, damenhaft-elegant und selten ohne Zigarette anzutreffen. Ihrem Mann zuliebe, dem Komponisten Viktor Kalabis – selbst ein starker Raucher –, hat Zuzana Růžičková, als er krank wurde, das Rauchen für eine Weile aufgegeben. Als die Ärzte sagten, das nütze in ihrem Alter auch nichts mehr, fing sie wieder an. Mit größtem Behagen. Dem Leben zugewandt bis zuletzt - und Bach.

"Er war für mich ein Mystiker in dem Sinne, dass Gott immer da war. Auch wenn er einen guten Wein getrunken oder Kinder gemacht hat. Er hat mir den Weg zu etwas Größerem, als wir sind, gezeigt. Beethoven hat mir leider nicht geholfen. Denn er war ein Rebell. Er hat dem Himmel gedroht. Das war das Gefühl, das ich hatte, als ich aus dem Konzentrationslager kam. Wie konnte er nur? Bach hat mir darübergeholfen."

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