Kultur heute / Archiv /

 

Nachwuchs bei den Monegassen!

Kleist-Vertonung "Die Marquise von O." in Monte Carlo

Von Jörn Florian Fuchs

René Koerings Kleist-Oper "Die Marquise von O."
René Koerings Kleist-Oper "Die Marquise von O." (Jörn Florian Fuchs)

Der Franzose René Koering zeigt, wie sich die Vertonung der Erzählung "Die Marquise von O." von Heinrich von Kleist anhört. Er machte daraus eine geniale Oper, die in Monte Carlo uraufgeführt wurde.

Exklusivmeldung aus Monte Carlo: die Monegassen haben Nachwuchs bekommen! Nein, nicht Prinz Albert und seine Schwimmerin haben es endlich geschafft – eine gewisse Marquise von O. wurde adoptiert. Zumindest vom Opernpublikum in der pittoresken Salle Garnier, einer blitzblanken Miniversion der großen Schwester aus Paris. Allerdings ist die Oper von Monte Carlo im Casino, also muss man erstmal an blinkenden Spielautomaten vorbei, bevor wunderbar weiche rote Samtsessel zum Hineinsinken einladen. Von seinem komfortablen Sitzgemach aus blickt man dann auf die sehr nahe Bühne und sieht meist schön dekorierte Inszenierungen von Opernklassikern. Gelegentlich schauen auch mal Domingo, Flórez oder Garanča auf ein Rezital vorbei. Doch an diesem Karfreitag kam es anders.

Zu begutachten war die Leidens- und Liebesgeschichte der Marquise von O. Die rettete einst ein Graf vor der Beinahe-Vergewaltigung, doch irgendwie landete er stracks mit ihr im Bett. Und schwängerte sie auch noch. Aus diesem irgendwie schuf Heinrich von Kleist eine seiner schönsten Novellen. Der Franzose René Koering machte daraus zwei knappe, ziemlich geniale Opernstunden. Die Marquise begegnet uns gleich doppelt, sie sitzt unter einer Laube, mit Blick ins Tal sowie vorüberziehenden Videowolken, und singt in ihr Tagebuch. Dazwischen schieben sich schnell geschnittene Szenchen, edle Salons, der nicht ganz so edle Graf, Kriegsbilder, Familiendispute – alles rauscht in Daniel Benoins perfekter Inszenierung rasch vorbei und bleibt doch in Seele, Herz und Hirn haften. René Koering beherrscht sein Metier, da hetzen Strawinsky-Synkopen durch die Bläser, kratzbürstige Streicher fordern Hörnervenstärke, Klänge wie von einem präparierten Cembalo kitzeln und witzeln. Immer wieder rumpelt und ächzt der riesig besetzte Schlagwerkapparat, Wassergongs, Bongos, das Vibrafon und andere Krachmacher sorgen für reichlich Tamtam. Aus dem Off warnt und mahnt ein Chor, erst dissonant verschmierend, dann mehr und mehr in Bach haften Chorälen aufgehend (passend zum Karfreitag). Straff führt Lawrence Foster das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo, trotzdem gibt es ein paar kleinere Torkeleien. Außerdem klingt in 'Petit Garnier' alles staubtrocken.

Sophie Marin-Degor verleiht der Marquise vokal Flügel und sieht dabei zum Anbeißen aus, ihr Graf (Trevor Scheunemann) kommt als adäquater Beau rüber und singt auch so. Kim Begley gibt den mürrischen Marquisen-Vater mit überzeugendem Grummeln, Graciela Araya darf als Marquisen-Mutter dem Töchterchen klangschön Trost spenden.

Das Ende lassen Koering und sein kluger Librettist Leo Hoffmann ganz kleistisch in der Schwebe. In zwei weit voneinander entfernten Logen singen Graf und Marquise ein Abschiedslied, erst allein, dann im Duett. Auf der nun fast leeren Bühne huscht ein Knäblein herum und wir, ja, wir verdrücken ein Tränchen.

Und auch des Kritikers Sitznachbar und seine am üppigen Juwelenschmuck ständig herumnestelnde Gattin sind gerührt und applaudieren mit offenbar typisch monegassischer Zustimmung: eine halblaut in den Saal gerufene Mischung aus "bravo" (französisch) und "bravi" (italienisch). Vielleicht wäre "breve" diesen Herrschaften aber noch lieber gewesen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

"Surrogate Cities Ruhr"Die Gleichzeitigkeit von Unvereinbarem

Der Intendant des Kunstfestivals "Ruhrtriennale"

Heiner Goebbels Fragmentkomposition "Surrogate Cities" von 1994 funktioniert wohl in jeder Stadt. In der Aufführung von "Surrogate Cities Ruhr" in der Duisburger Kraftzentrale geht es in der Choreographie von Mathilde Monnier um die für urbane Räume typische Gleichzeitigkeit von Unvereinbarem.

Theater Die Zeichen stehen auf Begeisterung

Literaturfestival BerlinWas Tod und Bomben aus Menschen machen

Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra, Preisträger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung während des Festakts anlässlich der Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2014 im Gewandhaus.

Wie politisch Literatur sein kann, erfuhr man beim diesjährigen Internationalen Literaturfestival Berlin gleich mehrfach: Romane über afrikanische Bootsflüchtlinge, Gesprächsrunden mit Autoren aus Russland und der Ukraine. Das ging unter die Haut.

 

Kultur

TheaterDie Zeichen stehen auf Begeisterung

Das Düsseldorfer Schauspielhaus, aufgenommen am 26.02.2014

"Ein Sommernachtstraum" eröffnet die neue Spielzeit am Düsseldorfer Schauspiel und es scheint fast so, als ob das Stück in der Regie von Álex Rigola einen Nerv getroffen hat: Die sehr lustige, stimmige und opulente Inszenierund trieb auch die zuletzt so theaterrenitenten Düsseldorfer zu Standing Ovations.

"Surrogate Cities Ruhr"Die Gleichzeitigkeit von Unvereinbarem

Der Intendant des Kunstfestivals "Ruhrtriennale"

Heiner Goebbels Fragmentkomposition "Surrogate Cities" von 1994 funktioniert wohl in jeder Stadt. In der Aufführung von "Surrogate Cities Ruhr" in der Duisburger Kraftzentrale geht es in der Choreographie von Mathilde Monnier um die für urbane Räume typische Gleichzeitigkeit von Unvereinbarem.

80. Geburtstag von Sophia LorenVom Pin-Up zur Hollywoodgöttin

Eine undatierte Aufnahme der Schauspielerin Sophia Loren..

In Deutschland wurde Sophia Loren lange nur als Busenstar und südländische Schönheit gehandelt. Dabei überzeugt sie auch mit ihren schauspielerischen Qualitäten. Loren wurde der Thron einer Hollywoodgöttin nicht geschenkt, den sie damals als einzige, nicht anglophone Europäerin nach Ingrid Bergman erklimmen konnte. Heute vor 80 Jahren wurde sie geboren.